Nachruf auf Alexander Kluge: Der Artist der Assoziations-Ketten

Er war einer der großen Intellektuellen der Bundesrepublik: Alexander Kluge.
Georg Hochmuth/APA/dpa- Alexander Kluge starb mit 94 Jahren in München, wie der Suhrkamp Verlag mitteilte.
- Er galt als einer der großen Intellektuellen der Bundesrepublik und war Jurist und Filmemacher.
- 1968 erhielt er in Venedig den Goldenen Löwen für „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“.
- Kluge prägte das Autorenfernsehen – DCTP sendete ab 1988 unabhängige Programme.
- Kriegserfahrung prägte sein Werk; Halberstadt und Oper wurden zentrale Bezugspunkte.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Kürzlich hat er noch der „Zeit“ ein Interview gegeben, um seinen verstorbenen Freund Jürgen Habermas zu betrauern. Sie gehörten zu den großen Intellektuellen der Bundesrepublik, waren seit den späten 50er Jahren angetreten gegen politische Mythen und den Nachhall des Nationalsozialismus. Jetzt ist auch Alexander Kluge mit 94 Jahren in München gestorben, wie der Suhrkamp Verlag mitteilte. Bis zuletzt gab es keinen jüngeren Denker als Kluge, niemanden, der mit so viel Verstand so kindlich staunen, so hellwach die Zeitläufte betrachten konnte. Und, in unfassbarer Produktivität, ständig neue Bücher veröffentlichte.
In einem Interview war Kluge einmal sehr frech nach seinem Appetit gefragt worden – als Denker: „Könnten Sie eine Wurst essen, ohne über die Kulturgeschichte der Wurst oder die Bedeutung der Wurst in der Militärgeschichte nachzudenken?“ Ja, Kluge, war ein Chronist des Zusammenhangs. Ein Literat und Philosoph bis mit dem Terabyte-Wissensspeicher und dem nicht löschbaren Verantwortungsbewusstsein. Er könne schon eine Wurst essen, ohne an Stalingrad zu denken, antwortete er, aber wenn er sich nicht mehr vorstellen könne, wie ein Mensch hungert, nütze es ihm nichts, satt zu sein.
Kluge war ein Monument in einer gedankenlosen Zeit. Schon diese Biografie! Als „Patriot der Filmgeschichte“ verstand sich der promovierte Jurist, der auch Geschichte und Kirchenmusik studierte, dann am Frankfurter Institut für Sozialforschung als Justitiar arbeitete (wo Habermas Assistent war) und bald ein Vertrauter Theodor W. Adornos wurde. Er gehörte zu jenen neuen deutschen Filmemachern, die 1962 im Oberhausener Manifest „Papas Kino“ für tot erklärten. 1968 gewann er mit seinem Spielfilm „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ den Goldenen Löwen der Filmfestspiele in Venedig.
Die 60er Jahre der Revolte
Es waren die 60er Jahre der Revolte. Benjamin, Adorno, Horkheimer und Habermas lieferten die Bibeln eines aufgeklärten marxistischen Glaubens. Kluge schritt zur Tat, gründete an der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) mit Edgar Reitz die Filmabteilung. Es war ein Experimentierlabor des Autorenfilms. Kluge blieb ein Stachel im Fleisch der Kulturindustrie. Als das Privatfernsehen aufkam, sicherte er sich Sendeplätze, um Qualitätsprogramme zumindest in „homöopathischen Dosen“ auszustrahlen. Kluges Firma DCTP war seit 1988 eine Plattform für unabhängige Dritte im deutschen kommerziellen Fernsehen. Er selbst produzierte tausende TV-Filme, darunter viele Interviews. Man musste aber lange wach bleiben: Das Magazin „10 vor elf“ lief auf RTL um halb eins. Da ging’s nicht um „Bauer sucht Frau“, sondern eher um „Zarathustras Kampf mit der Finsternis“.

Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge am 21. August 1985.
dpaAuch der alte, immer junge Kluge war ein Erlebnis: Wenn er im Gespräch anhob, seine Maximen und Lebensweisheiten erzählte, war jeder Satz, wie diktiert gesprochen, eine Reflexion, eine Erkenntnis. In der Internet-Welt, wo alles mit allem vernetzt und verwoben ist, führte Kluge souverän zurück in die Zukunft. Er würde ganz gut am Hofe des habsburgischen Kaisers Rudolf II. leben können, sagte er einmal bei einem Gespräch im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart. Die Wunderkammern der Renaissance faszinieren ihn, dieses Geistesleben: „Wissenschaft, Musik, ein bisschen Aberglaube und Gespenster. Und die praktischen Fragen. Leonardo da Vinci würde sofort wissen, wovon ich rede.“
Kluge glaubte an die „poetische Kraft der Theorie“. Und erklärte: Ein Theoretiker sei in der Antike der Begleiter einer Delegation gewesen, die in eine fremde Stadt fährt. Er sollte als Zeuge aufpassen, ob die Fremden lügen – oder auch die eigenen Leute. „Ich habe eine hohe Achtung vor Theoretikern, aber sie müssen mit dem Herzen arbeiten, mit der Herzlichkeit der Vernunft.“ Und mit Bodenhaftung fügte er hinzu. Die Fußsohle sei im Gehirn so stark repräsentiert wie die Fingerspitze. „Die Fußsohlen waren für unsere Ahnen das Laufwerkzeug, um die Gazelle zu Tode zu hetzen, um dem ermüdeten Tier dann den Hals aufzuschlitzen, um Nahrung zu gewinnen. So entsteht Intelligenz.“ Die entscheidende Frage der Menschheit sei: Emanzipation oder Sklaverei? „Wenn die Fußsohle erst gar nicht gesinnt ist, nach Stalingrad zu marschieren, dann bin ich gerettet.“
Der unvergessliche Kindheitsort Halberstadt
Das Trauma des Krieges. In der Begegnung mit Alexander Kluge war man ganz schnell in Halberstadt. Es ist sein Kindheitsort, der Ausgangspunkt seines Denkens. Im Sachsen-Anhaltinischen wuchs der Sohn einer Arztfamilie auf. Und dort überlebte er einen Bombenangriff nur knapp. Es war der 8. April 1945, das Elternhaus verbrannte. Luftwaffengeschwader sehe er nicht mit „Zeitungsaugen“, sondern mit den Augen seiner Erfahrungen. Er wusste, wie jemand in einer zerstörten Stadt lebte.
Der Krieg, das war der ewige aufklärerische Antrieb Kluges, der an die poetische Kraft der Theorie glaubte, aber diese Welt mit den Augen seiner eigenen Erfahrung sah, der wusste, dass die Vergangenheit in uns weiterlebt. Wie die Brüder Grimm einst Märchen sammelten, erklärte Kluge, so müsse man heute das Minengelände dieser Welt kartieren und offene Fragen sammeln. Und wiege sich nur ja keiner in Sicherheit: „Wenn Trump mit den falschen Waffen Eisenbahn spielt, dann kann es auch uns dreckig gehen. Wir können uns heute zusammenraufen und etwas tun, was im Jahre 2032 Wirkung zeigt.“ Kluge sagte das schon 2017!
Kluge erzählte in tiefsinniger Lakonie. Die Geschichten dieses Schriftstellers (auch der Georg-Büchner-Preis gehört zu seinen unzähligen Auszeichnungen) erinnern an die Aphorismen, an die „Minima Moralia“ eines Adorno, aber er zog auch der Fahne eines Ernst Bloch hinterher, das Heil in der Utopie suchend. Das Schicksal befragen – das war das Thema dieses „Lebensläufers“, der alles auflas, was ihm begegnete. Wenn Politiker solche Gedöns-Sprüche wie „Hätte, hätte, Fahrradkette“ von sich geben, beschäftigte sich Kluge mit der „Bifurkation“: mit den Wegkreuzungen, Scheidepunkten, den Abzweigen, mit jenen Momenten, in denen das Schicksal einen anderen Lauf hätte nehmen können. Vor allem zum Besseren.
Und ohne die Oper ging bei Kluge nichts. Diese um 1600 erfundene Kunstform enthalte alle „Missverständnisse, Tragödien und Verwurstelungen“ der menschlichen Erfahrung. Die „Verfassungsartikel des Gemüts und der Seelenkräfte“ seien vor allem in den Werken des Musiktheaters niedergeschrieben, hat Kluge einmal gesagt. Die Oper sei für ihn auch ein „Kraftwerk der Gefühle“. Einem Marsmenschen die Oper zu erklären, da würde ich mich schwer tun“, sagte Kluge sehr demütig, als er 2020 im Museum Ulm und der Kunsthalle Weishaupt seine Ausstellung „Die Macht der Musik“ eröffnete. Aber ihm gelang das naturgemäß.
„Zirkus“ heißt eines sehr vielen Kommentar-Bücher, mit denen er in eine ganz außergewöhnliche Manege der Weltbetrachtung einlud: Alexander Kluge war immer auch ein modern-emotionaler Denker – aber vor allem ein Artist der Assoziations-Ketten.
Aktuelle Bücher
Im Suhrkamp Verlag erscheinen Alexander Kluges Bücher. Zuletzt etwa der Bilderatlas „Sand und Zeit“: Was finden wir, wenn wir im Sand der Geschichte graben? Oder auch: „Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben“ – ein zusammen mit Anselm Kiefer verfasstes Werk. Für den Mai hat Suhrkamp eine Neuauflage von Kluges 1962 veröffentlichtem Debüt „Lebensläufe“ angekündigt: Geschichten, die über die Bruchstelle von 1945 hinweg verlaufen.


