Umfrage „BaWü-Check“: Die Wirtschaftskrise ist bei den Menschen angekommen

Die Autoindustrie im Südwesten wankt: Fast jeder Zweite fürchtet einen Absturz wie einst in Detroit.
Rolf Vennenbernd/dpa- Wirtschaftskrise trifft Baden-Württemberg: Arbeitsplatzsorgen und Kaufzurückhaltung nehmen zu.
- 57 % sorgen sich um die Autoindustrie, 45 % fürchten Stuttgarts wirtschaftlichen Niedergang.
- 28 % rechnen mit Wohlstandseinbußen, aber Zuversicht steigt: 33 % hoffen auf ein besseres 2024.
- Bürger fordern bessere Bildung: 60 % sehen Kinder schlecht aufs Berufsleben vorbereitet.
- Kritik an Landespolitik: 67 % wünschen mehr Einsatz für den Wirtschaftsstandort.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Deutschland steckt in einer der tiefsten Wirtschaftskrisen seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Energiepreisschock, Dekarbonisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel, Strukturwandel und die veränderten Beziehungen zu China und den USA setzen das exportorientierte Geschäftsmodell der Republik unter Druck.
Die Verunsicherung ist im dritten Jahr der Rezession auch im erfolgsverwöhnten Südwesten eingeschlagen, wie der aktuelle „BaWü-Check“, die repräsentative Umfrage der baden-württembergischen Zeitungsverlage, zeigt. Baden-Württemberg, nach wie vor das wirtschaftliche Kraftzentrum Deutschlands, erlebt nach Jahren stagnierender Konjunktur einen tiefgreifenden Stimmungsumschwung.
Bürger inzwischen persönlich betroffen
„Zeigte sich die Mehrheit der Bevölkerung lange Zeit zwar besorgt, aber nur begrenzt persönlich von der Krise betroffen, ändert sich seit einigen Monaten diese Einschätzung“, heißt es in der Studie, die vom renommierten Allensbach-Institut durchgeführt wurde. Inzwischen kennen 16 Prozent der Befragten Angehörige, die um ihren Arbeitsplatz bangen, sieben Prozent berichten von familiären Jobverlusten. Auch persönlich machen sich 15 Prozent der Berufstätigen Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Drei Prozent haben ihren Job bereits verloren.

Die Wirtschaftskrise schlägt sich auch im Alltagsverhalten der Bürger wieder.
Allensbach/MeschkowskiDiese Entwicklung schlägt sich auch im Alltagsverhalten nieder: Zwei Drittel achten beim Einkaufen stärker auf den Preis, knapp die Hälfte lebt sparsamer, jeder Dritte hat größere Anschaffungen aufgeschoben.
Ein weiteres Signal für die zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit: 28 Prozent der Baden-Württemberger rechnen mit Wohlstandseinbußen in den kommenden fünf Jahren – deutlich mehr als in einer bundesweiten Vergleichsbefragung im Mai (16 Prozent). Vor allem Ältere blicken skeptisch in die Zukunft: Jeder Dritte über 60 erwartet eine Verschlechterung der materiellen Lage, während in der jungen Generation fast die Hälfte auf Verbesserung hofft.
Sorge um Autoindustrie
Besonders groß ist die Sorge um die Autoindustrie, traditionell das wirtschaftliche Rückgrat des Landes. 57 Prozent zeigen sich stark beunruhigt über deren Zustand. Als Ursachen nennt rund die Hälfte der Befragten vor allem Konkurrenz aus China, Bürokratie, politische Fehlentscheidungen und hohe Energiepreise. Auch EU-Vorgaben wie das Verbrennerverbot (42 Prozent) und Managementfehler deutscher Hersteller (34 Prozent) stehen in der Kritik.

BaWü-Check: Die Baden-Württemberger fürchten, dass es ihrer Landeshauptstadt ergeht wie Detroit.
Allensbach/MeschkowskiDie Ängste gehen so weit, dass fast jeder Zweite ein „Detroit-Szenario“ für Stuttgart nicht ausschließt. 45 Prozent halten es für möglich, dass der Stadt ein wirtschaftlicher Niedergang bevorsteht, sollte sich die Lage der Autoindustrie nicht bessern.
Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an die Landespolitik: Mehr als zwei Drittel der Baden-Württemberger wünschen sich mehr Engagement der Landesregierung zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts. Besonders deutlich äußern das Anhänger von FDP und AfD, aber auch über die Hälfte der potenziellen Grünen-Wähler teilt diese Forderung.
Wirtschaftsministerin überzeugt nicht
Wenig überzeugt hat auf diesem Gebiet bisher Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Von denjenigen, die sie kennen, beurteilen nur ein gutes Drittel ihre Arbeit positiv, 43 Prozent hingegen negativ.
Deutlich wird im BaWü-Check auch, dass den Bürgern die Bedeutung eines guten Bildungssystems für die wirtschaftliche Zukunft des Landes bewusst ist. Die Bevölkerung fordert mehr Anstrengungen bei der Integration von Schülern mit Sprachproblemen, eine bessere Berufsorientierung und die Sanierung maroder Schulgebäude.
60 Prozent plädieren für verpflichtende Deutschkurse, 50 Prozent für bauliche Investitionen. Die Kritik am Status quo ist deutlich: 60 Prozent meinen, dass Kinder in Baden-Württemberg schlecht auf das Berufsleben vorbereitet werden.

Den Befragten fehlt die Vorbereitung aufs Berufsleben.
Allensbach/MeschkowskiDoch offensichtlich halten die Menschen im Südwesten die Herausforderungen des Landes nicht für unlösbar. Trotz der angespannten Lage gehen die Menschen mit mehr Zuversicht ins neue Jahr.
Hatten die Befragten vor zwölf Monaten der Zukunft noch ausgesprochen sorgenvoll entgegengeblickt, hat sich die Stimmung seither verbessert. „Jeder dritte Baden-Württemberger sieht den kommenden 12 Monaten mit Hoffnungen entgegen“, heißt es nun – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum Jahresbeginn. Damals war es nur gut jeder vierte.
Die Umfrage der Tageszeitungen
Spüren Sie die Auswirkungen der wirtschaftlichen Lage? Glauben Sie, dass es Ihnen in fünf Jahren bessergehen wird? Beunruhigt Sie die Lage der Autoindustrie?
Das und mehr wollten die Tageszeitungen in Baden-Württemberg in ihrer Umfrage, dem BaWü-Check, wissen. Das Institut für Demoskopie Allensbach führte dazu im November und Dezember 1021 Interviews mit Menschen ab 16 Jahren.
Sie bilden einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung. Die gedruckten Tageszeitungen im Südwesten erreichen jeden Tag mehr als fünf Millionen Menschen, hinzu kommen Leserinnen und Leser auf ihren reichweitenstarken Online-Portalen.


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