Kritik „Walküre“ an der Bayerischen Staatsoper: Ein Walkürenritt durch München und ein für Wagner entflammtes Orchester

Ein filmischer Coup, ein Spaß in der Neuinszenierung von Tobias Kratzer: Ein Walkürenritt durch München.
Braun, Dahl, Bebi/Bayerische Staatsoper/dpa- Die Bayerische Staatsoper zeigt „Die Walküre“ in Tobias Kratzers neuem „Ring“ sehr menschlich.
- Auffällig ist ein filmischer „Walkürenritt“ durch München – die Walküren sammeln Tote ein.
- Bühne als Familiendrama: Siegmund und Sieglinde finden sich wieder, Fricka fordert Siegmunds Tod.
- Kratzer konterkariert Mythos, setzt auf Ironie; die „Rheingold“-Story wird kaum fortgeführt.
- Musikalisch begeistert Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester durch Spannung und Feinheit.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Hat man das schon einmal erlebt? Der martialische „Walkürenritt“ schrillt los, aber das Publikum bricht in lautes Gelächter aus. Auf der Videowand ist das Siegestor zu sehen, „dem bayerischen Heer“ gewidmet. Auf Pferden galoppieren Walküren mit geflügeltem Helm und Speer durch München aus der Zeit gefallen wie bei einem Monty-Python-Einsatz. Ganz heutig, Innenstadt, Isar, Englischer Garten. Sehr lustig.
Allerdings sammeln sie Tote auf, etwa einen im Verkehr gestürzten Fahrradfahrer. Brünnhilde springt mit dem Fallschirm aus einem Hubschrauber vor dem vergitterten Nationaltheater ab, wo im Königssaal die Walküren ihrer Aufgabe nachgehen, nämlich männliche Leichen als Zombie-Krieger für Wotans Heer aufzubereiten. Regisseur Tobias Kratzer, der gastierende Hamburger Opernintendant, aber zersetzt mit Ironie den Mythos.
Donnerstagnachmittag, 17 Uhr, Richard Wagners „Walküre“ hat Premiere bei den Opernfestspielen: „Es ist gegen Abend, starkes Gewitter, im Begriff, sich zu legen.“ Nein, so steht‘s nur im Libretto. Drückende Hitze in München (25. Juni 2026), es sind noch mindestens 33 Grad, was Smokingträger auf dem roten Teppich nicht stört. In der Parkgarage ist die Luxus-Limousinen-Dichte maximal, aber der BMW M3 GT2 des Hauptsponsors, der auf dem Max-Joseph-Platz unter einer Glashaube steht, ist ein Art Car, bunt lackiert vom Pop-Kitsch-Superstar Jeff Koons, dem diesjährigen „Festspielkünstler“.
Traumatisch entwurzelte Zwillinge
In Kratzers Inszenierung rollt dann nur ein dunkelgrüner Lada Taiga auf die Bühne. Hunding fährt ihn, der Förster. Das geschossene Wild legt er vor einem Altar ab. Auch drinnen im Haus, gemütlich holzverkleidet mit großem Terrassenfenster, wird gerne gebetet, knieend vor der Miniaturausgabe eines Reliquien-Schreins. Oh ja, den kennen wir aus dem „Rheingold“. Kratzer hatte den Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“ religionskritisch gestartet. Wotan, der Göttervater, will wirklich Gott sein, aber als das heutige Oberhaupt einer altgermanischen Sekte mit Sitz in einer gotischen Kathedrale. Er lässt sich nicht Walhall, sondern von Spezialisten für Kirchenbedarf einen gigantischen, neu-mittelalterlichen Altar bauen. In den fügt er sich am Ende mit seiner Familie persönlich-heilig ein, wie geschnitzte Figuren.
Die „Walküre“ aber zeigt Kratzer sehr menschlich als familiäres Psychodrama. Da irrt Siegmund durch den Wald und findet seine Schwester Sieglinde im Förstershaus wieder, als Gattin Hundings (Ain Anger). Schneller Sex auf dem Küchentisch, dann erkennen sich die traumatisch entwurzelten Zwillinge. Auch die Zuschauer wissen durch filmische Rückblenden über der Szenerie, was passiert ist mit Wotans kaputter Nebenfamilie. Joachim Bäckström ist ein Siegmund mit kraftvollem Tenor-Schmelz und packendem „Lenz“-Hit, Irene Roberts mit dramatischer Farben eine Sieglinde, der man alles Leid abnimmt: zwei auch starke Schauspielcharaktere.
Der Inzest bleibt, und Fricka fordert sowieso Rache für den Ehebruch, verlangt von Wotan Siegmunds Tod. Zweifel kommen da nicht auf – weil Ekaterina Gubanova mit herrischer Geste singt, und weil ihre Fricka in der Küche handfest das Wild ausweidet: den Bock zerlegt. Wotan, der in seiner Nibelungenkluft aussieht wie aus einem romantischen Gemälde entsprungen, hat sein Leben, seine Macht derart verpfuscht, dass er sich die Pulsadern aufschneiden will, was ihm aber auch nicht gelingt.
Die herrische Fricka
„Flammende Glut/ Umglühe den Fels“. Tropisch war‘s draußen auch noch gegen halb elf, nach großem Premierenjubel. Drinnen hatte Wotan im von Bühnenbildner Rainer Sellmaier nachgebauten Königssaal nur eine Kerze angezündet neben der Matratze, auf der er die von Miina-Liisa Värelä mit furiosen Hojotoho-Rufen auftretende Brünnhilde bettet. Aber ein Video zeigt, wer nun wirklich zündelte, die Hütte der Nebenfamilie Wotans mit den Zwillingen abfackelte, nämlich Fricka, verbündet mit Loge.
Man weiß nicht so recht, was man von Kratzers Regie halten soll. Die „Rheingold“-Story wird kaum weiterverfolgt. Die Wagner-Figuren, so dramatisch sie auch auftreten, konterkariert Kratzer teils ins Lächerliche. Aber okay, der „Walkürenritt“ ist ein Coup, und der Regisseur reduziert wohltuend das Mythos-Pathos. Eine spannende Ambivalenz, die vor allem bei Wotan deutlich wird: Nicholas Brownlee singt mit mächtigem Volumen, angreifend, der Göttervater als extrem zerrissener, verzweifelter Mensch – aber im fremdkörperhaft historischen Kostüm. Kratzer erzählt dann doch, librettogemäß, vor allem sehr menschliche Geschichten, die er im wahrsten Sinne in die Opernkulisse holt.
Überragend, und nun wirklich für Wagner entflammt: Vladimir Jurowski und das phänomenale Bayerische Staatsorchester. Der Generalmusikdirektor macht es musikdramatisch fast perfekt: treibt das Geschehen emotional und laut krachend bis zur Schmerzgrenze, wenn es sein muss. Und betont dann zarteste Liebeslyrik, lässt Holzbläsersoli wirken. Brutale Attacke und Streicherklänge, die wunderbar durch den Saal wehen. Ein musikalisches Erlebnis.

"Die Walküre" im Münchner Nationaltheater
Monika RittershausVon Wernicke, Alden bis Kriegenburg
Die letzten beiden Münchner „Ring“-Produktionen gerieten szenisch nicht so verheißungsvoll. 2002 war Herbert Wernicke spektakulär gestartet, mit einem „Rheingold“ in der täuschend kopierten Bayreuther Festspielhaus-Kulisse, dann aber starb der Regisseur und David Alden rückte nach, mit trashig-moderner Ästhetik: Siegfried kühlte sein Schwert im Klo. 2012 inszenierte Andreas Kriegenburg, er fing emotionslos an mit Menschen, die Mythos spielen, und endete mit brachialer Kapitalismuskritik in der Euro-Krise. Im Oktober 2024 begann Tobias Kratzer einen neuen „Ring“ an der Bayerischen Staatsoper, zum Auftakt der Opernfestspiele inszenierte der Intendant der Hamburgischen Staatsoper Teil zwei, „Die Walküre“.
