Institution in Ulm: 80 Jahre Buch und Haltung – Aegis feiert Geburtstag

„Herzlichen Glückwunsch und schön, dass es euch gibt“: Franziska Pentz (links) und Rasmus Schöll (rechts) von der Aegis-Buchhandlung übergeben den ersten Aegis-Preis an Kristina Listau und Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag.
Thilo Endres- Aegis feierte 80 Jahre in Ulm – erste Verleihung des Aegis-Preises an Verbrecher Verlag.
- Auszeichnung: 1000 Euro und ein „für immer reserviert“-Stuhl im Aegis Café.
- Aegis wurde 1946 von Ernst Bauer gegründet, Buchhandlung seit 60 Jahren in der Breiten Gasse.
- Heute führen Rasmus Schöll und Franziska Pentz die Buchhandlung mit Filiale und Kultur-Café.
- Der Verbrecher Verlag publiziert Belletristik, Lyrik, Essays; wichtige Autorinnen sind Anke Stelling, Manja Präkels und Lisa Kränzler.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Man sitzt schön im Aegis Café, doch künftig sollte man bei der Platzwahl achtgeben: Könnte sein, dass der Stuhl als „für immer reserviert“ markiert ist. Dieses Privileg wolle er auch nutzen, kündigte Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag an: „Wagen Sie es nicht, wenn wir kommen“, warnte er. Aber nein, vor diesen Verbrechern braucht man keine Angst zu haben, man sollte sie lesen: Am Samstag (4. Juli 2026) sind sie mit dem ersten Aegis-Preis der Ulmer Buchhandlung ausgezeichnet worden – dotiert mit 1000 Euro und der unbefristeten Stuhlreservierung.
Wobei „Buchhandlung“ natürlich zu kurz greift, schließlich fand die Verleihung im Garten der „Aegis-Erlebniswelt Buch“ statt, wie es Sundermeiers Verlags- und Lebenspartnerin Kristina Listau in der Dankesrede formulierte. „Wir haben zu gratulieren.“ Die Preisverleihung war eingebettet in die Feier zum 80-jährigen Bestehen von Aegis, zu der viele Gäste, Mitglieder der Gründerfamilie und Vertreter des Kulturlebens gekommen war. Sie bekamen Musik von Michael Moravek, der ein Album über den im KZ ermordeten Widerstandskämpfer Georg Elser geschrieben hat, und der Okapi Blues Band. Und natürlich Reden.
„Nur ein Zehntel“ der Geschichte
Die aktuelle Aegis-Generation – Rasmus Schöll und Franziska Pentz – hielt sich zurück: „Wir sind in der großen Aegis-Geschichte nur ein Zehntel“, sagte Schöll, der 2018 die Buchhandlung in der Breiten Gasse von Ernst-Joachim Bauer, dem Sohn des Gründers Ernst Bauer (1916-1991), übernommen hatte. 2020 kam die Filiale in Söflingen mit dem Kinderbuch-Schwerpunkt dazu, 2022 das Kultur-Café. Für diese Agilität erhielt Aegis einen Hauptpreis beim Deutschen Buchhandlungspreis 2025 – nur per Post, nach dem Eklat um den Ausschluss dreier linker Buchläden. Auch die Ulmer waren Teil der Solidaritätskampagne für die Kolleginnen und Kollegen.
Haltung ist Teil der Aegis-DNA, seit Anfang an. Und um diesen Anfang ging es hauptsächlich auf dem Fest, dessen Programm „qualitätvoll, mit Umsicht ausgewählt, aber nicht steif“ sei, wie Bürgermeisterin Iris Mann lobte. Typisch Aegis 2026. Etwas anders war Aegis 1946, als Ernst Bauer, der 1933 als widerständiger 16-Jähriger vom NS-Regime für fünf Monate ins Gefängnis gesteckt worden war, von den US-Behörden die erste Lizenz für die Gründung eines Verlages in Ulm erhielt. Der Name Aegis stammt übrigens von Kurt Fried, dem Gründer der heutigen SÜDWEST PRESSE, und meint den Schild der griechischen Göttin Athene. „Es ging darum, das Gute zu schützen“, sagte Mann. Vor kommerzieller Beliebigkeit und den Feinden der Demokratie.
Die ersten Jahre waren ein wilder Ritt
In der Praxis war das erste Jahrzehnt ein wilder Ritt. Ernst-Joachim Bauer hat darüber ein Buch geschrieben: „Ernst Bauer und der Aegis Verlag. Beitrag zur Mikrogeschichte Ulms und des Buchhandels mit dem Schwerpunkt 1945–1955“ (Klemm + Oelschläger, 100 Seiten, 14.80 Euro). Dieses liest sich manchmal fast wie ein Abenteuerroman, voller hochfliegender Pläne und bitterer Niederlagen. Der Gründer wollte mit dem Verlegen von Fachbüchern und -zeitschriften das anspruchsvolle Literaturprogramm finanzieren. Er vertrieb Zeitungen und Papier, betrieb einen Versandhandel und so weiter. „Dabei verzettelte er sich“, sagt Ernst-Joachim Bauer über seinen Vater.
Mit anderen wichtigen Ulmern der Zeit habe die Chemie nicht gestimmt: mit Kurt Fried etwa, der Bauer 1948 in der Zeitung einen „Salonkommunisten“ hieß, mit Otl Aicher, der zwar das Aegis-Logo entwarf, dem Verleger aber zu modern war. Ernst Bauers größtes Verdienst für das literarische Deutschland war wohl, dass er seinen Praktikanten Siegfried Unseld erkennen ließ, dass er „zum Verlegerberuf berufen ward“, wie der spätere Suhrkamp-Chef 1948 schrieb. Der Aegis Verlag blieb klein und eher regional orientiert.
Seit 60 Jahren an der Breiten Gasse
Aber wichtig für Ulm: Bauer eröffnete auch die Buchhandlung, die seit 60 Jahren an ihrem jetzigen Standort in der Innenstadt besteht – und mit ihrem Preis etwas an die Literaturszene von heute zurückgibt. Der Verbrecher Verlag, der laut Co-Verlegerin Listau „Bücher für eine freundliche und solidarische Gesellschaft“ herausbringt, ist ein würdiger erster Preisträger. „Es gibt keinen Independent-Verlag, der sich klüger und besser auf die neuen Herausforderungen eingestellt hat“, befand der Verleger und Übersetzer Stefan Weidle in seiner Laudatio. „Der Verbrecherei war und ist kein Ende.“
Mit Dietmar Dath ging es los
Der Verbrecher Verlag wurde 1995 gegründet. Erstes Buch: „Cordula killt Dich! oder Wir sind doch nicht Nemesis von jedem Pfeifenheini“ von Dietmar Dath. In den vergangenen 20 Jahren kamen aber erfolgreichere Titel dazu. Der Schwerpunkt liegt auf Belletristik, aber auch Lyrik, Essays und wissenschaftliche Bände erscheinen bei den Kreuzbergern. Wichtige Autorinnen des Verlags sind aktuell die gebürtige Ulmerin Anke Stelling, Manja Präkels und Lisa Kränzler.


