Lenbachhaus München: „Der Blaue Reiter“, wie man ihn lange nicht bestaunen konnte

Immer wieder erstaunlich: Wassily Kandinskys kosmische Kompositionen. Sie bilden den Schlusspunkt der neuen Ausstellung – vor blauem Hintergrund.
Ernst Jank- Lenbachhaus präsentiert den „Blauen Reiter“ neu – Sammlung ist wieder vollständig in München.
- Die Schau „Über die Welt hinaus“ setzt neue Akzente, u.a. mit farbigen Wänden und Neuerwerbungen.
- Gabriele Münter rückt stärker in den Fokus, ebenso Künstlerinnen wie Emmy Klinker und Maria Franck-Marc.
- Große Namen sind präsent: Kandinsky, Marc, Jawlensky, Klee und Macke mit Schlüsselwerken.
- Laufzeit bis 5. September 2027, danach neue Hängung; 2026 folgt „Ein Ferngespräch“ zur Neuen Sachlichkeit.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Natürlich war der „Blaue Reiter“ nie ganz weg, ohne die Bilder der Künstlergruppe wäre das Lenbachhaus nicht das Lenbachhaus. Und es sind auch viel zu viele. Keine Sammlung bietet mehr Werke aus diesem Netzwerk der Klassischen Moderne um Gabriele Münter (1877-1962) und Wassily Kandinsky (1866-1944), nirgendwo lassen sich die Verbindungen der Künstlerinnen und Künstler untereinander und nach außen besser nachvollziehen. Das Museum schickte einige seiner größten Schätze dennoch auf die Reise. Die Londoner Tate Modern zeigte sie 2024 unter dem Titel „Expressionists: Kandinsky, Münter and The Blue Rider“. München und seine Besucher mussten zwar nicht auf den „Blauen Reiter“ verzichten, aber zum Beispiel auf Franz Marcs gelben Tiger.
Es war kein schlechter Deal, das Lenbachhaus bekam dafür aus London Meisterwerke des Romantikers William Turner für eine Blockbuster-Ausstellung im Kunstbau. Jetzt hat das Museum seine Sammlung wieder zusammen – und nutzt die Gelegenheit, um die Bestände und teilweise auch die Akteure in ein neues Licht zu rücken. Den Titel „Über die Welt hinaus“ hat sich das Haus von einem Gedicht aus dem Nachlass von Else Lasker-Schüler geborgt: „Wie wächst diese Seele/ Über die Welt hinaus!/ Ihren Anfang verlierend,/ Vorseits dem Morgenrot,/ Über alle Zeit hinaus,/ Das Ende überragend,/ Ewigkeit überschweifend!“ Die Dichterin gehörte ebenfalls zum weiteren Umfeld der Künstlergruppe, sie und Franz Marc, ihr „lieber Jussuf“, schrieben sich so flammende wie exzentrische Liebespost hin und her.
Münter nicht mehr im Schatten Kandinskys
Lasker-Schüler bleibt eine Randfigur, andere Frauen bekommen aber nun die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben. Allen voran natürlich Gabriele Münter, der das Lenbachhaus schließlich seine „Blaue Reiter“-Sammlung maßgeblich verdankt. Dass sie lange im Schatten Kandinskys stand, lässt sich wahrscheinlich mit Misogynie erklären, höchstens noch mit dem Umstand, dass sie, anders als ihr (zeitweiliger) Lebensgefährte, eben nicht den Schritt in die Abstraktion ging. Die hatte freilich auch der Russe nicht erfunden, da war – wie man inzwischen weiß und auch im Lenbachhaus („Weltempfänger“) schon dargelegt wurde – beispielsweise die Schwedin Hilma af Klint schneller. Deren Werk ist in wenigen Jahren so ikonisch geworden, dass in der Großbuchhandlung längst der Klint- neben dem Kandinsky-Kalender verkauft wird.
Schon ein Problem mit dem „Blauen Reiter“: dass viele der zentralen Werke inzwischen so sehr Populärkultur sind, dass man aufpassen muss, dass man im Museum noch wirklich hinschaut statt nur über ihre Realpräsenz zu staunen. Da macht es einem die Münter sogar leichter: wie überzeugend ihre aus der Beschäftigung mit (vor)alpenländischer Volkskunst gewonnenen Bildwelten, wie bezaubernd ihr Bildnis der Kollegin Marianne von Werefkin (1909), wie verblüffend aber auch ihr späterer Weg, als sie etwa in den 1930er-Jahren Baustellen mit neusachlichem Blick malte.
Gabriele Münter gehört der erste große Saal der neuen „Blauer Reiter“-Ausstellung – der tatsächlich blau ist. „Über die Welt hinaus“ hängt die Bilder nicht in den „White Cube“, sondern setzt den starken Farben der Exponate in einigen Räumen mutig ebenso starke Wandfarben entgegen. Es sind aber auch wichtige Neuerwerbungen dabei, die den Blick weiten, etwa die ornamentalen, fast sakralen Kompositionen von Wilhelm Morgner oder die sozialkritische Malerei von Emmy Klinker. Mit seinem aschenen Kolorit könnte ihr „Innenraum“ (1917) mit seinen zwei isolierten Figuren kaum weiter von Münter oder Marc entfernt sein, aber die Vorlage dazu befand sich in der Münchner Theresienstraße. Noch härter: Albert Blochs „Boxkampf“ (1912/13) im selben Raum.

Eine Neuentdeckung und eine Ikone der Sammlung: „Blumen und gelbe Disteln“ (um 1913) von Maria Franck-Marc und "Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff" (1909) von Alexej von Jawlensky.
LenbachhausDie echte Welt, auch sie schlägt in dieser Ausstellung auf. Aber nicht nur in der Düsterversion. Einen gebührend Platz bekommen auch die aus kindlichem Erleben schöpfenden Bilder von Maria Franck-Marc, wie das (ebenfalls erst 2017 erworbene) „Kinderspielzeug mit Vogelkäfig“ (circa 1911). Gerade der Vergleich mit dem kaum älteren, von Cézanne-Einfluss geprägte „Apfelkorb im Gras“ legt nahe, wie stark die Energie der kreativen Explosion namens „Blauer Reiter“ auch in die vermeintlich zweite und dritte Reihe zwischen München und Murnau und darüber hinaus wirkte.
Jawlensky, Klee, Macke, Marc, alle da
Aber natürlich ist es weiterhin ein Ereignis, all die berühmten Originale zu betrachten: Alexey von Jawlenskys so androgynes wie unverwüstlich modernes „Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff“ (1909), Paul Klees „Sumpflegende“ (1919), die nach einem gütlich beigelegten Restitutionsstreit 2017 dem Haus erhalten blieb, die Park- und Straßenszenen August Mackes, die überirdischen Tiere Franz Marcs. Und natürlich Kandinskys kosmische Kompositionen im letzten Raum, ohne die die Moderne ganz anders verlaufen wäre.
Schön, diese Werke in dieser Welt zu haben. Und unglaublicherweise alle wieder zusammen, im Lenbachhaus, am richtigen Ort.
Bis September 2027
„Über die Welt hinaus“ ist bis 5. September 2027 zu sehen, danach wird wieder umgehängt: Im Lenbachhaus werden die Abteilungen circa alle zwei Jahre neu präsentiert. Einen neuen Katalog gibt es nicht: „Gruppendynamik – der Blaue Reiter“ von 2021 (Hatje Cantz Verlag, 446 Seiten, 30 Euro) ist weiterhin aktuell. Eine kommende Ausstellung blickt auf die Kunst der Neuen Sachlichkeit: „Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik“ (12. Mai 2026 – 27. September 2026). Das Besondere: Auch in ihr ist Gabriele Münter vertreten.

