„An einem Tag im September“
: Großartige deutsch-französische Geschichtsstunde

1958 trafen sich Konrad Adenauer und Charles de Gaulles privat und trieben die deutsch-französische Freundschaft voran. Ein Fernsehfilm erinnert daran.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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TV Ausblick Arte - „An einem Tag im September“: HANDOUT - 11.07.2024, ---: Die beiden Staatsmänner Adenauer (Burghart Klaußner, l) und de Gaulle (Jean-Yves Berteloot) bauen Vertrauen zueinander auf in einer Szene aus dem Fernsehdrama «An einem Tag im September» (undatierte Aufnahme). Das Politdrama wird am 12.09.2025 auf Arte ausgestrahlt. (zu dpa: «Irgendwann nennen sie sich «Konrad» und «Charles»») Foto: Frank Dicks/ZDF/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Monumente der Schauspielkunst: Burghart Klaußner (Adenauer) und Jean-Yves Bertellot (de Gaulle) in dem Fernsehfilm  „An einem Tag im September“:

Frank Dicks/ZDF/dpa
  • ZDF-Film „An einem Tag im September“ zeigt Adenauer-de-Gaulle-Treffen von 1958.
  • Treffen prägte die deutsch-französische Freundschaft – symbolische Geschenke und Gespräche.
  • Film ergänzt historische Ereignisse mit fiktiven Elementen wie Konflikten und persönlichem Austausch.
  • Adenauer und de Gaulle wuchsen trotz Differenzen zusammen; Elysée-Vertrag folgte 1963.
  • Ausstrahlung: 15. September, 20:15 Uhr im ZDF, danach Doku – beides in der ZDF-Mediathek.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Auch einen Navi gab's damals noch nicht. Da reist Bundeskanzler Konrad Adenauer auf Friedensmission zum „Erbfeind“, eingeladen von Frankreichs Regierungschef Charles de Gaulle auf dessen Landsitz La Boisserie in Colombey les Deux Églises. Aber dann kommt der deutsche Tross gut 80 Kilometer entfernt in einem lothringischen Dorf namens Colombey-Les-Belles heraus. Verfahren! Die „Boches“, ausnahmsweise unpünktlich. Doch das Treffen vom 14. September 1958 wird in die Geschichte eingehen, weil es die deutsch-französische Freundschaft entscheidend vorangetrieben hat.

13 Jahre nach Kriegsende liegen die Wunden noch schreiend offen, die das nationalsozialistische, verhasste Deutschland beim Nachbarn geschlagen hat. Adenauer aber bringt als Gastgeschenk eine geschnitzte Pietà mit, die Muttergottes beweint den gekreuzigten Jesus, ein Symbol von Trauer und Leid. Unter Katholiken weiß man: Sie ist auch ein Zeichen der Vergebung und der Hoffnung.

Zwei Staatsmänner lernen sich kennen und verstehen, allen Ressentiments zum Trotz. Sie haben Zeit und Ruhe, sie reden, durchaus streitbar; sie machen versöhnende Politik, sie schauen nach vorn. Keiner tippt auf dem Smartphone großspurige Schlagzeilen in die X-Welt, keine TV-Sender stehen mit ihren Übertragungswagen vor dem Haus. Keine Newsticker im Internet. Die paar Journalisten vor Ort prügeln sich um den einzigen Telefonapparat. So war das damals.

Die Köchin hasst die Deutschen: „Ihr seid Mörder, alle!“

Märchenhaft. In der Regie von Kai Wessel und mit dem Drehbuch von Fred Breinersdorf zeigt das ZDF den Fernsehfilm „An einem Tag im September“, der die Ereignisse von damals rekonstruiert, ergänzt um fiktionale Erzählstränge. Da weigert sich etwa die Köchin de Gaulles, eine ehemalige Kämpferin der Résistance, für die Deutschen ein Essen zuzubereiten: „Ihr seid Mörder, alle!“ Und eine deutsche Reporterin teilt mit einer französischen Fotografin im Gasthof ein Zimmer – die Frauen stehen für den Aufbruch einer neuen Generation in eine neue Zeit.

Adenauer und de Gaulle, zwei Sturköpfe, beginnen ihre Gespräche mit Monsieur Le Général und Monsieur Le Chancelier und enden bei Charles und Konrad. Das Eis bricht – in diesem Film – de Gaulles Gattin Yvonne, als sie an familiäre Schicksalsschläge erinnert. Sie hatten eine geliebte Tochter mit Down-Syndrom, Anne, die sie nicht, wie einst üblich, in ein Heim fortgaben. Adenauer wiederum erzählt davon, dass seine Frau wohl an den Folgen eines Suizidversuchs gestorben sei. Sie hatte sich 1944 das Leben nehmen wollen, weil sie den Aufenthalt ihres aus Gestapo-Haft geflüchteten Mannes verraten hatte – um ihre Kinder zu retten. Die große Politik und das so menschlich Private. So kommt man sich näher.

In der Realität erwuchs allemal eine herzliche Freundschaft zwischen Adenauer und de Gaulle, mit zahlreichen Begegnungen, umjubelten Auftritten in Bonn oder Reims. Und mit dem Elysée-Vertrag bekräftigten sie am 22. Januar 1963 eine neue Ära deutsch-französischer Beziehungen, die freilich schon 1950 der französische Außenminister Robert Schuman angebahnt hatte mit seiner Idee einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS).

Fesselndes Kammerspiel

Die politischen Hintergründe zeigt eine flankierende ZDF-Doku. Selbstverständlich waren beide Staatsmänner auch getrieben vom aktuellen Geschehen. Der damals 82-jährige Adenauer, dessen geteiltes Deutschland die Front zum sowjetischen Ostblock bildete und eine Debatte führte über die atomare Aufrüstung der Bundeswehr, suchte Frankreich als unerschütterlich festen Friedenspartner. Und 1958, das war ein anarchisches Jahr für ein auch wirtschaftlich gebeuteltes Frankreich. Die frühere Weltmacht hatte sich aus Indochina, aus Marokko und Tunesien zurückgezogen, in Algerien herrschte Aufruhr. Man holte den Weltkriegsheld als Retter: Nur Wochen nach dem Treffen mit Adenauer trat die Verfassung der Fünften Republik in Kraft, de Gaulle regierte jetzt als Staatspräsident mit umfangreichen Befugnissen.

Aber zurück zum märchenhaften Fernsehfilm. So möchte man sich das gerne vorstellen: dass sich Staatsmänner in aller Vernunft und mit persönlichem Vertrauen begegnen. Dass kluge Diplomatie und Menschlichkeit unsere Welt verändern können. Es gibt ein „Ereignisprotokoll“ über dieses Gespräch, das im Bundesarchiv verwahrt ist, aber was damals tatsächlich ablief? Der Film jedenfalls liefert ein fesselndes Kammerspiel.

Und zwar mit monumentaler Schauspielkunst: Burghard Klaußner als Adenauer, der nicht mit rheinischem Singsang den Alten aus Köln imitieren muss, sondern eine tief gefasste Persönlichkeit verkörpert. Nicht weniger beeindruckend Jean-Yves Berteloot als de Gaulle. Physiognomische Ähnlichkeiten mit den historischen Figuren? Durchaus, aber nicht entscheidend, man glaubt diesen beiden Schauspielerin alles.

Im Fernsehen und in der ZDF-Mediathek

Das ZDF strahlt den Fernsehfilm „An einem Tag im September“ an diesem Montag, 15. September, 20.15 Uhr, aus. Anschließend um 21.45 Uhr folgt eine Dokumentation der historischen Ereignisse von 1958. Beide Sendungen sind in der ZDF-Mediathek verfügbar.