„Amrum“ von Fatih Akin: „Diane Kruger ist eine fantastische Schauspielerin“

Regisseur Fatih Akin mit Diane Kruger bei der Deutschlandpremiere von „Amrum“ in Hamburg.
Georg Wendt/dpaFatih Akin zählt zu den erfolgreichsten Regisseuren Deutschlands, seit er 2004 mit „Gegen die Wand“ auf der Berlinale einen Goldenen Bären und dann auch den Europäischen Filmpreis gewann. Jetzt kommt sein neuer Film „Amrum“ ins Kino: Ein zwölfjähriger Junge erlebt das dramatische Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Nordseeinsel. Akin erzählt die Jugenderinnerungen von Hark Bohm.
Herr Akin, der junge Held will unbedingt Weißbrot mit Butter und Honig besorgen. Gilt diese Einfachheit auch für den Film selbst?
Fatih Akin: Dass der Film so einfach wie ein Weißbrot mit Butter und Honig sein sollte – das kam eigentlich von Laura Tonke. Als sie es sagte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte ursprünglich andere filmische Vorbilder im Kopf, auch eine andere visuelle Haltung. Ich wollte zum Beispiel die Kamera auf eine bestimmte Weise einsetzen, mehr in Richtung Terrence Malick, eher episch, poetisch. Aber als Laura das sagte, wusste ich: Das muss werden wie „A Brighter Summer Day“ von Edward Yang – der einfachste Film, den ich kenne, und einer der intensivsten. Seine Kraft kommt aus der Reduktion, wie Bruce Lee! Ich hatte ja von Anfang an zu Hark gesagt: Das ist „Fahrraddiebe“ und „Schuhputzer“ (beide von De Sica), das lebt von der Einfachheit. Man kann das große Ganze im Kleinen erzählen. Aber natürlich wächst im Laufe des Prozesses alles – wird größer, komplizierter.
Glauben Sie, dass das ein Trend ist – das Erzählen in der Reduktion?
Ob das jetzt ein Trend ist, weiß ich nicht. Aber es gibt immer wieder Filme, die aus dieser Einfachheit ihre Kraft beziehen. Für uns Europäer ist das eigentlich die sinnvollere Art, Filme zu machen, weil wir eben nicht die Budgets haben wie unsere transatlantischen Kollegen. Und wenn man sich Werke von Bergman oder Östlund anschaut, sieht man: Das hat es immer gegeben und wird es immer geben. Diese Art des Erzählens hat einfach Bestand. Auch weil sie wahrhaftiger ist.
Die Dynamik unter den Kindern erinnert an „Stand by Me“. War das ein Vorbild?
Ja, absolut. „Stand by Me“ ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme und ein echtes Vorbild für diesen Film. Was die Amerikaner da können – dass Kinder als Protagonisten funktionieren und es trotzdem auch ein Film für Erwachsene ist –, das finde ich großartig. Ich weiß nicht, ob das bei mir auch so aufgeht, ich glaube, mein Film ist eher etwas für Erwachsene. Aber ich wollte den Kindern auch etwas geben, was sie anspricht. Alles, was ein bisschen gruselig ist, was Splatter ist, was sie herausfordert – das ist für die Kids im Publikum.
Wie ist es, mit Diane Kruger und Matthias Schweighöfer zu drehen – sind die im Film, damit die Finanziers zustimmen?
Also das erste Mal, dass ich mit einem internationalen Star gearbeitet habe, war mit Diane bei „Aus dem Nichts“. Davor hatte ich auch bekannte Leute, klar, aber „Aus dem Nichts“ hat Türen geöffnet, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Auf einmal war ich in einer ganz anderen Sphäre unterwegs. Heute ist das leider so: Wenn ein Film nicht schon am ersten Wochenende seine Zahlen macht, fliegt er aus dem Kino. Die Zeiten, in denen sich ein Film über Wochen entwickeln konnte, sind vorbei.
Wie ist die Arbeit mit Stars? Diane ist eine fantastische Schauspielerin, mit der ich mich super verstehe. Wir haben uns wirklich gesucht und gefunden. Ich könnte jeden Film mit ihr machen. Es fühlt sich an wie in einer Band: Ich bin der Bassist, sie ist das Schlagzeug – oder ich bin Schlagzeug und sie singt. Jedenfalls: Es groovt. Und ja, sie ist berühmt – aber für sie bin ich so ein Arthouse-Typ, der sie herausfordert. Und mit Matthias? Wir kannten uns lange, aber haben jetzt zum ersten Mal zusammengearbeitet. Er will sich neu erfinden, andere Sachen machen. Und ich finde es spannend, populäre Leute aus ihrem gewohnten Umfeld zu holen.
Sie sagten, „Amrum“ sei eine Reise in die Tiefe Ihrer deutschen Seele. Wie meinen Sie das?
Ich weiß ja selbst nicht immer, was das ist – deutsch zu sein. Bin ich deutsch? Das sagt sich so leicht. Aber dann gibt es Leute, die sagen: Deutsch ist nur, wer deutsches Blut hat. Und das werden immer mehr. Der Film beschäftigt sich mit einer sehr deutschen, sehr weißen „Alman“-Thematik, mit der ich mich vorher nie wirklich auseinandergesetzt habe. Ich wollte sie präzise erzählen, ohne Klischee. Und auf dem Weg dorthin habe ich gemerkt: Da ist eine deutsche Seele in mir. Ich bin auf ein Goethe-Zitat gestoßen: „Wo wir uns bilden, da ist unser Vaterland.“ Und ich habe meine wichtigste Bildung hier erhalten: meine filmische. Also, wenn das stimmt, was Goethe sagt, dann habe ich hier ein Vaterland.
Was ist das nächste Projekt? „Geister weinen nicht“?
Es heißt nur noch „Geister“. „Geister weinen nicht“ klang mir zu sehr nach „Und Jimmy ging zum Regenbogen“. Es ist kein Pickel-Film, aber ich habe mein Thema gefunden. Ich bin mitten in der Arbeit und merke: Ich habe das unterschätzt. Es ist sehr ambitioniert, sehr schwierig, auch wenn’s nicht historisch ist und komplett in Hamburg spielt. Ich dachte, das wird easy – aber Pustekuchen. Einfachheit funktioniert hier nicht. Also kein Brot-Butter-Honig-Film diesmal.
Zur Person
Fatih Akin, geboren 1973 in Hamburg, machte sich international als Regisseur einen Namen mit „Gegen die Wand“. 2007 erhielt „Auf der anderen Seite“ in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Mit „Aus dem Nichts“ legte er 2017 seinen bislang größten Erfolg vor. Das Drama um einen Neonazi-Anschlag gewann den Golden Globe und den Deutschen Filmpreis. Diane Kruger bekam in Cannes die Goldene Palme. Nach dem Serienkiller-Drama „Der Goldene Handschuh“ folgt nun „Amrum“.
