Bayreuther Festspiele
: Die doppelte Suche nach dem „Ring“

Was man auf dem Grünen Hügel erleben kann: Die Bilderflut der KI, einen Thielemann-Triumph auch in der „Walküre“ und eine märchenhafte Kinderoper.
Von
Jürgen Kanold
Bayreuth
Jetzt in der App anhören
Auf Schatzuche: Corby Welch als Siegfried in der Bayreuther Kinderoper "Der Ring des Nibelungen".

Auf Schatzsuche: Corby Welch als Siegfried in der Bayreuther Kinderoper "Der Ring des Nibelungen".

Bayreuther Festspiele/ Enrico Nawrath
  • Bayreuth zeigt zwei „Ring“-Ansätze: KI-Bilderflut im Festspielhaus und Kinderoper im Park.
  • Kinderoper: zwei Stunden mit Pause, märchenhafte Schatzsuche ohne Multimedia, viel Erklärung.
  • Hochkarätige Besetzung und 30-köpfiges Kammerorchester unter Azis Sadikovic garantieren Niveau.
  • KI-Konzept „Ring 10010110 – vom Mythos zum Code“ erzeugt rasante Livebilder ohne Handlung.
  • „Walküre“: Buhs für die KI, Jubel für Dirigent Christian Thielemann und das Ensemble.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Und jetzt alle aufstehen und die Flossen ausschütteln“, rufen die Rheintöchter ins Publikum. Auflockerungsübungen. Alle machen fröhlich mit: unten im Park, im provisorisch hingebauten Kleinen Festspielhaus für die Kinderoper. Der ganze „Ring des Nibelungen“ in nur zwei Stunden inklusive Pause. Für Grundschüler ist das trotzdem hart, aber wir sind ja bei Wagner in Bayreuth, und dort hält der Nachwuchs viel aus. Droben im Festspielhaus schütteln sich die Zuschauerinnen und Zuschauer auch – aber die Köpfe, genervt bis entsetzt über den KI-„Ring“-Bildsalat, der sich am zweiten Abend in der „Walküre“ fortsetzte (28. Juli 2026). Ein Buhsturm, aber auch euphorischer Jubel für Dirigent Christian Thielemann und das Gesangsensemble.

Nochmal runter ins Analoge. Seit vielen Jahren zeigt Festspielchefin Katharina Wagner in jedem Sommer jeweils ein Werk ihres Urgroßvaters als Kinderoper, für den „Ring“ hat sie mit Markus Latsch selbst die Fassung geschrieben; Leonie Haupt führte jetzt Regie. Das ist sehr clever, unterhaltsam gemacht: Es wird auch viel gesprochen, erklärt, weniger mit Wagalaweia als mit Ausdrücken wie „hammercool“. Alles Mythische, Ideologische und kompliziert (inzestuös) Familiäre ist gestrichen. Märchenhaft und ohne Multimedia steht die Schatzsuche der Rheintöchter nach dem geraubten Gold im Mittelpunkt.

Das Besondere: Es singen und spielen erstklassige Sängerinnen und Sänger, die auch teils oben im Festspielhaus auftreten, etwa Joachim Goltz als Alberich. Und es musiziert, seit langer Zeit bewährt, das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter Azis Sadikovic. Der „Ring“ mit einem 30-köpfigen Kammerorchester. Also auch für das junge Publikum ist ein veritables Aufführungsniveau garantiert.

Es geht in diesem Kinder-„Ring“ am Ende ziemlich schnell, zackzack zur „Götterdämmerung“ mit Erlösungs- und Zukunftsmusik. Aber es wird immer noch mehr erzählt als im KI-Ring, was nicht schwer ist, weil der gar keine inszenierte Handlung bietet. „Ring 10010110 – vom Mythos zum Code“ heißt das Konzept: Mit Bildmaterial zu 150 Jahren Bayreuther Festspiel- und Rezeptionsgeschichte und auch Weltgeschehen ist die Künstliche Intelligenz von Kurator Marcus Lobbes trainiert worden, und diese verrechnet das in Livebilder.

Grandiose Musik

Ein riesenhaftes Kino, immer wieder faszinierend: wenn etwa plötzlich die Farbmalerei der konzertanten „Walküre“ von Hermann Nitsch von 2021 zitiert wird. Aber kaum wirkt ein Bild, verwandelt es sich schon wieder. Diese Rasanz ist ein Hauptproblem. Und weshalb an welcher Stelle Thomas Mann, Lenin oder Hitler plötzlich auftauchen, bleibt ein Rätsel, überhaupt ist das alles ein Zuschauerquiz. Dass beim Walkürenritt kriegerische Aktion ins Bild rückt, ist wiederum wenig originell – und unpassend, weil Thielemann diesen Hit eher romantisch verspielt, burlesk angeht. Keine Inszenierung, keine Personenregie, keine Übertitel: Wagner-Neulinge haben bei diesem „Ring des Nibelungen“ keine Chance.

Aber die Wagner-Musik: ereignishaft, wie sie farbenvoll weich, gewoben aus kleinsten Details, plastisch das ganze Festspielhaus ausfüllt. Auch die „Walküre“ ist ein Thielemann-Triumph. Dazu Klaus Florian Vogt mit seiner hellen Zauberstimme als unschuldigster Siegmund, Elza van den Heever als Sieglinde, Mika Kares als Hunding. Camilla Nylund ist eine furiose Brünnhilde, die auch funkelnd innige Töne singt; Michael Volle ein gestandener, herrischer Wotan, der begreift, dass er seine Macht verliert und sich angeschlagen leise verabschiedet. So skulptural sie auf der hologrammartigen Bühne stehen, so präsent singen sie alle, gefeiert.