Osterfestspiele Salzburg
: Kirill Serebrennikov inszeniert „Das Rheingold“ im archaisch eisigen Afrika

Die Berliner Philharmoniker sind unter Kirill Petrenko wieder nach Salzburg zurückgekehrt. Und starten einen „Ring des Nibelungen“: Großartig.
Von
Jürgen Kanold
Salzburg
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Brenton Ryan (Loge), Christian Gerhaher (Wotan in "Rheigold", Osterfestspiele Salzburg

Brenton Ryan (Loge) und Christian Gerhaher (Wotan) im "Rheingold", inszeniert von Kirill Serebrennikov.

Frol Podlesnyi
  • Die Berliner Philharmoniker starteten in Salzburg einen neuen „Ring“ mit „Das Rheingold“.
  • Kirill Petrenko dirigierte energiegeladen und transparent, die Premiere dauerte 2 Stunden 15 Minuten.
  • Kirill Serebrennikov inszenierte ein postapokalyptisches Afrika im Permafrost mit Filmprojektionen.
  • Auf der Bühne stand ein multikulturelles Ensemble, beteiligt waren auch Compagnie Baninga und Recycle Group.
  • Christian Gerhaher sang Wotan, weitere Rollen übernahmen u. a. Leigh Melrose, Brenton Ryan und Catriona Morison.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Zurück vom Ring!“, singt der böse Hagen. Das sind die letzten Worte der „Götterdämmerung“: im Untergang, der auch ein Neuanfang der Weltgeschichte sein kann. In Bayreuth wird in diesem Sommer noch viel davon zu hören sein, weil dort Richard Wagner vor 150 Jahren, 1876, im eigens dafür gebauten Festspielhaus seinen „Ring des Nibelungen“ aufführte. Die Salzburger Osterfestspiele geben sich jetzt schon luxuriös wagnerianisch.

„Zurück zum Ring!“ heißt es dort sehr konkret: Die Berliner Philharmoniker sind nach 13 Jahren in Baden-Baden wieder dorthin zurückgekehrt, wo ihr legendärer Chefdirigent Herbert von Karajan dieses Festival 1967 mit ihnen gegründet hatte (damals auch mit Wagner, der „Walküre“). Nur bei ihren Osterfestspielen spielen die unvergleichlichen „Berliner“ in der Oper: Ein neuer „Ring“ ist nun in Salzburg gestartet, mit dem „Rheingold“. Und zwar unter dem so akribisch die Partitur ausleuchtenden wie auf höchstem Energielevel dirigierenden Kirill Petrenko.

Das ist ein Ereignis, jede Reise wert: vom Es-Dur-Vorspiel an, der soghaften Urwelle, ein brillanter, transparenter Klang im Breitwandformat der Felsenreitschule. Dass Petrenko Wagners „Ring“-Zyklus als Kino-Epos begreift, wie er einmal erzählte, das ließ sich am Freitagabend (27. März 2026) bei der Premiere erleben: bildhaft musikdramatisch, drastisch und zart, leicht und schlank und perfekt tongemalt. Aber faszinierend live, mit fast einer Hundertschaft im Graben. Und rasant spannend: in zwei Stunden 15 Minuten. Sein Kollege Thielemann etwa nimmt sich fürs pausenlose „Rheingold“ fast eine Viertelstunde mehr Zeit.

Alptraumhafte Zukunft

Machtpoker, Liebesfluch, Geldnot, Goldglanz, Verrat, fesselnde Verträge. Darum geht‘s. Im Übrigen auch kulturell tagespolitisch an der Salzach, in ganz Österreich, weil Markus Hinterhäuser, der Intendant der Salzburger Festspiele, nach langem Streit über seinen Führungsstil abgetreten (worden) ist. Wobei die Osterfestspiele völlig eigenständig sind und deren Intendant Klaus Bachler, 74, zwar immer auf den Sommer-Posten geschielt hat, aber mittlerweile als Interimschef wohl zu alt dafür ist. Doch jetzt zum eigentlichen Götterdrama, dem von Wagner. Und in eine alptraumhafte Zukunft.

Kirill Serebrennikov hat das „Rheingold“ so inszeniert, als Gesamtkunstwerk-Künstler für alles verantwortlich: Er zeigt eine verlorene Menschheit nach globalen Katastrophen, die sich neu sortiert. Und zwar in Afrika, freilich in einem von Permafrost bedeckten Land. Es ist ein Welttheater, aber ein archaisches. Fast durchgehend läuft über der Szenerie ein Film, verteilt und collagiert auf verschiedene Projektionstafeln: gedreht auf Island, die Natur im Urzustand, lebewesenfeindlich; ein nackter Indigener läuft wie kriegsgetrieben, verfolgt von Dämonen. Es könnte ein Alberich-Wiedergänger sein, der höllisch die Zähne zeigt, das Eis leckt.

Dann auch leuchtend rote Lavaglut, vulkanisches Feuer. Abweisende arktische Ödnis. Alles beginnt, wie wird es enden? Auf der Bühne: eine ethnisch vielfältige Population, die noch kultische Objekte besitzt, afrikanische Skulpturen wie sie die Europäer kennen aus kolonialem Raub und expressionistischer Anschauung. Und Freia, das Pfand der Riesen, wird umkleidet mit goldenem Schmuck ganz alten Brauchtums.

Leigh Melrose (Alberich) in "Rheingold", Osterfestspiele Salzburg

Der geknechtete Alberich: Leigh Melrose (Alberich) im "Rheingold" der Osterfestspiele Salzburg.

Frol Podlesnyi

Das globale Multikulti ist nicht nur behauptet: Die Recycle Group, ein Künstlerkollektiv, gestaltete Skulpturales aus recycelten Materialien. Die Performer Compagnie Baninga mit dem kongolesischen Choreografen Delavallet Bidifono ist mit dabei, Tänzerinnen und Tänzer aus afrikanischen Ländern. Serebrennikov interpretiert nicht allein den Wagner-Mythos, er fängt noch einmal ganz vorn an: wie sich überhaupt erst Mythos bildet in einer Zukunft.

Der müde Nomade Wotan

Wotan ist in dieser Post-Zivilisation ein versehrter Nomade: als Herrscher schon weggedämmert. Jetzt wacht er, eine lächerlich mickrige, hochtrabende Figur, noch einmal auf, um Führung zu beanspruchen: gerne von sich berauscht. Aber schnell entgleitet ihm alles, und eigentlich will er mit all dem nichts mehr zu tun haben. Umjubelt singt Christian Gerhaher: eben nicht als der heroische Heldenbariton vor dem Fall, der er sowieso nicht ist, sondern mit heller kluger Stimme – versonnen oder aufbrausend wie ein trotziges Kind.

Gerhaher ist der Promi in einem sehr soliden Wagner-Cast mit vielen neuen Akteuren. Dazu gehören Leigh Melrose als brutal gequälter Alberich, Thomas Cilluffo als Mime, Le Bu als Fasolt, Patrick Guetti als Fafner und Catriona Morison als Fricka. Als eine Mischung aus Medizinmann und Voodoo-Priester kommt Brenton Ryan als verschlagener Loge daher.

Aber das soll auch kein Wagner-Meistersingen sein. Serebrennikovs Inszenierung ist sehenswertes Welttheater, wie es einst auch Peter Brook erdachte – nur mit Gesang. Und den großartigen Berliner Philharmonikern.

Das "Rheingold" bei den Osterfestspielen in Salzburg

Walhall-Versprechungen: „Rheingold" bei den Osterfestspielen in Salzburg

Frol Podlesnyi

Serebrennikov und Stuttgart

Wagner: global multikulturell. Das verwundert nicht, wenn Kirill Serebrennikov inszeniert. Die Stuttgarter erinnern sich: 2017 war der Russe nach Ruanda geflogen und drehte einen Film über einen Jungen und ein Mädchen, die von einem besseren Leben träumen, ihr Dorf verlassen und in der schwäbischen Konsumwelt landen: „Hänsel und Gretel“ in der Globalisierung. Nur dass der regimekritische Regisseur und Filmemacher bei Putin in Ungnade fiel, verhaftet, verurteilt wurde, in Hausarrest kam und die Humperdinck-Oper dann in Stuttgart nur als Fragment, konzertant zu sehen war. 2022 aber kam Serebrennikov frei und gehört zu den wichtigsten Künstlern des Musiktheaters.