Joachim Meyerhoff
: Neustart auf dem Land mit roter Latzhose

„Man kann auch in die Höhe fallen“: In seinem neuen Buch erzählt der Schauspieler und Bestsellerautor, wie ihn seine 86-jährige Mutter ins Leben zurückholt.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Von Wien nach Berlin in die nächste Lebenskrise. Aber in Schleswig, am Meer, hilft die Mutter: "Man kann auch in die Höhe fallen" heißt das neue Buch von Joachim Meyerhoff.

Von Wien nach Berlin in die nächste Lebenskrise. Aber in Schleswig, an der Ostsee, hilft die Mutter: "Man kann auch in die Höhe fallen" heißt das neue Buch von Joachim Meyerhoff.

Heike Steinweg
  • Joachim Meyerhoff beschreibt in seinem neuen Buch "Man kann auch in die Höhe fallen" seine Lebenskrise.
  • Nach einem Schlaganfall zog er von Wien nach Berlin und dann zur Mutter an die Ostsee.
  • Das Buch ist eine Mischung aus Therapie-Tagebuch und Liebeserklärung an seine 86-jährige Mutter.
  • Meyerhoff schildert humorvoll und bewegend sein Leben und seine Rückkehr zum Schreiben.
  • Buch erscheint am 7. November bei Kiepenheuer & Witsch.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ein Schlaganfall hatte ihn in Wien niedergestreckt. Der Burgschauspieler hatte sich „halbiert“ – war halbseitig gelähmt. Wie die Sanitäter ihn ins Spital fahren, was auf der Stroke Unit geschieht: Joachim Meyerhoff erzählte in seinem Roman „Hamster im hinteren Stromgebiet“ (2020) vom ganz normalen Wahnsinn eines Patientenlebens. Und davon, wie es einem Menschen so geht, der plötzlich merkt, dass er nicht unangreifbar, nicht unsterblich ist. Meyerhoff, mittlerweile 57, hat sich von dieser Lebenskrise aber noch lange nicht erholt.

Er zog von Wien nach Berlin, wechselte an die Schaubühne. Aber er verzweifelte an der Stadt, haderte mit der Schauspielerei. Nervositäten, Stress mit der Familie, Zorn. Ein Neuanfang? Vergeblich. „Von Betablockern gedämpft lag ich Stunde um Stunde in Unterhose auf dem Sofa herum, verlor mich in weinerlichen Introspektionen, streichelte mein Bäuchlein oder starrte auf den Bildschirm eines kleinen EKG-Gerätes für den Hausgebrauch und wartete sehnsuchtsvoll auf die nächste Extrasystole. Angst und Langeweile vertrugen sich ganz ausgezeichnet.“ Die Therapie: eine Flucht, raus aufs Land nach Schleswig-Holstein, an die Ostsee, zur 86-jährigen, kerngesunden Mutter, die dort auf einem parkähnlichen Grundstück zu Hause ist.

Oh mein Gott, diese Larmoyanz. Wer möchte das lesen? Und wer ist eigentlich Joachim Meyerhoff, dass er einen mit seinem Leben derart detailliert beschäftigt? Also Romane schreibt er wirklich nicht, auch sein neues Buch „Man kann auch in die Höhe fallen“, das an diesem 7. November in den Handel kommt, trägt das Etikett „Roman“ nur aus Verkaufsgründen. Denn da ist fast nichts erfunden, es ist auch keine handlungsgetriebene autobiografische Story (wie vielleicht noch sein Debüt „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“), es ist das Leben selbst, eine Selbstbespiegelung. Aber Meyerhoff ist ein großartiger Erzähler, Fabulierer, Anekdoten-Künstler: Wer kann aktuell derart treffend beobachten und urkomisch über Menschen schreiben – über Scham und Bühne?

Liebeserklärung an die 86-jährige Mutter

Was das neue Buch des Bestsellerautors alles mit sich bringt: so eine Art Therapie-Tagebuch eines hilflosen Autors mit Depressionen und Schreib-Blockade, der auf dem Lande, in der roten Latzhose, mit Gartenarbeit zu sich kommt und reflektiert. Literarische Psychoanalyse. Es ist aber vor allem die schönste Liebeserklärung eines schon sehr erwachsenen Mannes an seine Mutter, die sich denken lässt. Die Protagonistin: eine unglaublich tatkräftige 86-Jährige, ein Energiebündel, die mit ihrem Auto über die Straßen rast, in die kalten Wellen springt, weit ins Meer hinausschwimmt, die Baumärkte liebt und ihre uralt singende Damenkantorei, die Currywurst und Döner isst, ohne Rezept und Küchenwaage fantastische Kuchen bäckt, Whiskey trinkt und überhaupt sehr erfahren und klug ihren Sohn antreibt. Eine bewegende Passage: Wie die Mutter ihm ihr Leben schildert, in zwei Versionen, einmal mit allem Leid und Tod, einmal nur das Glück, das Hoffnungsvolle aneinanderreihend. Das gibt zu denken.

Und dann findet Meyerhoff eben doch wieder zum Schreiben, eine ins Buch inkludierte Geschichte nach der anderen entsteht – die Mutter ist seine kommentierende Zuhörerin. Es fügt sich, es entwickelt sich noch lange kein Theaterroman, leider. Aber Meyerhoff erzählt herrlich komische, auch berührende Episoden: wie er nach der Wende im Ostberliner Gorki Theater mit unkündbaren DDR-Größen ein Stück über ihre Biografien erarbeitet, das in der ehemaligen Kellersauna spielt. Über die Ticks und Blackouts von Schauspielern, über seine Rolle als „Sturm“-Ariel im Fahrstuhl im Wiener Akademietheater. Über sein abenteuerliches Anfänger-Engagement als Baghira im „Dschungelbuch“ am Theater Ulm und das Probenelend im Weihnachtsmärchen. Oder sein folgenreiches Mitwirken in einer Kino-Produktion von „Bibi und Tina“. Beste Unterhaltung.

So langsam geht's dem Meyerhoff besser, und die Mutter hat immer tollere Auftritte. Der Autor war daheim, aber jetzt muss er wieder nach Hause, zu seiner Frau Sophie und seinem kleinen Sohn. „Bist du zufrieden mit dem, was du geschrieben hast?“, fragt die Mutter. „Hm“, antwortet Joachim. Er wisse nicht, ob es ein Buch werde. „Ich würde, ehrlich gesagt, lieber doch nicht drin vorkommen“, sagt die Mama. „Na bravo.“ Das ist der Meyerhoff-Witz. Die Mutter ist drin. Und es ist ein lesenswertes Buch geworden.

Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen. Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, 26 Euro.

Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen. Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, 26 Euro.

Kiepenheuer & Witsch

Schauspieler und Bestsellerautor

Romane nennt Joachim Meyerhoff seine millionenfach verkauften Bücher, aber es ist das wahre Leben. Er hat davon berichtet, wie er auf dem Gelände einer Psychiatrie aufgewachsen ist („Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“; unter diesem Titel wurde seine Geschichte auch fürs Kino verfilmt) oder wie er in München die Schauspielschule besuchte und bei den skurrilen Großeltern wohnte („Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“). Der neue Band „Man kann auch in die Höhe fallen“ ist der sechste Teil seiner Reihe „Alle Toten fliegen hoch.“ Meyerhoff, 1967 geboren, war lange Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater und zuletzt an der Berliner Schaubühne.