Nachruf: Ulmer Dirigent Albrecht Haupt mit 96 Jahren gestorben

Ein Dirigent, der fast ein Jahrhundert durchschritt: Mit 87 Jahren verabschiedete sich Albrecht Haupt 2017 vom Universitätschor: mit dem Oratorium „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn.
Matthias Kessler- Ulmer Dirigent und Kirchenmusiker Albrecht Haupt starb am Dienstag im Clarissenhof mit 96 Jahren.
- Er leitete die Ulmer Kantorei bis 2018 und den Universitätschor Ulm bis 2017.
- Prägend waren Bach und die Leipziger Tradition – großer, strahlender Chorklang mit Laien.
- Er brachte auch moderne Werke wie Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ auf die Bühne.
- Trauergottesdienst in der Martin-Luther-Kirche: am 22. Juni (Montag), 12 Uhr.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Mit dem Haydn-Oratorium „Die Jahreszeiten“ hatte er sich 2017 als Dirigent des Ulmer Universititätschors verabschiedet – ein denkwürdiges Konzert nach 40 Jahren: „Ein ew’ger Frühling herrscht/ Und grenzenlose Seligkeit/ Wird der Gerechten Lohn“. 2018 dann leitete er letztmals seine Ulmer Kantorei, mit einer Aufführung der Lukas-Passion. „Albrecht Haupt sagt Ade“, stand auf dem Flyer. Und zwar nach unglaublichen 59 Jahren. Fast ein Jahrhundert hat er durchschritten: Jetzt am Dienstag (09. Juni 2026) ist Haupt, eine musikalische Ulmer Institution, gestorben, im Seniorenzentrum Clarissenhof mit 96 Jahren.
Haupt wurde 1929 in Bonn geboren und wuchs im thüringischen Jena auf, mit fünf Geschwistern; der Vater war Chefarzt der Frauenklinik, starb schon 1944. Die Musik spielte eine große Rolle in dieser Familie, stiller Widerstand gegen die Nazihorden, traumatische Kriegserlebnisse. Von einem „tiefen Humanismus“ ist Albrecht Haupt geprägt gewesen, und die Musik war dann auch sein Refugium, ein Schutzraum, in der anbrechenden DDR-Diktatur.
Er hatte zunächst Musikwissenschaft und Kunstgeschichte studiert, wechselte dann zur Leipziger Musikhochschule als Kirchenmusiker. Natürlich prägten ihn die Thomaner, Haupt nahm Unterricht bei Thomaskantor Günther Ramin. Und der drei Jahre ältere Karl Richter, Thomasorganist und dann stilprägender Bach-Dirigent seiner Zeit, war sein bewundertes Vorbild.
Kantor der Luther-Kirche
Dann zog es Haupt, wie Richter, in den Westen, 1956. Das A-Examen machte er in Stuttgart und Esslingen und er kam, nach einer Organistenstelle in Alpirsbach, mit seiner ersten Frau dann nach Ulm. Von 1958 bis zu seiner Pensionierung 1995 war er Kantor der Martin-Luther-Kirche; die seit 1949 bestehende Ulmer Kantorei (die zunächst „evangelische Jugendkantorei Ulm“ hieß) übernahm er 1959 von Wilhelm Ebert. Ein Aufbruch, Reisen vor allem auch nach Italien: klangvolle Begegnungen. Die Welt nach all den Erfahrungen besser machen mit Musik – das war sein Credo.
Als reiner Kirchenchor hatte sich das bis zu 120-köpfige Ensemble nie verstanden, und so trat die Ulmer Kantorei nach der Zeit an der Luther-Kirche als freier Konzertchor auf, als eingetragener Verein. Johann Sebastian Bach war der Fixstern an Haupts musikalischem Himmel. Historisch-kritisch, historisch informiert? Haupt blieb der alten, romantisch-barocken Leipziger Tradition verhaftet: ein großer, voluminöser, strahlender Klang, dargeboten von enthusiastischen Laien. „Ich versuche, das Vibrato weitgehend zu vermeiden, ich unterdrücke es aber auch nicht gewaltsam“, sagte er einmal so ernst wie lachend.
Die ganze oratorische Literatur erarbeitete Haupt mit der Ulmer Kantorei. Diesen quirligen, neugierigen, auch mit wehend weißen Haaren immer jungen Dirigenten zeichnete aber auch eine Entdeckerlust aus, er wagte Sprünge in neue Klangwelten, schloss seinen Chören die zeitgenössische Musik auf. Strawinskys „Psalmensinfonie“, Schönbergs Kantate „Ein Überlebender aus Warschau“ oder Dieter Nolls Oratorium „Go down, Moses“ nannte er einmal als „Meilensteine“ seines Wirkens. Die Pauluskirche als Aufführungsort mochte der lange in Thalfingen lebende Haupt besonders – deren Architekt Theodor Fischer war ein entfernter Verwandter.
Und, nicht zu vergessen, Haupts Gespür und Leidenschaft fürs Theatralische: Nicht nur, dass er die Ulmer Kantorei für Produktionen des Theaters präparierte, für „Saul“ oder „Aida“; auch selbst dirigierte er eine Barockoper wie Purcells „Dido und Aeneas“ im Konzert mit szenischen Effekten. Er war Kirchenmusikdirektor und ebenso Universitätsmusikdirektor: begeisterungsfähig mit einem besonderen Repertoire.
Eine so menschliche Art des Musizierens
Es ist gewiss kein Zufall, dass Haupts Kinder aus zwei Ehen allesamt Musiker geworden sind. Der Jüngste, Manuel, wurde sein Nachfolger als Dirigent des Ulmer Universitätschors. Aber da wären auch Tanja Haupt, die Bratscherin, oder Miriam Haupt, die in München als Voice-Coach ein „Stimmatelier“ betreibt und das Münchner Ärzteorchester leitete. Angelika Hirsch, geborene Haupt, ist studierte Cembalistin und Organistin, gründete die Camerata Basel, leitet verschiedene Chöre in der Schweiz . Und Friederike Haupt, die Älteste, ist Musikjournalistin beim Bayerischen Rundfunk, leitet aber auch das Festival Merano-Klezmer. „Wir sind alle geprägt von seiner lebendigen, erfüllten Art des Musizierens, er hat uns alle damit angesteckt“, sagte Friederike Haupt einmal. Damit sprach sie für eine großer Ulmer Musikgemeinde.
Trauergottesdienst in der Luther-Kirche
Von 1958 bis 1995, bis zu seinem Ruhestand, wirkte Albrecht Haupt an der Martin-Luther-Kirche als Kantor und übernahm später auch das Amt des Bezirkskantors. So lädt die Familie des Verstorbenen dort auch zum Trauergottesdienst ein: am 22. Juni (Montag), 12 Uhr.

