Bregenzer Festspiele
: Der „Der Freischütz“ auf der Seebühne begeistert teuflisch

George Enescus Ödipus-Oper ist ein musikalisches Ereignis. Und Philipp Stölzls Grusical bietet auf der Seebühne mehr als nur ein Spektakel.
Von
Jürgen Kanold
Bregenz
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Teuflisches Spektakel: "Der Freischütz" auf der Bregenzer Seebühne.

Teuflisches Spektakel: "Der Freischütz" auf der Bregenzer Seebühne.

Daniel Ammann
  • Bregenzer Festspiele: „Oedipe“ von George Enescu beeindruckt musikalisch, spielt nur noch zweimal.
  • „Der Freischütz“ auf der Seebühne: Spektakuläre Inszenierung mit Fantasy-Elementen und Happy End.
  • Kürzung der Subventionen um 30 % belastet die Festspiele – trotz wirtschaftlichem Erfolg.
  • Wiener Symphoniker und Prager Philharmonischer Chor glänzen in beiden Produktionen.
  • Weitere Highlights: Konzerte, Wiener Burgtheater und Tanz – ORF III sendet am 10. August.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn in Bregenz die Festspiele eröffnet werden, setzt sich vom Bundespräsidenten Van der Bellen an abwärts ein politischer Tross von Wien aus in Bewegung: ins maximal weit entfernte Vorarlberg, sehr im Westen der österreichischen Republik gelegen und gerne randständig übersehen.

„Kunst ist etwas Wunderbares“, schwärmte der angereiste österreichische Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) am Bodensee. Durch sie könne man in die Gedankenwelt verschiedener Protagonisten eintauchen und dadurch auch manchmal etwas über sich selbst erfahren. Man weiß jetzt nicht, was Babler in der Figur des Ödipus für sich erkannt hat, jenem Königssohn aus der griechischen Antike, dem ein grausames Schicksal verheißen ist: Er werde seinen Vater erschlagen, seine Mutter heiraten und mir ihr Kinder zeugen. Ödipus hat eigentlich keine Chance, von Geburt an nicht, sich gegen das Schicksal zu wehren, er muss für die Schuld büßen, die sein Vater auf sich lud. Er rennt in die Katastrophe.

Die Bregenzer Festspiele aber empfinden es nicht als schicksalhaft, sondern als menschlichen Fehler, als eine böse Klatsche aus Wien, dass die öffentliche Hand ihnen 30 Prozent der Subventionen streicht, rund 2,1 Millionen Euro. Und das quasi, weil sie so clever wirtschaften, Geld angespart haben nach sehr erfolgreichen Produktionen auf der Seebühne – wie aktuell dem „Freischütz“, der am Donnerstagabend an einem herrlichen Sommerabend, umjubelt, ins zweite Jahr startete und wieder auf fast 200.000 Besucherinnen und Besucher bis Mitte August wartet.

„Oedipe“ ist ein musikalisches Ereignis

Das draußen verdiente Geld setzen die Bregenzer aber ein, um noch viel mehr Kunst zu bieten: ein vielfältiges Programm. Zum Beispiel eine Oper im Festspielhaus, und die Premiere von George Enescus „Oedipe“ am Mittwochabend zum Auftakt der Festspiele unter ihrer neuen Intendantin Lilli Paasikivi (in strahlend gelber Abendrobe) war ein musikalisches Ereignis.

Bregenzer Festspiele - Fotoprobe: 13.07.2025, Österreich, Bregenz: Der französische Bassbariton Paul Gay, Mitte, als Oedipe in einer Szene aus der Oper «Œdipe» von George Enescu im grossen Saal des Festspielhauses Bregenz während Fotoprobe bei den Bregenzer Festspielen. Inszeniert hat Andreas Kriegenburg. Premiere ist am Mittwoch, 16. Juli 2025. Foto: Eddy Risch/KEYSTONE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein musikalisches Ereignis: George Enescus Oper „Oedipe“ mit Paul Gay in der Titelpartie.

Eddy Risch/KEYSTONE/dpa

An dieser Ödipus-Oper komponierte der Rumäne sehr lange, von 1910 bis 1931 (und 1936 kam sie in Paris zur Uraufführung). Das hört man: Ein Ausgangspunkt ist der französische Wagnerkult. Es beginnt dann ungefähr unerhört farbenreich bei Debussy und geht in den Expressionismus über, erinnert an den hypertrophen Schreker – die Moderne eines „Wozzeck“ von Berg zeichnet sich weniger am Klanghorizent ab. „Oedipe“ hat geradezu antike Wucht: ausgereizt tonal in farbigster Malerei, in intensiven fast dreieinhalb Stunden (mit Pause). Und eine zentrale Funktion hat entsprechend der griechischen Tragödie der Chor – großartig der Prager Philharmonische Chor unter Lukás Vasilek.

Phänomenal spielen die Wiener Symphoniker unter der Leitung des finnischen Dirigenten Hannu Lintu, sie setzen Enescus Partitur so kraftvoll, emotional wie perfekt um. Dazu ein vortreffliches Ensemble, angeführt von dem Bassbariton Paul Gay in der monströsen Titelpartie. Es ist nachvollziehbar, dass „Oedipe“ so selten aufgeführt wird, nur erste Häuser, Festspiele sind dazu in der Lage.

Angemessen statuarisch-archaisch inszenierte Andreas Kriegenburg im Bühnenbild von Harald B. Thor diese Oper, die das ganze Leben von Ödipus in großen Zeitsprüngen erzählt: vier Geschichten in vier Akten, mit vier prägenden Elementen und Farben – Feuer, Wasser, Asche und Holz. Kaum Psychologie, aber bildhafte Körperregie.

Es geht bei Enescu übrigens ganz gut aus mit dem verfluchten Ödipus: Die Sphinx besiegt er, weil er auf die Frage, was stärker sei als das Schicksal, zweimal mit „der Mensch“ antwortet. Und am Ende findet er im Angesicht des Todes seinen Frieden in einem Hain mit Wasser- und Taufquelle. Das ist geradezu ein Karfreitagszauber, nur ohne Parsifal, aber mit Antigone, der Tochter wie Schwester von Ödipus, als weiblicher Heilsversprechung. Kunst ist wirklich etwas Wunderbares, und man fragt sich, warum „Oedipe“ nur noch zweimal in Bregenz gespielt wird.

Aber bitte mit einem „Happ End“

Dort ist natürlich der „Freischütz“ das Massenphänomen und erreicht ein Publikum, das sonst selten bis nie ein Opernhaus besucht: weil ein Open Air geboten wird in spektakulärer Kulisse, mit sensationellen Licht- und Toneffekten, und zwar ein Schauermärchen. Und eigentlich wird auch keine Oper gespielt, sondern ein Grusical: der „Freischütz“ von Philipp Stölzl nach Carl Maria von Weber. So wird das in Bregenz nicht etikettiert, tut auch eigentlich nichts zur Sache. Würde aber bei der Erwartungshaltung helfen. Und dann merkt man: Der Regisseur wildert nicht in der Vorlage und macht populär Beute, er trifft mit viel Ironie das Werk, ohne es zu erlegen.

Ein Spektakel: Der von Philipp Stölzl inszenierte "Freischütz" der Bregenzer Festspiele

Ein Spektakel: Der von Philipp Stölzl inszenierte "Freischütz" der Bregenzer Festspiele.

Anja Köhler

Stölzl ist ein Regisseur, der auch Filme dreht (zuletzt die TV-Serie „Der Schwarm“), und auf der Seebühne hat man tatsächlich den Eindruck, Zeuge am Set zu sein: Live-Kino zu erleben. Wieder viel Schicksal, Fluch und Elend, versehrte Seelen  – aber jetzt draußen. Eine Winterlandschaft, windschiefe, zerfallene Häuser, ein Krieg und eine Flutkatastrophe haben die Menschen heimgesucht. Das ist die Szenerie für eine romantische Liebesgeschichte: Der Amtsschreiber Max (Attilio Glaser) möchte die Försterstochter Agathe (Irina Simmes) heiraten, aber er kriegt sie nur, wenn er bei einem Probeschuss ins Schwarze trifft. Und weil er kein guter Schütze ist, lässt er sich mit den dunklen Mächten ein. In der Wolfsschlucht gießt der böse Kasper ihm die Freikugeln: „Sechse treffen, sieben äffen“. Das ist eine wilde Fantasy-Show mit Feuer speiendem Drachen, der aus dem Bodensee auftaucht – und Samiel, der Teufel, dröhnt höllisch auf der Spitze eines halb versunkenen Kirchturms.

Teuflische Sache

„Hier geht fürwahr der Teufel um“: Philipp Stölzl bietet nicht nur starke Bilder, er nimmt die Oper auseinander und bringt die Geschichte den Zuschauern nah, indem er Samiel als einen Spielmacher erfindet, der in Knittelversen das Publikum anspricht und mitnimmt. Samiel ist ebenso der mephistophelische Geist, der stets verneint, der das Handeln der Figuren auch mitten in der Arie kommentiert – Moritz von Treuenfels macht das mitreißend.

Im zweiten „Freischütz“-Sommer wirkt im Übrigen das Schauspiel nicht mehr so dominant, die Balance stimmt, die Aufführung ist allemal getragen von der Musik. Und die Wiener Symphoniker unter Patrik Ringborg, aufgemischt zum Riesensound, spielen exzellent.

Der Clou: Stölzl misstraut der heimeligen Opernsage von 1821, weil er aber das Werk liebt und nicht denunzieren will, wendet er einen Trick an. Er inszeniert zunächst die Story mit tödlicher Konsequenz, ohne göttlichen Eingriff. Max erschießt tatsächlich mit der teuflischen Freikugel seine Agathe und hängt sich aus Verzweiflung darüber an einem Baum auf. Nein, stopp, meldet sich Samiel: Das dürfe doch nicht sein, so gegen den Publikumsgeschmack. Also nun doch das Happy End. Das folgt gebührend kitschig und mit heilender Musik. Aber bitte, man hat's ja nicht anders haben wollen. Samiel hat seinen Spaß. Die fast 7000 Menschen auf den Tribünen hatten ihn aber bei der Premiere auch.

„Freischütz“ bis zum 17. August

Die Bregenzer Festspiele bieten ein vielfältiges Programm, mehr als eine große Oper auf der Seebühne: „Der Freischütz“ läuft dort bis zum 17. August. Im Festspielhaus ist die  Oper „Oedipe“ von George Enescu noch zwei Mal zu erleben, am 20. und am 28. Juli. Das Fernsehen ORF III zeigt eine Aufzeichnung am 10. August, 21.45 Uhr. Es gibt zudem Konzerte der Wiener Symphoniker, ein Gastspiel des Wiener Burgtheaters („Bumm tschak oder Der letzte Henker“) und auch modernen Tanz.