Karajan und die NSDAP
: Sollte die Stadt Ulm den Karajan-Platz am Theater umbenennen?

Es läuft eine Debatte um die nationalsozialistische Biografie des Dirigenten. Die Ulmer AG Straßenbenennung beschäftigt sich mit dem Fall.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Auch an der Berliner Philharmoniker ist eine Straße nach Herbert von Karajan benannt.

Auch an der Berliner Philharmonie ist eine Straße nach Herbert von Karajan benannt. Am Theater Ulm weist kein Schild auf den Herbert-von-Karajan-Platz 1.

Jürgen Kanold
  • Ulm prüft Karajan-Platz: Debatte um NS-Biografie des Dirigenten läuft.
  • Historiker Wolffsohn: Karajan trat NSDAP aus Karrieregründen bei; Debatte entbrannte.
  • AG Straßenbenennung berät Ende Juli „im Lichte neuer Erkenntnisse“ erneut.
  • Theater-Intendant Metzger: Keine Entfernung, sondern Hinweis auf belastete Biografie.
  • Mögliche Umbenennung: Vorschlag von Metzger und Calinescu lautet „Theaterplatz“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wie verhält sich die Stadt Ulm? Jüngst hat der Historiker Michael Wolffsohn in seinem Buch „Genie und Gewissen“ die Biografie Herbert von Karajans im Nationalsozialismus untersucht und den Dirigenten, der von 1929 bis 1934 als Kapellmeister in Ulm seine Weltkarriere startete, quasi entnazifiziert: Er sei der NSDAP nur beigetreten, um seine Karriere zu befördern. Das Buch löste eine Debatte aus. Der Autor Klaus Riehle etwa bezeichnete Karajan in der  SÜDWEST PRESSE als „glühenden Nazi und Hitler-Anhänger“. Und nun?

Tatsächlich hat die Arbeitsgemeinschaft (AG) Straßenbenennung des Ulmer Gemeinderats das Thema Karajan auf der Agenda, schon seit dem vergangenen Jahr. Weil bekannt gewesen sei, dass Wolffssohn an diesem Buch arbeite, habe die AG die Veröffentlichung abgewartet, um „im Lichte neuer Erkenntnisse“ zu entscheiden, sagt Kulturbürgermeisterin Iris Mann. Ende Juli werde die AG Straßenbenennung über den Fall Karajan neu beraten.

Der Fall Heilmeyer

Mittlerweile hat Ulm ja einen Grundsatzbeschluss gefasst, möglichst keine Plätze, keine Straßen mehr nach Menschen zu benennen. Man hat so seine Erfahrungen gemacht, mit der „Heilmeyersteige“, die auf den Gründungsrektor der Universität verwies. Dann kam heraus, dass Ludwig Heilmeyer im Zweiten Weltkrieg als Internist beim Wehrmachtsbefehlshaber Ukraine arbeitete und etwa mitverantwortlich war für die katastrophalen Lebensbedingungen sowjetischer Gefangener.

Karajan war gewiss kein „aktiver Nazi“, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beging, sondern sich den Nationalsozialisten andiente, am NS-Staat profitierte. Was sagt Intendant Kay Metzger dazu? Das Theater Ulm hat nicht nur seit dem Jahr 2000 die Adresse Herbert von Karajan-Platz 1, sondern im Foyer steht eine Büste des Dirigenten von der Künstlerin Anna Chromy. Metzger hält grundsätzlich nichts davon, Denkmäler einfach abzuräumen: „Damit beseitigen wir auch ein Stück unserer Reflexionsgeschichte.“ Besser sollte am „Denk-Mal“ ein entsprechender Hinweis auf Karajans belastete Biografie angebracht werden. Als „Täter“, nein, sehe er Karajan nicht, „eher als Mitläufer“. Aber man müsse an die unheilvolle Geschichte erinnern, gerade in Zeiten, in denen eine AfD fast 20 Prozent bei Wahlen hole.

Und der Karajan-Platz? Wie Metzger spricht sich auch dessen designierte Nachfolgerin Creta Calinescu dafür aus, den Fall gründlich zu prüfen. Sollte die Stadt sich für eine Umbenennung entscheiden, bringen beide, unabhängig voneinander, einen naheliegenden Namen ins Spiel: Theaterplatz.

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