Roman
: Betty Boras und „Das schönste aller Leben“

Die 1984 im rumänischen Banat geborene Autorin Betty Boras kam als Kind nach Deutschland, ins Schwäbische. Sie erzählt vom Fremdsein und dem Druck, sich anzupassen, nicht aufzufallen.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Betty Boras auf der Leipziger Buchmesse

Die im Banat geborene Autorin Betty Boras auf der Leipziger Buchmesse.

Jürgen Kanold
  • Debütroman „Das schönste aller Leben“: Betty Boras präsentiert ihn auf der Leipziger Buchmesse.
  • Inhalt: Vio flieht als Kind aus dem Banat, wächst in Schwaben auf und passt sich streng an.
  • Druck der Eltern prägt Vio, ihre Tochter verunglückt – Schuldgefühle und Schönheitszwang eskalieren.
  • Erzählweise mit mehreren Perspektiven, darunter 1760 Theresa und die „Banater Erde“ als Stimme.
  • Themen sind Fremdsein, Identität, Mutterschaft und der Wunsch nach „dem schönsten Leben“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Dichtes Menschengedränge am Stand des Hanser Verlags in Halle 4 auf der Leipziger Buchmesse. Betty Boras kennt das, als Leserin, als Besucherin. Aber in diesem Jahr ist sie als Autorin gekommen und trifft sich dort zum Gespräch mit unserer Zeitung. In den Regalen liegt ihr Debüt „Das schönste aller Leben“ aus, gleich neben Dorothee Elmigers Buchpreis-Roman „Die Holländerinnen“. Das sei alles so „unwirklich“, sagt die 42-Jährige, die in Eislingen/Fils (Landkreis Göppingen) mit ihrer Familie wohnt.

Deutsch war in der Schule ihr Lieblingsfach, sie studierte Germanistik und Philosophie und unterrichtet an einem Gymnasium in Schwäbisch Gmünd. Sie fing dann auch an, auf Instagram über Literatur zu bloggen. Aber der Traum vom eigenen Buch? Wenn eine Frau bis 30 nichts veröffentlicht hat, dann werde das nichts mehr, habe Marcel Reich-Ranicki, der Großkritiker, einmal postuliert. Na ja. „Ich war leider kurz vor 40“, erzählt sie lachend, „aber dann brachte Jane Campell ihre Kurzgeschichten ,Kleine Kratzer' heraus. Sie war 80. Das verbesserte meine Perspektive.“

Der Titel ihres Romans „Das schönste aller Leben“ klingt nach Rosamunde Pilcher, eine wolkig grün gemalte Wohlfühllandschaft ziert den Umschlag. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Kurz nach dem Sturz des Diktators Ceauşescu flieht die Familie der sechsjährigen Vio aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Die Eltern tun sich schwer in der neuen schwäbischen Heimat, bauen sich aber eine Existenz auf: sich anpassen, nicht auffallen, fleißig sein; dass die Nachbarn nicht schlecht über einen denken. Die nächste Generation soll es besser haben. Oder wie es in einem Sprichwort heißt: „Der Erste hat den Tod, der Zweite die Not, der Dritte erst das Brot.“

Narben im Gesicht

Vio wächst heran, versucht dazuzugehören; die Eltern sind glücklich, wenn sie deutsche Freundinnen hat. Und sie machen ihr Druck: Sie soll die beste Schülerin sein, sie stecken sie im wahrsten Sinne in ein Korsett, ärztlich verordnet, damit das Mädchen eine schöne Frau wird, damit als „richtige“ Deutsche Anerkennung findet. Vio geht diesen Weg, erfolgreich. Sie heiratet, wird Mutter einer Tochter, doch die Zweijährige verbrüht sich das Gesicht, trägt Narben davon. Vio macht sich krankhaft Vorwürfe: Sie hat versagt, ihr hässliches Kind werde in dieser Welt keine Chance haben.

Warum reagiert die Mutter so obsessiv? „Weil sie so erzogen wurde, weil sie überzeugt ist, ein Defizit ausgleichen zu müssen“, sagt Betty Boras. Sie hat selbst eine solche Einwandererinnen-Biografie, diesen Migrationshintergrund: wurde 1984 in Arad/Rumänien geboren, kam als Kind nach Deutschland, als so viele Banater Schwaben ausreisten. Ihr Roman erzählt nicht zuletzt davon, wie sich diese Menschen „das Fremdsein abtrainieren“ mussten, um sich zu integrieren.

Viel Erfahrenes steckt in dem Roman – aber das konkrete Schicksal dieser Vio, etwa der Unfall der Tochter, sei natürlich Fiktion. Betty Boras hat ihr Buch spannend aufgebaut, sie erzählt aus verschiedenen Perspektiven. So meldet sich Vio, die Mutter, als Ich-Erzählerin aus der Gegenwart: Sie will für ihr Kind „das schönste aller Leben“. Verständlich, aber ist das  so radikal erstrebenswert? Rückblickend wiederum schildert die Autorin, wie Vio aufwächst.

Und sie bringt noch eine historische Figur, Theresa, ins Spiel: Diese junge Frau lebt 1760 in der Nähe von Wien, arbeitet auf einem Hof, bis sie sich in den Pfarrer verliebt. Die Keuschheitskommission untersucht den Fall und verbannt die Frau in ein Lager ins Banat. Dieser Theresa wird ihre Schönheit zum Verhängnis: „Schönheit ist eine Währung, die Anerkennung und Macht verleihen, aber auch gefährlich sein kann, weil sie Neid und Missgunst auf sich zieht“, sagt die Autorin.

Es ist sogar ein vierstimmiger Roman. Denn auch „die Banater Erde“ spricht, als mythisches Gewissen geradezu, poetisch: „Ihr könnt mich nie ganz zurücklassen. Zu viele Jahre habe ich mich in euch hineingeschrieben.“ Herkunft, Heimat, Aufbruch, Identität, Mutterschaft, die Suche nach Glück, das selbstbestimmte Leben – darum geht's. Betty Boras jedenfalls ist gut angekommen, mit einem sehr eindringlichen, Mut machenden Roman. Ach ja, ihr Geburtsname sei Hubert, sagt sie auf dem Hanser-Stand in Leipzig. So viele Banater Schwaben fragten, wer denn diese Schriftstellerin sei. Es ist eine, die weiß, wo sie herkommt – aber nichts verklärt.

Betty Boras: Das schönste aller Leben. Hanserblau, 240 Seiten, 22 Euro.

Betty Boras: Das schönste aller Leben. Hanserblau, 240 Seiten, 22 Euro.

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