Der Roman „Mitternachtsschwimmer“
: Kaltes Meer und Herzenswärme

Roisin Maguire Roman „Mitternachtsschwimmer“ spielt in einem kleinen Dorf an der Küste Nordirlands, in Zeiten des Corona-Lockdowns. Es ist eine hoffnungsvolle Geschichte.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Die in Nordirland lebende Schriftstellerin Roisin Maguire

Die in Nordirland lebende Schriftstellerin Roisin Maguire

Muiread Kelly

Sie hat als Türsteherin in einem Nachtclub ihr Geld verdient, als Busfahrerin und Grundschullehrerin, und sie ist eine begeisterte Fischerin und Sporttaucherin, die auch im Winter ins Meer springt und krault. Nein, das ist nicht das Profil einer Romanheldin, sondern die Vita der in Nordirland mit ihrer Familie lebenden Schriftstellerin Roisin Maguire. Aber in deren Roman „Mitternachtsschwimmer“ geht's auch naturnah, abenteuerlich, herzlich zu. Grace heißt die Hauptfigur: ziemlich ruppig, mit weichem Kern, angriffslustig, energisch, stark.

Maguiere, 53, wohnt an der Küste, in einem winzigen Dorf namens Ballyhornan, sie arbeitet an einem alten Schreibtisch im Schlafzimmer im ersten Stock ihres Hauses, direkt vor der Tür liegt die Irische See. Das Meeresrauschen begleite sie beim Schreiben, erzählt sie in einem Interview mit Nora Tomaschoff. Das Meer sei für sie der Inbegriff des Lebens: „Es ist wie ein mächtiges, wunderschönes Tier, das dich wie ein Gott auf seinem Rücken reiten lässt oder dich wie ein Stück gegen die Felsen presst, wann immer es will.“ Wer „Mitternachtsschwimmer“ liest, kann das Meer geradezu hören und riechen.

In einem kleine Dorf an der irischen Küste spielt auch die Geschichte, in Ballybrady. Dort lebt also Grace, als kauzige Außenseiterin; sie hat eine nicht so schöne Vergangenheit, aber darüber wird nur gemunkelt. Sie kann ziemlich derb und direkt sein, ihr Hund heißt einfach Hund, und auch sonst verliert sie nicht so gerne viele Worte. Grace vermietet ein Cottage an Touristen. Jetzt zieht Evan dort ein, er nimmt sich eine Auszeit.

Evans Leben zerbricht gerade. Seine kleine Tochter ist gestorben, seine Frau gibt ihm die Schuld daran. Die Ehe kriselt, und sie haben noch einen achtjährigen Jungen, Luca, der taub ist, fast autistisch. Evan ist komplett überfordert, weiß nicht mehr weiter. Grace beobachtet ihn so: „Der Mann aus der Stadt. Der war auch nicht glücklich. In seinen Augen lag etwas so Finsteres, das mit ihren tiefsten Abgründen korrespondierte und Dinge ans Licht zerrte, die sie lieber vergessen hätte. Es wurde langsam wirklich zur Belästigung. Normalerweise hatte sie keinerlei Interesse an Menschen, aber er, sein scheuer kleiner Junge und jetzt auch noch das tote Mädchen drängten sich ständig in ihre Gedanken und färbten sie grau.“

Alle zeigen Mitgefühl

In der Einsamkeit trauern: Aber kaum ist Evan in Ballybrady angekommen, beginnt der Lockdown. Corona-Krise auch an der irischen Ostküste. Stillstand – wobei in Ballybrady eigentlich sowieso nie etwas passiert. Evan muss bleiben, aber das tut ihm gut. Er lernt die schrulligen wie liebenswerten Einwohner kennen: Becky aus dem Dorfladen, die gerne philosophiert und buddhistische Weisheiten parat hat; notorische Säufer im Pub; Grace natürlich, aber auch deren Nichte Abbie, eine Studentin, die vor der Pandemie aufs Land geflüchtet ist. Aber alle helfen einander, zeigen Mitgefühl – auch den Fremden gegenüber.

Evan, der Loser-Typ, kommt noch lange nicht zur Ruhe. Doch Luca, den seine Mutter dann bald in Ballybrady abgibt, weil sie sich, systemrelevant im Lockdown, nicht um ihn kümmern kann, blüht am Meer so richtig auf. Es passiert aber noch eine ganze Menge in diesem Roman, der von Liebe und Freundschaft und Lebensklugheit erzählt, auch mit Humor. Die Geschichte kann eigentlich nur sehr happy enden –oder?

Als Inspiration für ihren Roman nennt Roisin Maguire die Corona-Pandemie, die so viele negative Nachrichten mit sich gebracht habe. „Ich beschloss, über die positiven Dinge zu schreiben, die ich tagtäglich um mich herum beobachten konnte – das unermüdliche Streben nach Verbundenheit zwischen den Menschen; die Beziehungen, die sich in kleinen, eng verbundenen Gemeinschaften wie der, in der ich lebte, festigten und wuchsen.“ Im Interview sagt sie, dass ihr Roman „vor allem die Zähigkeit der Menschen in der Not und den Triumph der Hoffnung über die Verzweiflung“ feiere. Stimmt. Und das liest sich echt, nicht kitschig.

Roisin Maguire: Mitternachtsschwimmer. Übersetzt von Andrea O'Brien. DuMont, 352 Seiten, 24 Euro.

Roisin Maguire: Mitternachtsschwimmer. Übersetzt von Andrea O'Brien. DuMont, 352 Seiten, 24 Euro.

DuMont

Aus Nordirland

Der Roman „Mitternachtsschwimmer“ von Roisin Maguire ist erschienen im Kölner Verlag DuMont (352 Seiten, 24 Euro). Die Autorin lebt in Nordirland und hat Kreatives Schreiben an der Queen's University studiert. Andrea O'Brien hat den Roman aus dem Englischen übersetzt.