Kunsthalle München: „Haar – Macht – Lust“ ist ein sicherer Publikumsrenner

Verführerisches Haar: „Der erste Kuss“ (1891) von Salvador Viniegra y Lasso de la Vega zeigt die biblische Eva als Femme fatale.
José Baztán Lacasa- Die Kunsthalle München zeigt „Haar – Macht – Lust“ als kulturhistorische Schau zu Haaren.
- Themen sind Identität, Sexualität, Zugehörigkeit, Macht, Verführung und Entsagung.
- Exponate reichen von Perücken im alten Ägypten bis zu Barttassen und Conchita-Wurst-Skulptur.
- Herausragend sind Botticellis „Profilbildnis einer jungen Frau“ und Werke von Abramovic und Mendieta.
- Laufzeit bis 4. Oktober 2026, danach in veränderter Form im Augustinermuseum Freiburg.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Auf sein langes, wallendes Haar war Ludwig XIV. der Überlieferung nach sehr stolz. Auch dann noch, als er es nicht mehr hatte. Der französische Sonnenkönig (1638-1715) hatte es schon früh verloren, genau wie sein Vater. Und genau wie dieser trug er eine Perücke, um die fehlende Haarpracht zu kaschieren. Aber nicht irgendeine, angeblich erfand der Monarch höchstpersönlich die sogenannte „allonge“, bei der vom prominenten Mittelscheitel aus die Locken bis zur Brust hinabfallen. Und weil für Ludwig der König und Staat ein und dasselbe waren, wurde der künstliche Schopf alsbald zur Staatsperücke.
Haare machen Leute – und darum machen Leute etwas mit ihren Haaren, und das wohl seit Menschengedenken. Ein gutes Thema für die Kunsthalle München, die in den vergangenen Jahren gerade durch kulturhistorische Präsentationen zu einem der erfolgreichsten Ausstellungshäuser Deutschlands geworden ist: Rund 350.000 Besucher sind für ein Haus ohne Dauerausstellung beachtlich. Und „Haar – Macht – Lust“ hat alles, um der nächste Publikumshit zu werden: Die Besucherinnen und Besucher bekommen eine breiten Überblick mit hohem Schauwert, bei dem es oft nicht weit ist von der Kunst zum Kuriosum.
Zum Schnurrbart gehört die Barttasse
Etwa gleich im ersten Raum, wo unter August Sanders Schwarzweißporträt eines Wachtmeisters mit mächtigem Schnurrbart (1925) eine Auswahl von noch etwas älteren Barttassen in einer Vitrine steht: Eine kleine Porzellanbrücke am Rand verhinderte, dass das Statussymbol beim Trinken seine wachsverstärkte Spannkraft verlor. Ein deutscher Polizeibeamter ist kein Sonnenkönig, aber auch er zeigt so, wer er ist. Haar ist wahrscheinlich das einzig nachwachsende Kommunikationsmittel – und auch das vielleicht älteste. Die mit internationalen Leihgaben bestückte Ausstellung reicht bis zurück in das alte Ägypten: Auch bei Pharaos trug man Perücke.
Haar kann für Zugehörigkeit und Unabhängigkeit stehen, für Identität und Sexualität, für Verführung und Entsagung, für unverfälschte Natur und künstliche Verfeinerung. Und es kann prägnanter sein als manches Gesicht: Wer an Beethoven denkt, denkt an seine Mähne, schon deshalb, weil die Künstler bei den Porträts des Komponisten frisurtechnisch gerne ein bisschen übertrieben haben. Die (über)perfekte Darstellung von Haar wiederum ist eine Königsdisziplin der Kunst, besonders gut sichtbar beim wohl herausragenden Exponat, Sandro Botticellis „Profilbildnis einer jungen Frau“ (1475-1480) aus der Berliner Gemäldegalerie. Die echte Frisur der Florentiner Schönheit konnte mit der Gemälde nicht mithalten.
„Haar macht Schönheit“ heißt die Abteilung, in der das Porträt hängt, neben einigen anderen Beispielen – und brutalen Gegenbeispielen. Etwa dem Video der Performance „Art must be beautiful, artist must be beautiful“, für die sich Marina Abramovic 1975 eine Stunde lang so brutal kämmte, dass ihr das Blut ins Gesicht rann. Wer nicht schön sein will, muss leiden. So wie die Volksheilige Wilgefortis, auch als Kümmernis bekannt. Die bekehrte Tochter eines Heidenkönigs betete um die Rettung vor einer unchristlichen Zwangsehe. Der Legende nach wuchs ihr danach ein Bart, woraufhin sie der erboste Vater kreuzigen ließ.

Die ivorische Künstlerin Laetitia Ky nutzt ihr Haar für klare Botschaften.
Robert HaasDie mittelalterliche Heiligenerzählung schlägt eine schöne Brücke in die Gegenwart: zu Conchita Wurst, die der Bildhauer Gerhard Goder in der Anmutung einer Mondsichelmadonna aus Kiefernholz schnitzte. Die starken Reaktionen auf die Drag-Kunstfigur des Österreichers Tom Neuwirth rund um die Eurovision Song Contest 2014 zeigen, dass es eben nicht wurst ist, wie man sein (Gesichts)haar trägt. Es geht um Fragen der Identität, der Sexualität – und von Macht. So klebte sich die kubanische Künstlerin Ana Mendieta 1972 für eine Fotoserie Barthaare, die sich ihr Freund Morty Sklar zuvor abgeschnitten hatte, ins Gesicht: um es als Frau in der Kunst endlich zu etwas bringen zu können.
„Hair Peace“ stand über dem Bett
Haar kann auch eine Waffe sein, gegen Prüderie, gegen Sexismus, gegen Rassismus, gegen Krieg, so wie es John Lennon und Yoko Ono bei ihrem berühmten Bed-In in Amsterdam vorlebten. „Hair Peace – Bed Peace“ war über ihrem kuscheligen Lager zu lesen. Die ivorische Künstlerin Laetitia Ky verwendet für ihre politischen Botschaften sogar ihr eigenes Haar, das sie mithilfe von Draht und Extensions skulptural formt, auf einer Fotografie in der Kunsthalle München zu boxenden Armen.
Von der Typveränderung zur Weltverbesserung? Es ist offenbar höchste Zeit, dem Friseurhandwerk (das natürlich auch in der Ausstellung behandelt wird) mehr Wertschätzung zukommen zu lassen. Im letzten Raum der Ausstellung kann man jedoch die App-Abkürzung nehmen und sich an digitalen Stationen selbst fürs Foto einen neuen Look verpassen. Wichtige Erkenntnis: Die Locken Ludwigs XIV. stehen nicht jedem.
Von München nach Freiburg
Bis 4. Oktober 2026 ist „Haar – Macht – Lust“ in der Kunsthalle München in der Theatinerstraße zu sehen. Tickets können auch vorab unter kunsthalle-muc.de gebucht werden. Der Katalog (Hirmer Verlag, 336 Seiten) ist im Museumsshop (29 Euro) und im Buchhandel (40 Euro) erhältlich. Nach dem Ende der Laufzeit in München wird die Ausstellung in veränderter Form vom 14. November 2026 bis 18. April 2027 im Augustinermuseum Freiburg gezeigt.

