Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat mit seinem Vorschlag, zum Waschlappen zu greifen, anstatt „dauernd“ zu duschen, überregional für Schlagzeilen gesorgt. „Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung“ – mit dieser Feststellung in einem Interview mit unserer Zeitung hat der Grünen-Politiker – neben amüsierten Kommentaren in sozialen Medien – auch viel Kritik und Empörung ausgelöst. Hauptvorwürfe: Er versuche, die Bürger zu bevormunden, habe sich von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt und setze falsche Prioritäten.

Hautärztin rät: Weniger Duschen ist mehr

Unterstützung für den Regierungschef kommt von wissenschaftlicher Seite. Die Kölner Hautärztin Uta Schlossberger stimmt Kretschmann uneingeschränkt zu. „Wenig ist mehr“ ist ihre Devise. Waschlappen seien schon im alten Ägypten genutzt worden und heute eine probate Alternative zum Duschen. Bei Büroangestellten reiche ein Schauer pro Woche aus. Bauarbeiter und Sportler könnten wegen Schwitzen ein bis drei Mal pro Tag duschen. Die Mediensprecherin des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen nimmt Kretschmann auch gegen Kritik wie diese eines Internet-Users in Schutz: „Vielleicht ist er zu alt, um zu verstehen, dass Körperhygiene wichtig ist. Wie war das noch bei Corona? 500 000 Mal am Tag die Hände waschen. Jetzt egal?“

Tipps zur „Katzenwäsche“: Im Intimbereich nur Wasser verwenden

Schlossberger verweist mit Blick auf Hygiene hingegen darauf, dass es reiche, sich täglich an fünf Stellen mit Wasser und ph-neutraler Seife zu waschen und im Intimbereich nur Wasser zu verwenden. Die Schwerpunkte der Reinigung sind Hände, Füße, die Achseln sowie die vordere und hintere Schweißrinne am Oberkörper, also Brust- und Rückenmitte.
Laut einer Untersuchung des Industrieverbandes Körperpflege- und Waschmittel aus dem Jahr 2021 möchten die meisten im Badezimmer Wasser sparen: 46 Prozent der Befragten genießen es demnach, warm zu duschen und in dieser Zeit nicht auf den Energieverbrauch zu achten. Nur ein Drittel der Befragten reduziert beim Duschen die Temperatur des Wassers, um Energie zu sparen. Und: Nicht einmal die Hälfte beeilt sich beim Duschen, um Wasser zu sparen.
Aus Sicht des Umweltbundesamtes ist Wasserverbrauch allerdings keine kleine Stellschraube beim Energiesparen. „Es lässt sich auch ein Umweltschutzeffekt in privaten Haushalten durch eine Reduzierung des Warmwassergebrauchs erreichen“, sagt Corinna Baumgarten, Wissenschaftlerin der Behörde in Dessau. Von den 128 in Privathaushalten und Kleingewerbe täglich genutzten Litern Wasser werden demnach fast 40 Prozent für Duschen und für die Körperpflege genutzt sowie etwa 30 Prozent für die Toilettenspülung. „Neben dem Energieaufwand für die Bereitstellung des Trinkwassers kommt hier noch der für die Erwärmung hinzu - mittels Durchlauferhitzer, Öl oder Gas“, erläutert Baumgarten.
Die FDP reagierte empört auf Kretschmanns Empfehlung: „Wenn der Staat Vorgaben zur Körperpflege macht, dann haben wir ein Niveau erreicht, das schwerlich unterboten werden kann“, sagte FDP-Vize Wolfgang Kubicki der „Bild“. Im Internet gibt es einige Einträge unter dem Hashtag #waschlappen von Menschen, die sich von der Politik gemaßregelt und wie „dumme kleine Kinder“ behandelt fühlen.

„Duschen ist mehr als Mittel zur Sauberkeit“

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert nannte es bei „t-online“ „schräg“, wenn Menschen mit fünfstelligem Monatseinkommen glaubten, anderen erklären zu müssen, wie man spart. Ärmere Menschen wüssten nicht erst seit dem Ukraine-Krieg und der Energiekrise, wie man im Alltag auf seine Ausgaben schaut. Aus der Linkspartei gab es Kritik an „zynischen Energiespartipps“ und „unendlich abgehobene Best-Practice-Beispiele von grünen Ministerpräsidenten“. In eine ähnliche Richtung geht der Kommentar eines weiteren Internet-Users: „Herr #Kretschmann, wie wäre es, mal 12 Stunden auf dem Bau oder als Müllfahrer zu arbeiten und dann abends stinkend und dreckig heimzukommen und nur den #Waschlappen nehmen zu dürfen?“
Dass die Reaktionen auf Kretschmanns „Waschlappen-Rat“ so scharf ausfallen, führt Dermatologin Schlossberger auf die große Beliebtheit des Duschens in der Bevölkerung zurück. „Die Deutschen duschen halt gern – nur in Frankreich wird noch mehr geduscht.“ Die Dusche werde nicht nur als Mittel zu Sauberkeit genutzt. Stressabbau, Erholung und Entspannung spielten eine große Rolle. „Mit einem lapidaren Lappen geht das nicht.“