Bedeutender Historiker
: Die Ulmer Geschichtsstunden des Heinrich August Winkler

„Warum es so gekommen ist“: Der mittlerweile 87-jährige Heinrich August Winkler schreibt über seine Schulzeit am Humboldt-Gymnasium.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Der deutsche Historiker Heinrich August Winkler, aufgenommen am 16.03.2016 in Leipzig (Sachsen). Winkler wird am Abend zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse mit dem «Buchpreis zur Europäischen Verständigung» geehrt. Foto: Hendrik Schmidt/dpa ++ +++ dpa-Bildfunk +++

Viel gerühmt: 2016 erhielt der Historiker Heinrich August Winkler, der in Ulm aufwuchs, auch den „Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ in Leipzig.

Hendrik Schmidt/dpa
  • Historiker Heinrich August Winkler blickt in seinen Memoiren „Warum es so gekommen ist“ auf seine Schulzeit in Ulm zurück.
  • Winkler, 1938 in Königsberg geboren, zählt zu den bedeutendsten deutschen Zeithistorikern.
  • Seine politische Prägung begann am Humboldt-Gymnasium und durch Begegnungen mit Spitzenpolitikern.
  • Winkler war CDU-Mitglied, trat jedoch 1962 aus Protest gegen Adenauers Wahlkampftaktik der SPD bei.
  • Das Buch beleuchtet seine Kindheit, seine Karriere und den „Kampf um die Verwestlichung der Bundesrepublik“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Eine Bildungskrise an deutschen Gymnasien? Von einer guten alten Zeit (war sie so gut?) erzählt der Historiker Heinrich August Winkler in seinen bei C.H. Beck erschienenen Memoiren „Warum es so gekommen ist“: dass er etwa seinem „Direx“ am Ulmer Humboldt-Gymnasium, Alfred Hauser, eine erste Einführung in Thukydides‘ Geschichte des Peloponnesischen Krieges verdanke. Streber ist gewiss das falsche Wort, aber der junge Winkler hatte einen bemerkenswerten schulischen Wissenshunger.

Von 1954 an, 16 Jahre alt war er, leitete er bis zum Abitur das Politische Seminar der Ulmer Jugend, eine Ergänzung zum Gemeinschaftskundeunterricht, und lud Spitzenpolitiker an die Donau ein. Was es damals gab! In seiner Eigenschaft als „politischer Referent“ traf der Schüler in Bad Boll auf Bundeskanzler Konrad Adenauer und holte sich nicht nur ein Autogramm ab. 1956 nahm Winkler am 23. Deutschen Historikertag in Ulm teil, im Jahr vor dem Abitur; für die „Ulmer Nachrichten“ berichtete er über die Vorträge.

Geschichte war sein Lieblingsfach – und das studierte er dann auch, vor allem in Tübingen. Winkler, 1938 in Königsberg geboren, gehört zu den bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Zeithistorikern der Bundesrepublik, mit Büchern wie „Der lange Weg nach Westen“. Das Fundament dieser Karriere wurde in Ulm gelegt, wie er ausführlich seinem Buch mit dem Untertitel  „Erinnerungen eines Historikers“ darlegt, und zwar mit vielen Anekdoten. Einen „politisch-moralischen Kompass“ in den Zeitenwenden unserer Epoche wolle er bieten – Winkler selbst hat einen solchen an der Donau erfahren: ist dort als Demokrat erwachsen geworden.

Winkler stammt aus einer lutherisch-bildungsbürgerlichen Familie; auch Vater und Mutter hatten Geschichte studiert, waren promoviert worden. Der Vater starb schon 1939, die Mutter durfte Ostpreußen im August 1944 mit dem Kind verlassen, weil sie an der Urspringschule eine Lehrerinnenstelle erhielt – so blieb ihnen (und auch der Großmutter) eine leidvolle Flucht im Kriegswinter 1945 erspart. Die Mutter unterrichtete dann nach dem Krieg in Ulm am Mädchengymnasium, der Sohn besuchte das altsprachliche Gymnasium.

Fünf Vettern lebten in Ulm

Vom Kriegsende in Urspring und von der Nachkriegszeit in Ulm berichtet Heinrich August Winkler, der 1952 im Münster konfirmiert wurde, ausführlich – von Königsberg nach Ulm, das war die Stadt, in der eine Schwester seiner Mutter, Hella Füchtner, mit ihren fünf Söhnen lebte. Die Vettern halfen ihm, sich in Schwaben „auch sprachlich heimisch zu fühlen“.

Winklers Interesse für die Politik war 1952 schlagartig erwacht, als ein Mitschüler ihn auf Rundfunkübertragungen aus dem Bundestag aufmerksam machte, auf leidenschaftliche Debatten über die Wiederbewaffnung. Der 16-Jährige trat der CDU bei – aber 1962 wurde er Mitglied der SPD, aus Protest, dass Adenauer im Wahlkampf eine verletzende „Anti-Immigranten-Kampagne“ gegen den sozialdemokratischen Kandidaten Willy Brandt geführt hatte. Auch hatte Winkler, obwohl oder gerade weil er selbst zu den Vertriebenen gehörte, verstanden, dass die Oder-Neiße-Grenze zu Polen für einen Frieden in Europa anerkannt werden müsse.

„Warum es so gekommen ist“: auch weil Winkler in Ulm auf Lehrer und Freunde traf, die ihn zum politischen Menschen machten. Der heute 87-Jährige hat viel erlebt, ist tief besorgt über die Trump-USA, will aber nicht fatalistisch in die Zukunft schauen: „Die Zukunft des Westens hängt im hohen Maß von der Bereitschaft der verbliebenen westlichen Demokratien ab, sich so eng wie möglich zusammenzuschließen, um so wirksam wie möglich zu verteidigen, was von innen wie von außen bedroht ist: ihre politische Freiheit.“

Die Erinnerungen eines Historikers

In seinen Erinnerungen „Warum es so gekommen ist“ berichtet der Historiker Heinrich August Winkler von seinen Prägungen in der Nachkriegszeit, von seinen wissenschaftlichen und politischen Vorbildern, „vom Kampf um die Verwestlichung der Bundesrepublik“ – und nicht zuletzt von seiner Kindheit und Jugendzeit in Urspring und Ulm. Das Buch ist im Verlag C.H. Beck erschienen (288 Seiten, 30 Euro).