Claudia Rikls Roman „Elbland“
: Rausgeschmissen aus der sudetendeutschen Heimat

Mit „Elbland“ ist der Leipzigerin ein bewegender Familienroman über die Vertreibung der Sudetendeutschen und über vererbte Traumata gelungen.
Von
Kristina Schmidl
Ulm
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Claudia Rikl

Die Leipziger Autorin Claudia Rikl verarbeitet in ihrem Roman „Elbland“ die Geschichte ihrer eigenen Familie.

Rechtnitz
  • Roman „Elbland“ erzählt eine Familiengeschichte über Vertreibung und vererbte Traumata.
  • Protagonistin Nina pflegt Mutter Irma, die über das Sudetenland-Schicksal schweigt.
  • Nach Irmas Tod fühlt sich Nina frei und zugleich wurzellos – sie reist ins Riesengebirge.
  • Recherche vor Ort erklärt Irmas Verhalten und Ninas unterschwellige Wut immer deutlicher.
  • „Elbland“ zeigt auf drei Zeitebenen Gefühle wie Trauer, Ohnmacht, Angst und Frust.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Vertreibung aus dem Sudetenland hat die Mutter von Nina gebrochen. Die Trauer um ihre verlorene Heimat und ihre Herkunftsfamilie haben Irma „ein verdüstertes Leben in Einsamkeit aufgebürdet“. Weder Ninas Schwester Katja noch ihr Vater können es dauerhaft an der Seite der schwer traumatisierten Irma aushalten, die über ihre Kindheit in Böhmen, die schrecklichen Erlebnisse rund um ihre Vertreibung und das Leben, das sie damals hergeben musste, nie spricht. Katja flieht als junge Frau aus Ostdeutschland in den Westen, ihr Vater gründet mit einer anderen Frau eine neue Familie. Wieder verliert Irma geliebte Menschen. Doch die pflichtbewusste Nina steht ihrer Mutter stoisch bei – über viele Jahre, bis zu deren Tod.

Aber nach Irmas Beerdigung überkommen Nina widersprüchliche Gefühle: Obwohl sie ihre Mutter geliebt hat, fühlt sie sich plötzlich frei, kommt sich aber gleichzeitig verloren vor: Ihr fehlen die Wurzeln. Um wieder festen Boden unter den Füßen zu finden, reist sie ins tschechische Riesengebirge, wo ihre Mutter geboren wurde und wo diese mit ihrem Mann und den beiden Töchtern ihren letzten gemeinsamen Urlaub verbracht hat, bevor die Familie zerfallen ist. Nina will ergründen, was sie damals auseinandertrieb und was das titelgebende „Elbland“, das ihre Mutter einst Heimat nannte, für sie bereithält.

In ihrem Roman verarbeitet Claudia Rikl die Geschichte ihrer eigenen sudetendeutschen Familie. Die Leipzigerin ergründet tiefsinnig, was bei der Vertreibung – ein Schicksal, das nach 1945 etwa drei Millionen Menschen zuteilwurde – in der Heimat zurückbleibt und was anderen Menschen das Bleiben kostet. Alte Geschichten? Mitnichten. Rikls Roman ist auch 80 Jahre nach der Vertreibung der Sudetendeutschen aktuell. Denn es gibt viele Familien, in denen sich die Traumata der Kriegskinder bis in die jetzige Generation auswirken.

Trauer, Ohnmacht und Wut

Zunächst wirkt die Familiengeschichte, die Autorin auf drei Zeitebenen erzählt, lückenhaft, denn der Fokus liegt erst später auf der Vergangenheit. Man kann und muss sich als Leser so einiges zusammenreimen. Doch das ist ein Kunstgriff, denn Nina geht es auf der Suche nach ihren Wurzeln genau so. Auf jeder Ebene wird ein wenig mehr erklärt, wie die Familie von Nina, die man zu Beginn als distanziert, auch zerstritten, wahrnimmt, an diesen Punkt kommen konnte. Schnell wird klar, dass alles mit Irmas Kindheit zusammenhängen muss.

Als Nina im Heimatort ihrer Mutter über deren Herkunftsfamilie und Schicksal recherchiert, versteht sie immer besser, warum ihre Mutter gehandelt hat, wie sie es tat. Und auch als Leser kann man mit jedem Kapitel mehr nachvollziehen, wo die Wut in Nina herkommt, die stets unter der Oberfläche brodelt.

„Elbland“ ist ein leiser Roman, der aber emotional durchschüttelt. Er handelt von einer ganzen Palette an Gefühlen: Trauer, Ohnmacht, Angst, auch Frust darüber, nicht gesehen, ungerecht behandelt zu werden. Claudia Rikl beschreibt diese Empfindungen behutsam. Ihr lesenswertes Buch stimmt nachdenklich und lässt so manche Handlung in der eigenen Familie vielleicht noch mal in einem anderen Licht erscheinen.

Claudia Rikl: Elbland. Ullstein, 368 Seiten, 23,99 Euro.

Claudia Rikl: Elbland. Ullstein, 368 Seiten, 23.99 Euro.

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