Premiere „Die Passagierin“ Bayerische Staatsoper
: Kreuzfahrt mit Nazis

Kein Traumschiff, ein Albtraum: In München inszenierte Tobias Kratzer die Auschwitz-Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg beklemmend gegenwärtig. Die Kritik.
Von
Jürgen Kanold
München
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Urlauber auf dem Kreuzfahrtschiff – aber es spuken die Geister der Vergangenheit. Szene aus der Oper „Die Passagierin“.

Wilfried Hösl

Ja, sie sei Mitglied der SS gewesen, aber eine ehrliche Deutsche, gesteht Lisa in den Flitterwochen ihrem Walter. „Ich bin stolz, denn ich tat meine Pflicht.“ Ihr Mann, ein Diplomat, der sich um die Karriere sorgt, antwortet verständnisvoll: „Wir Deutschen quälen uns selbst gern mit Zweifeln, mit Schreckensphantasien und nebligen Geheimnissen.“ Lisa war Aufseherin im Konzentrationslager Auschwitz, aber deshalb sei sie noch keine Verbrecherin. Doch jetzt tauchen anklagend die Geister der Vergangenheit auf: Auf dem Ozeandampfer nach Brasilien erkennt Lisa eine KZ-Insassin von damals, die eigentlich im Todesblock hätte verschwunden sein müssen.

Das ist ein Dialog aus den 60er Jahren, als in Frankfurt mühsam die Auschwitz-Prozesse begannen, um den Massenmord der Nationalsozialisten aufzuarbeiten. Aber das klingt jetzt in unserer Zeit des neuen Rechtsextremismus, der Geschichtsvergessenheit, nicht mehr so sehr vergangen. „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg – das ist ein sehr aktuelles Musiktheater, und die Bayerische Staatsoper zeigt es in einer beklemmend gegenwärtigen, großartigen Neuproduktion.

Brutale Paukenschläge

Es ist die wahre Geschichte von Zofia Posmysz, einer polnischen Katholikin, die das KZ überlebte und über ihre Erlebnisse eine autobiografische Erzählung schrieb. Weinberg, unüberhörbar ein Schüler Dmitri Schostakowitschs, vertonte den Stoff – es ist eine von den ersten Paukenschlägen an brutal packende Oper über Menschlichkeit, das Verdrängen von Schuld, gegen das Vergessen.

Aber auch der Lebenslauf des jüdischen Komponisten Weinberg ist eine Tragödie: 1919 in Warschau geboren, flüchtete er im Zweiten Weltkrieg vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion. Er verlor seine Familie in der Shoah,  überstand aber selbst, zum Tode verurteilt, den Stalin-Terror nur knapp und litt unter der Zensur. 1968 vollendete er „Die Passagierin“, seine Oper durfte jedoch nicht gespielt werden. Weinberg starb 1996, und erst 2010 zeigte David Pountney das Werk in einer szenischen Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen  – in Anwesenheit von Zofia Posmysz.

Das Libretto erzählt, wie Lisa auf dem Schiff von ihren Erinnerungen eingeholt, mit ihrer Schuld konfrontiert wird, als sie dort auf eines ihrer Opfer, Marta, trifft. Tanzmusik an Bord, fröhliches Treiben – und in Rückblenden die Schrecknisse von Auschwitz. Dort hatte der Lagerkommandant gewünscht, dass der berühmte Geiger Tadeusz ihn mit seinem Lieblingswalzer unterhält. Tadeusz ist der Verlobte Martas – und Lisa gewährt ihnen gegen Gefälligkeiten verbotene Zweisamkeit, auch um ihre Macht zu demonstrieren. Doch Tadeusz spielt, als Akt des Widerstands, die Chaconne von Bach und wird ermordet.

Leichen auf den Tischen

Regisseur Tobias Kratzer verzichtet in München auf jede Auschwitz-Bebilderung, illustriert weder das Grauen mit historischem Filmmaterial, noch zeigt er eine ästhetisierte, theatralische KZ-Szenerie. Schauplatz ist nur ein Albtraumschiff: eine dreistöckige Kabinen-Galerie, dann ein monströser Bankett-Saal, wo auf den Tischen beim Kapitänsdinner schwarz gekleidete Frauen auf den Tischen liegen, die toten Häftlinge (Bühne: Rainer Sellmaier).

Es ist nicht nur der Urlaubsspaß der Wirtschaftswundergesellschaft, sondern eine sehr heutige Kreuzfahrt mit Nazis. Wenn Touristen im Freizeitlook auf den Balkonen den Part von SS-Leuten singen, dann sind das die rechts abgedrifteten Normalbürger, die skrupellos ihre Gesinnung verkünden: Als ob jetzt wieder alles möglich ist. Nur die uralte, greisenhafte, völlig verstörte Lisa – als verdoppelte Figur von der Regie ins Spiel gebracht – begreift ihre Schuld und stürzt sich dann ins Meer.

Kratzer und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski haben „Die Passagierin“ bearbeitet, etwa die Figur einer russischen Partisanin gestrichen, die Weinberg und Librettist Medwedew erfunden hatten, um die Zensur gnädig zu stimmen. Und auch auf die Sprachenvielfalt im Lager achten sie: Nicht russisch, auf Deutsch singen die Täter, auf Polnisch, auch Tschechisch die Opfer. Es ist eine enorm durchdachte Fassung, aufgeführt mit einem hervorragenden Ensemble: darunter Sophie Koch als Lisa, Charles Workman als Walter und Elena Tsallagova als Marta.

Drastische, emotionale Musik

Ungemein expressiv, drastisch, emotional agiert das Bayerische Staatsorchester unter Jurowski  in Weinbergs Oper, die so angreifend wie sinnlich das Geschehen musikalisch ausdrückt. Fratzenhaft, rasant atonal karikierend kann das Orchester aufdrehen, um die Bösen zu entlarven. Aber am Ende steht ein leiser Klagegesang, ein Vermächtnis: „Wenn eines Tages eure Stimmen verhallt sind, dann gehen wir zugrunde.“ In Marta sind die Herzen, die Tränen der Toten versammelt. Wenn es bald keine Zeitzeugen der Shoah mehr gibt, müssen Werke wie „Die Passagierin“ aufrütteln.

Eine Überlebende, die ihre Stimme erhob

Zofia Posmysz (1923-2022) war eine polnische Widerstandskämpferin, Redakteurin und Autorin, die das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz überlebte und dann ihre Stimme als Zeitzeugin erhob. 1963 erschien ihre Erzählung „Die Passagierin“ in deutscher Übersetzung, 2012 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt.