Michael Köhlmeiers neuer Roman: Goethe ist immer gut, Dichtung und Wahrheit – „Mein privates Glück“

Michael Köhlmeier stellte im Ulmer Kunstverein seinen neuen Roman "Mein privates Glück" vor.
Udo Eberl- Michael Köhlmeier stellte in Ulm seinen Roman „Mein privates Glück“ vor.
- Der Roman ist autofiktional und erkundet Kindheit, Ich und das Erinnern.
- Lesung im Ulmer Kunstverein auf Einladung der Buchhandlung Jastram – Gespräch mit Sebastian Lehmann.
- Köhlmeier sprach über „Dichtung und Wahrheit“ und die Kraft der Fiktion.
- Zitate zu Wahrheit und Illusion prägten den Abend, Empfehlung: das Buch lesen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Er komme aus einer „erzählsüchtigen Familie“, erklärt Michael Köhlmeier. Sein Vater, ein Historiker, hat schon dem achtjährigen Kind von Bismarck vorgeschwärmt. Die ältere Schwester, die so viel und früher als er gelesen hat, gab ihr Buchwissen sofort an ihn weiter. Und da war natürlich die geliebte Großmutter, in deren traumhaften, auch die starren Dinge belebenden Geschichten alles möglich war. Er habe wohl diesen „staunenden Blick“ gehabt, und er habe zugehört. Manchmal habe er sich aber auf dem Klo eingeschlossen, sich als begehrtes Erzählopfer verweigert.
Kein Wunder, Köhlmeier selbst, mittlerweile 76, ist ein großartiger Erzähler. Einer der wichtigen und sehr produktiven österreichischen Schriftsteller unserer Zeit: Im Ulmer Kunstverein stellte er auf Einladung der Buchhandlung Jastram und mit Sebastian Lehmann als Gesprächspartner seinen neuen Roman „Mein privates Glück“ vor. Ein erschütternder Titel, wenn man bedenkt, dass erst am 2. August, kurz vor dem Erscheinen des sehr persönlichen Lebensbuchs, Köhlmeiers Ehefrau, die nicht weniger bedeutende Schriftstellerin Monika Helfer, gestorben ist. Aber diese Wunde war an diesem Abend kein Thema.
„Wer bist denn du?“ Der eindrucksvoll lesende Köhlmeier begann mit dem Anfang: mit dem vierjährigen Buben, der nicht weiß, dass er Eltern hat, und dann mit der Oma und der Schwester mit der Eisenbahn von Coburg nach Lindau fährt, wo ihn ein fremder Mann abholt und nach Hohenems bringt, an das Bett seiner halbseitig gelähmten Frau – es sind Vater und Mutter. Es ist eine auch zu Herzen gehende, fesselnde, schlaue Kindheits- und Ich-Erkundung; zudem eine Reflexion über das Erinnern, das Schreiben. Und trotzdem ein Roman.
„Lassen Sie bitte Gnade walten“
Ja, wie kann sich ein Autor derart gut an seine Kindheit erinnern? So war das im Kunstverein nicht nur eine Lesung, sondern auch die Vorlesung eines sehr gebildeten, um keine Anekdote, keine Pointe verlegenen Vorarlbergers über das Wahrhaftige, die Wirklichkeit, die Kraft der Fiktion. Seine Gegenfrage also: Wie lautet der Untertitel von Goethes Autobiografie „Aus meinem Leben“? Genau: „Dichtung und Wahrheit“. Ach, sagt Köhlmeier, die Wahrheit werde überschätzt: Don Quijote, Mephisto – hat es sie wirklich gegeben? Ohne diese Figuren gäbe es keine Weltliteratur. „Schriftsteller sind Schufte, weil sie in andere Menschen eingreifen“, sagt Köhlmeier: „Aber lassen Sie bitte Gnade walten.“ Anteilnehmendes Aufseufzen im Publikum. Aber da ist kokett was dran.
Köhlmeier empfahl dazu sein Lieblingszitat des belgischen Dichters Henri Michaux: „Niemals ist man der Realität gewisser, als wenn sie eine Illusion ist, denn dann ist sie Realität kraft innerer Zustimmung.“ Darüber kann man jetzt tief nachdenken. Aber dabei bitte nicht vergessen, das Erzählkunstwerk „Mein privates Glück“ zu lesen.
Michael Köhlmeier: Mein privates Glück. Hanser Verlag, 320 Seiten, 26 Euro.

