Premierenkritik „Der Chronoplan“
: Albert Einstein, Julia Kerr und die Mainzer Zeitmaschine

Als Hitler den „Chronoplan“ stahl:  Julia Kerrs Oper ist in Mainz nach fast 100 Jahren uraufgeführt worden.
Von
Jürgen Kanold
Mainz
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Wer geht auf Albert Einsteins Zeitreise in unheilvollen Zeiten? "Der Chronoplan" am Staatstheater Mainz.

Wer geht mit auf Albert Einsteins Zeitreise in unheilvollen Zeiten? "Der Chronoplan" am Staatstheater Mainz.

Andreas Etter
  • Die Oper „Der Chronoplan“ von Julia Kerr wurde am 24. Januar 2026 im Staatstheater Mainz uraufgeführt.
  • Das Werk entstand 1930–1932, wurde jedoch durch die NS-Zeit und Flucht der Kerrs jahrelang nicht aufgeführt.
  • Die Oper verbindet historische Figuren wie Albert Einstein und Lord Byron mit Zeitreise-Elementen.
  • Norbert Biermann rekonstruierte das Werk, das durch eine aufwendige Inszenierung wiederbelebt wurde.
  • Die Aufführung thematisiert Fortschritt, Untergang und historische Ereignisse mit musikalischer Vielfalt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ein Bankett ist angerichtet im gestaffelten Festsaal. Unter dem dreifachen Rundleuchter, der sich zum Atommodell verdrehen kann, wird Spanferkel serviert. Albert Einstein aber feiert keinen Geburtstag, er hat illustre Gäste eingeladen, den Maler Max Liebermann, die Nobelpreisträger-Kollegen Gerhart Hauptmann und George Bernard Shaw, um ihnen seine Zeitmaschine, den Chronoplan, vorzuführen. Wobei etwa Richard Strauss, der Komponist, lieber Skat klopfen und Bier trinken will als mitzufahren, um etwa die historische Salome kennenzulernen.

Einstein, das Physikgenie, hat aber offenbar noch mehr erfunden: Die Stubenmädchen werden aufgezogen zum automatenhaften Einsatz. Es ist das Jahr 1929, unbedingter, ja euphorischer Fortschrittslaube, die glorifizierte Moderne der Goldenen Zwanziger. Aber die Weltwirtschaftskrise zieht auf, die Nationalsozialisten erstarken, Vorzeichen des Unheils. Schöne Idee, jetzt mal zum Erkenntnisgewinn die Vergangenheit zu erkunden, Einsteins Trip geht freilich schnell der Sprit aus. Sie landen 1805 in England, in der Romantik, wo sie dem Dichter Lord Byron begegnen, der aber noch gar nicht weiß, dass er berühmt wird.

Einstein zieht nun das körperliche „Unter-Ich“ aus dem Romantiker heraus, das Freudsche Unterbewusstsein, das die Gestalt eines Homunculus hat, riesenrattenschwänzig und mit spacigen Ohren, und der singen kann, in Tenorlage. Und, erweckt durch Einsteins Geigenspiel, auch viel zu sagen hat.

Romanhafte Entstehungsgeschichte

Wir befinden uns nämlich in der Oper, im Staatstheater Mainz, und dort hatte am Samstag (24. Januar 2026) „Der Chronoplan“ von Julia Kerr Uraufführung, in einer relativ aufwändigen, lange das Publikum unterhaltendem Inszenierung von Lorenzo Fioroni: Und wer dabei war in der stark beklatschten Premiere, der fühlte sich auch selbst auf Zeitreise. Denn diese Oper wurde schon 1930-1932 komponiert. Und hat eine romanhafte, aber wahre Geschichte.

Die Komponistin Julia Kerr? Das war die Mutter von Judith Kerr, die wiederum in ihrem weltberühmten Kinder- und Jugendbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von der Flucht ihrer von den Nationalsozialisten bedrohten jüdischen Familie ins Exil erzählt. Das Mädchen beklagt darin, dass sie ihr Kuscheltier zurücklassen muss, ihre Mutter aber einen großen Stapel vollgeschriebenen Papiers mitnehmen darf. Es handelte sich um das Manuskript der Oper „Der Chronoplan“.

Julia Kerr (1898-1965), die auch Eduard Mörikes Märchen „Die schöne Lau“ vertonte, war die 31 Jahre jüngere zweite Frau des sehr einflussreichen, berühmten, so bissigen wie geachteten Großkritikers und Schriftstellers Alfred Kerr – und der schrieb (und reimte) auch das Libretto zu dieser Oper.

Die Komponistin hatte sich in der Weimarer Republik einen Namen gemacht, war up to date, versiert mit allen Mitteln für ein solches Werk: Zeitoper à la Krenek, atonale Sachlichkeit im Stile Weills, ebenso vertraut war sie mit der Spätromantik, der Schreker-Magie, der silbernen Operetten-Ära, der Revue, und wenn Strauss die Bühne betritt, zitiert sie aus „Salome“; später wird auch Walzer getanzt, rosenkaliermäßig.

Von Norbert Biermann rekonstruiert

1933 hätte dieses Werk an der Hamburgischen Staatsoper herauskommen sollen, aber dann waren die Nazis an der Macht. Nach dem Krieg, 1951, gab es eine konzertante Aufführung in München, freilich waren auf der Flucht der Kerrs durch Europa Teile der Komposition verloren gegangen oder blieben bis vor einigen Jahren verschollen. Norbert Biermann hat nun das Werk mit Akribie rekonstruiert, den Schlussakt komplettiert und orchestriert: nicht bruchlos, aber nachvollziehbar.

Endspiel mit abgenagtem Spanferkel: Lord Byron (Daniel Schliewa) und Nikoline (Maren Schwier).

Endspiel mit abgenagtem Spanferkel: Lord Byron (Daniel Schliewa) und Nikoline (Maren Schwier).

Andreas Etter

So war die szenische Aufführung für Mainz ein Coup, weithin beachtet. Gabriel Venzago dirigierte das Philharmonische Staatsorchester und leitete ein solides Riesenensemble: drastisch, entschieden, klangbunt. Ein Plädoyer für diese Oper, die im dritten Akt allerdings etwas den musikalischen Faden und fast sein Personal aus den Augen verliert und auch mit viel gesprochenem Text eine komplizierte apokalyptische Liebesgeschichte erfindet zwischen dem in die Gegenwart geholten Lord Byron (Daniel Schliewa) und Nikoline (Maren Schwier). Das Bühnenbild jetzt: die vollgefressene Gesellschaft im Golfclub, Bombenlärm, Tod, eine Groteske übers Weltende. Einstein (Tim-Lukas Reuter) rudert dann im Boot davon, ganz irdisch.

Was Alfred Kerrs so ironisch-verqueres Libretto andeutet, spielen Regisseur Fiorini und Paul Zoller (Bühne, Video) bilderkräftig aus: als Untergangsrevue, im historischen Kontext. Wer eine Zeitmaschinen-Oper inszeniert, darf ja vorspulen. Die putzig silbernen Weltraummännchen, die den Chronoplan in die Vergangenheit ziehen, verlieren auch mal die Kontrolle. Plötzlich zeigt eine Zukunft das Jahr 1935 an. Panzer, Hakenkreuz. Keine guten Aussichten, ein Menetekel. Dann lieber in die Romantik. Auf jeden Fall gut, dass Julia Kerrs Oper in der Gegenwart angekommen ist.

Im Staatstheater Mainz

Weitere Aufführungen der Oper „Der Chronoplan“ von Julia Kerr am Staatstheater Mainz: 27. Januar, 18. und 21. Februar, 6., 23. und 29. März sowie 4. April 2026 Weitere Informationen und auch ein Download des Programmhefts: unter staatstheater-mainz.com.