Marion Ackermann im Interview: „Bei diesem Präsidenten halte ich vieles für möglich“

Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, steht vor einer Pressekonferenz in der Alten Nationalgalerie.
Annette Riedl/dpa- Ackermann warnt vor ideologischer Einflussnahme auf Museen – Freiheit der Kunst müsse gelten.
- Trumps Idee von Warnschildern am Smithsonian nennt sie absurd, doch bei ihm „vieles möglich“.
- In den USA würden kritische Geschichtsbilder und LGBTQ-Themen angegriffen, Vielfalt brauche Schutz.
- In Deutschland sieht sie Werte bedroht, verweist aber auf Verfassung und Föderalismus als Stärke.
- Pergamon: Teilöffnung im nächsten Sommer, Altarraum in neuem Licht; Sanierungen dauern langfristig.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Dass es US-Präsident Donald Trump nun auch auf Museen abgesehen hat, findet sie absurd. Seit einem Jahr leitet Marion Ackermann die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die weltberühmte Museumsinsel in Berlin gehört. Ein Gespräch über die Wiedereröffnung des Pergamonmuseums, den Angriff der AfD auf das Bauhaus – und die nächste Nachricht aus den USA.
Trump will das renommierte Smithsonian Institute – ein ihm missliebiges Museum zur amerikanischen Geschichte – mit Warnschildern vor dem Eingang versehen, um angebliche Falschinformationen zu korrigieren. Was ging Ihnen bei der Nachricht durch den Kopf?
Marion Ackermann: Da muss man ja die Macht der Kunst ganz schön fürchten.
Haben Sie das für möglich behalten?
Bei diesem Präsidenten halte ich vieles für möglich. Aber es ist absurd. Wir sind jetzt wieder in Zeiten, in denen man gesellschaftlich stark aushandelt, welche Rolle Kunst und Kultur spielen soll.
Wie meinen Sie das?
Wir erleben ja zunehmend, dass in illiberalen Systemen das kritische Potenzial der Kunst gefürchtet, ideologisch instrumentalisiert und im schlimmsten Falle bekämpft wird. In freien Gesellschaften aber wird sie vielleicht ein wenig unterschätzt oder lediglich als schönes Beiwerk gesehen, als Selbstverständlichkeit. Ich glaube aber, dass Kunst und Kultur immer Pflege brauchen. Natürlich geht es jetzt um die Verbesserung unserer wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, um die Verteidigung und den Sanierungsstau bei der Infrastruktur. Das ist enorm wichtig. Kunst und Kultur gehören aber auch zu dieser Infrastruktur. Das ist kein schönes Beiwerk. Gleichzeitig erleben wir gerade in den Vereinigten Staaten und anderswo, wohin es führen kann, wenn ideologisch kuratiert wird. Wir müssen die Freiheit der Kunst verteidigen.
Wird die Kultur auch in Deutschland angegriffen?
Es sind bestimmte, bisher gesetzte Werte in Gefahr. Wir haben alle noch diesen fürchterlichen Angriff auf den CSD (Christopher Street Day in Berlin, Anm. d. Red.) in uns, diese Erfahrung war jetzt sehr nah. Aber grundsätzlich erwarten wir von der aktuellen Regierung und den aktuell tätigen Parteien, dass sie die in den letzten Jahren und Jahrzehnten erarbeiteten Werte schützen.
Welche Werte meinen Sie?
Die Vielfalt der Gesellschaft, Gleichberechtigung, koloniale Aufarbeitung, Restitutionen ... alles, was wir uns erarbeitet haben und in Amerika gerade angegriffen wird. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wird dort zum Zielobjekt, es wird von Seiten der Regierung eine nationalistische, positive Geschichtsschreibung gefordert. LGBTQ-Themen werden unterdrückt. Die Liste der Themen ist ja durchaus bekannt.
Wenn man nach Sachsen-Anhalt schaut: Dort attackiert die AfD das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“, die Partei würde die Werbekampagne des Landes „#moderndenken“ gerne durch „#deutschdenken“ ersetzen.
Ich hätte so etwas vor Jahren nicht für möglich gehalten. Das Bauhaus ist eine der international einflussreichsten kulturellen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Es ist unglaublich, dass die Dessauer Institution mit demselben Vokabular angegriffen wird, mit dem die Nazis die Schule geschlossen und Bauhäusler vertrieben haben. Daran darf man sich nicht gewöhnen!
Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht käme, was würde das für die SPK bedeuten, die von Bund und Ländern finanziert wird?
Wir haben einen föderalen Auftrag. Und das nehme ich auch sehr ernst. Wir arbeiten international mit vielen politischen Systemen zusammen, auch mit illiberalen Systemen, weil es bei uns immer um die Stärkung der Zivilgesellschaft geht. Und es geht um eine andere Zeitlichkeit: Kunst und Kultur funktioniert nicht wie Tagespolitik, sondern schafft resiliente und verlässliche Strukturen. In der Politik haben wir auf Zeit gewählte Vertreterinnen einer repräsentativen Demokratie. Die sind da, die werden aber auch wieder gehen. Und wir sind dafür da, dass wir stabile Netzwerke haben und an unseren wichtigen Themen weiterarbeiten.
Sie vertrauen also auf die Strukturen?
Ja, ich vertraue darauf, dass wir eine sehr gute Verfassung haben. Und ich vertraue auch auf die Kraft des föderalen Systems. Dass man die Kulturhoheit zu den Ländern gegeben hat, hat ja genau mit den Erfahrungen des Nationalsozialismus zu tun. Natürlich kann man immer Kultur angreifen, indem man ihr die Finanzierungsquellen entzieht, aber so weit ist es ja noch nicht.

Noch lange eine Baustelle: das Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel.
IMAGO/Christian DitschIm nächsten Sommer sollen erste Teile des Pergamonmuseums wieder öffnen. Was erwartet die Menschen?
Der prominenteste Teil des Komplexes – der große Altarsaal – wird unglaublich schön und anders erstrahlen. Die Wandfarbe ist überarbeitet worden und entspricht wieder dem originalen Ton: ein kühlerer Blauton, der an den südlichen Himmel erinnern soll. Die Oberlichter sind hergerichtet und gereinigt, das Tageslichtkonzept funktioniert wieder. Und das Museum für Islamische Kunst ist komplett neu gedacht. Es werden zum Beispiel alle Sinne eingebunden, im Aleppo-Zimmer etwa auch der Geruchssinn, und man sieht endlich die kulturellen Verbindungen im gesamten Mittelmeerraum.
Die Sanierung des zweiten Gebäudeteils soll noch zehn Jahre dauern und das Pergamonmuseum erst 2037 wieder vollständig öffnen. Auch die Staatsbibliothek schließt ab 2030 für elf Jahre. Warum dauert das so lange?
Es kommt immer darauf an, welche Art von Sanierung man machen muss. Bei der Staatsbibliothek wird praktisch das ganze Gebäude auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt – diese Sorgfalt muss sein, es ist ja ein denkmalgeschützter Bau. Beim Pergamonmuseum habe ich gelernt, dass das auch ganz stark damit zu tun hat, dass alles im wörtlichen Sinne auf Sand gebaut ist. Alles steht auf Pfeilern und beweglichem Untergrund, sodass man beim Sanieren immer wieder auf neue unerwartete Schwierigkeiten stößt. Und es sind ja schon andere Gebäude in der Warteschleife. Das Alte Museum muss dringend demnächst auf die Liste, es hat mittlerweile Risse in den Wänden.
Haben Sie eigentlich manchmal Reizüberflutung, wenn Sie ins Museum gehen? Können Sie irgendwann auch nicht mehr?
Ich habe gerade vor ein paar Tagen auf Instagram ein Bild von meinem Hund gepostet, der alle viere in die Luft streckt. Das nennt man die „Dead Cockroach Pose“, Tote-Kakerlaken-Stellung. Ist das nicht toll? Also ja, ich kenne Reizüberflutung. Was mir in diesem Amt hilft: Dass ich noch keines so systematisch angegangen bin wie dieses. Und wenn es um die Reizüberflutung durch Kunst und Kultur geht, da muss ich sagen: Da bin ich eher unersättlich. Da kann ich viel vertragen.
Erfahrung auch aus Stuttgart
Marion Ackermann (61) leitet die größte Kultureinrichtung in Deutschland. Seit einem Jahr ist sie Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), zu der neben vielen Museen auch Bibliotheken, Archive und Forschungseinrichtungen gehören. Die promovierte Kunsthistorikerin leitete davor die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Von 2003 bis August 2009 war sie Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart.

