„klassisch!“-Konzert
: Ein Trip auf der Droge Liebe mit dem Paval Haas Quartett

Seelenbeben, Herzrasen, Euphorie und Weh: Das Pavel Haas Quartett begeistert im Ulmer Stadthaus mit drei gewichtigen Werke von Kaprálová, Martinu und Dvorak.
Von
Magdi Aboul-Kheir
Ulm
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Bejubelt: Das Pavel Haas Quartett mit (von links) Simon Truska, Veronika Jarusková, Peter Jarusek und Marek Zwiebel im Ulmer Stadthaus,

Bejubelt: Das Pavel Haas Quartett mit (von links) Simon Truska, Veronika Jarusková, Peter Jarusek und Marek Zwiebel im Ulmer Stadthaus,

Jürgen Kanold
  • Das Pavel Haas Quartett spielte im Ulmer Stadthaus Werke von Kaprálová, Martinu und Dvorak.
  • Kaprálovás Streichquartett von 1935: expressiv, tonal kühn, mit eindrücklichem Lento.
  • Martinus fünftes Quartett: motorische Ekstase, düstere Leidenschaft – ein intensives Adagio.
  • Dvoraks 14. Quartett überzeugte mit melodischem Reichtum und einem kraftvollen Finale.
  • Großer Jubel und Ovationen; Zugabe mit Dvorak „Ich schleich’ um jenes Haus herum“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Mit Vorschusslorbeeren kommen viele Ensembles zu ihren Auftritten in der „klassisch!“-Reihe der SWP ins Stadthaus. Das Pavel Haas Quartett kam zudem mit einem Nachhall: Im Februar 2019 hatten sie schon einmal in Ulm gastiert und mit Kompositionen von Smetana, Janácek und Haas begeistert, berührt, beglückt.

Erneut hatten die Tschechen ein Programm mit Kompositionen von Landsleuten dabei – und was für eins. Los ging es mit einer famosen Ausgrabung, dem 1935 entstandenen Streichquartett von Vitezslava Kaprálová (1915-1940). Auf einen schroff-punktierten Auftakt folgte eine expressive Gefühlsreise, auch mit grotesken, tänzerischen, maliziösen Anklängen. Nichts an diesem Werk verrät, dass die Urheberin erst 20 war.

Das Lento ist ein Seelenlodern, in dem sich alle vier Instrumentalisten aussangen: Veronika Jarusková, Marek Zwiebel (Violinen), Simon Truszka (Viola) und Peter Jarusek (Cello). Ihre Technik ist nie Selbstzweck, sondern stets Mittel zum Ausdruck.

Und was für ein Ausdruck: Dies ist Musik, die wie aus offenen Nerven strömt, voller kostbarer, auch zartester Momente. Eine wundervolle Entdeckung, wobei die Komposition die Tonalität ausreizt, aber immer wieder kurz zur Konsonanz kommt – bis zum goldschillernd verklingenden Ende. Der dritte Satz schließlich mutet wie ein ganzes Farbenspiel an, in der Harmonik wirkt der Impressionismus nach. Ein Finale voller Energie, interpretiert voller Verve.

Das Herz als Muskel, der krampft

Man sollte Musik weder zu sehr lebens- noch liebesgeschichtlich ausdeuten. Doch fällt das beim fünften Streichquartett von Bohuslav Martinu (1890-1959) schwer. 1938 komponiert, aber erst kurz vor seinem Tod 1959 veröffentlicht, weil es ihm derart intim schien, scheint es nicht nur die Aggression am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zu spiegeln, sondern vor allem seine leidenschaftliche, doch unerfüllte Liebe zu eben dieser Vitezslava Kaprálová, die seine Schülerin war.

Mit motorischer Ekstase und herzgeschmerzter Raserei beginnt es, ein Allegro, in dem es flirrt, brodelt und braust, pocht und pulsiert: ein Trip auf der Droge Liebe. Im Adagio zeigt sich das Herz als Muskel, der krampft. Noten, geschrieben von einer Seele, die sich entblößt. Musik des Sich-Verzehrens, eine Klage aus schlafloser Nacht oder doch eines Fiebertraums?

Im dritten Satz tobt, tost, ja zürnt es. Aus dem Grummeln schreit und klagt es heraus, da erbebt, entgeistert, entgrenzt sich einer. Das Drama eines Mannes, der die Liebe hier auch verflucht. Die Virtuosität der Musiker machte staunen, doch gleich wandten sich die Zuhörer wieder vom Bewundern dem Mitfühlen zu.

Fast fahl geht es ins Finale, aber dann erneut: Sehnen und Schmachten. Sie tut so weh, die Liebe, und ist doch das Schönste und Verrückteste aller Gefühle. Zum Abschluss ein kleiner Tod in Moll. Ein unfassbares Werk, sensationell gespielt.

Und noch ein weiterer Liebesgesang

Der zweiten Teil war Antonin Dvoraks (1841-1904) letztem, seinem 14. Streichquartett vorbehalten: melodiöser Reichtum, klangliche Pracht, satztechnische Meisterschaft, kein Spannungsabfall. Äußerst akzentuiert und dynamisch, stellenweise sogar herb nahm das Quartett gleich den Kopfsatz, kontrastreich spielte es auch das Molto vivace.

Mit dem ruhigen Satz folgte ein weiterer Liebesgesang: ausgekostet, aber bittersüß, nie ins Zartschmelzende abgleitend. Als ob das Drama aus dem ersten Teil des Abends doch nicht ganz vorbei war. Das schwung- und kraftvolle Allegro-Finale wurde schließlich zu einer letzten Achterbahnfahrt der Emotionen.

Ein enormes Konzert. Jubel, Ovationen, Begeisterung. Als Zugabe nochmal herrlicher Dvorak („Ich schleich‘ um jenes Haus herum“). Auch dieses Konzert des Pavel Haas Quartetts wird lange nachhallen.

Die fünf „klassisch!“-Konzerte 2026/2027

Mit einen „Tanz durch die Zeit“ des Delian Quartetts beginnt am 16. September die nächste Saison 2026/2027 der „klassisch!“-Reihe im Ulmer Stadthaus. Die Kammermusik-Konzerte bieten zudem einen Liederabend mit der Sopranistin Anna Prohaska (14. Oktober) sowie Streichquartett-Abende mit dem Poiesis Quartet (Gewinner des Banff-Festivals, 22. Januar 2027) und dem Quatuor Arod (26. Februar 2027). Das Henschel Quartett und Evgeny Konnov spielen am 21. April 2027 Klavierquintette von Brahms und Dvorak. Infos zum Abonnement: Tel. 0731/156-101 oder per E-Mail klassisch@swp.de