Der neue Bretagne-Krimi von Bannalec
: Die unheilvollen Sirenen

Der neue Banalec: Dupins 13. Fall „Bretonische Sehnsucht“ führt auf die Insel Quessant. Was bietet dieser sagenhafte Kriminalroman?
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Die Insel Ouessant ist de Schauplatz des neuen Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec.

Die Insel Ouessant ist der Schauplatz des neuen Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec.

Emmanuel Berthier

Am Ende sitzen sie wieder alle im „Amiral“ zusammen, in ihrem Lieblingsrestaurant in Concarneau. Und Paul, der Wirt, serviert dem Kommissar ein Entrecôte. Nichts kann einen besser erden, sagt sich Dupin. Und verzehrt mit geradezu therapeutischem Eifer das riesige Stück kross gebratenen Fleisches. Zurück im Irdischen. Denn das war eine verrückte Sache gewesen auf der Insel Ouessant, am äußersten nordwestlichen Rand der sagenhaften bretonischen Welt, gewissermaßen kurz vor Amerika. Oder wie Inspektor Riwal sagt, die lebende Enzyklopädie der Bretagne: „Wüster, verwegener, mysteriöser geht es nicht.“

Es gebe ja mehr Sagen und Märchen in der Bretagne, als der Himmel dort Sterne zähle, mehr als an irgendeinem anderen Ort der Welt. Das hat Jean-Luc Bannalec, also der deutsche Autor Jörg Bong, einmal im Vorwort zu einer Sammlung solcher Geschichten aus dem bretonischen Zauberreich geschrieben. Und in seinen populären Bretagne-Krimis, die mittlerweile eine Auflage von sechs Millionen Exemplare haben, spielen sie immer wieder eine große Rolle. Jetzt, in Kommissar Dupins dreizehntem Fall, „Bretonische Sehnsucht“, wird's extrem fantastisch bis übernatürlich, was selbst den so realistischen Ermittler erschüttern lässt. Aber vielleicht trinkt er auch nur wieder zu viel Kaffee und isst fast nichts.

Jedenfalls hat ihn sein ungeliebter, stets per Handyanruf nervender Präfekt Locmariaquer mit einem Spezialauftrag auf die Île d'Ouessant entsandt: gut 15 Quadratkilometer groß, mitten im urgewaltigen Atlantik, eine Landmarke am Ärmelkanal; rund 800 Einwohner, jahrtausendealte Geschichte. Was ist passiert? Ein einheimischer keltischer Musiker und Produzent ist vom Meer angespült worden, nahe der Hafenmole. Ein Sturz von den Felsen, ein Unfall? Aber dann liegt auf dem Kopfkissen des Toten ein rituelles Wachskreuz. Doch ein Mord?

Der Präfekt jedenfalls hatte Dupin mobilisiert, weil seine Nicht dort auf Ouessant lebt: eine Bodhrán-Spielerin (keltische Rahmentrommel), die mit ihrem Quintett, den fünf Frauen der „Sirenen“, einen großen Auftritt hat. Alle waren sie mit dem ertrunkenen Lionel Saux bekannt, befreundet. Sirenen? Das sind die Todesdämonen, nicht zu verwechseln also mit den Meeresjungfrauen, den gewöhnlichen Frauen, die von einem bösen Geist verdammt worden sind: Es ist die weißhaarige, uralte Sybil Jaouen, eine Conteuse (Erzählerin) und die Leiterin des Museums am Phare du Stiff, dem berühmten Leuchtturm, die den Kommissar aufklärt. Die Sirenen „locken die Männer mit betörendem Gesang – und in böser Absicht. Bloß, um sie ins Verderben zu führen, in den sicheren Tod“.

Dupin fühlt sich an Indiana Jones erinnert

Das wäre schon mal eine Spur. Aber so einfach ist das nicht. Und auch den Kommissar selbst schüchtert diese scheinbar alles wissende „Druidin“ ein. Von Boutou Bahou etwa solle sich Dupin in Acht nehmen – Sybil Jaouen warnt vor einem „blutgierigen Missetäter“, einem „Vampir von der Gestalt einer Fledermaus und so groß wie ein Mensch“. In dieser gespenstischen Liga agiert der Krimi. Und schon bald wird eine weitere Leiche angeschwemmt.

Deshalb fordert Dupin Verstärkung an, und bald ist das vertraute Ensemble im Einsatz, bis auf die normalerweise vom Kommissariat in Concarneau aus alle Fäden ziehende Nolwenn, die gerade in der Karibik segelt – und sich trotzdem meldet per Satellitentelefon. Bretonische Kultur, eine atemraubende Landschaft, Bannalec holt wieder reiseführerhaft groß aus: auf mehr als 400 Seiten. Und es ist ein musikalischer Roman: gewissermaßen ein Muss für die Fans keltischer Klänge, die auch „die Klänge des Glücks“ sein können, wie es im Ouessant-Lied heißt.

Und dann wird's ziemlich spannend, auch mal lebensbedrohlich für Dupin, der diesmal nicht über die Straßen rast, sondern auf einem E-Bike von Schauplatz zu Schauplatz, von Vernehmung zu Vernehmung hetzt und dabei im wörtlichsten Sinne im Nebel stochert. Der Kommissar fühlt sich bei diesem Fall gelegentlich an Indiana Jones erinnert. Wie gesagt: mysteriös, verwegen.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Sehnsucht. Kommissar Dupins dreizehnter Fall. KiWi-Paperback,  416 Seiten, 18 Euro.

Die Krimireihe mit Kommissar Dupin

Jean-Luc Bannalec ist der Künstlername von Jörg Bong. Er ist in Frankfurt am Main und im südlichen Finistère zu Hause. Die Krimireihe mit Kommissar Dupin, 2012, gestartet, wurde für das Fernsehen verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.