Missbrauch in Weißenhorn: Das Kind in der Toilette – der Fall Karolina

Die beiden Angeklagten (l. und 2. v.r.) wurden in zwei Prozessen wegen des Todes der kleinen Karolina verurteilt.
Matthias Kessler- Fall Karolina: Dreijähriges Kind misshandelt und auf Toilette abgelegt, stirbt kurz danach.
- Täter: Mutter und Lebensgefährte nach Flucht ins Ausland gefasst und verurteilt.
- Gericht: Unterschiedliche Urteile in Memmingen und München, letztlich lebenslange Haftstrafen.
- Fall erlangte große Bekanntheit durch ein veröffentlichtes Foto des Kindes.
- 20 Jahre später erinnern sich Beteiligte und Reporter emotional an den Fall.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Dieser Fall ist auch 20 Jahre danach unvergessen: Am 5. Januar 2004 macht eine Besucherin im Krankenhaus von Weißenhorn bei Ulm eine entsetzliche Entdeckung: Auf einer Toilette liegt eingewickelt in ein Tuch ein Kind – ohnmächtig, kahl geschoren, übersät von blauen Flecken. Wie es dorthin kam, wer es dort abgelegt hat, warum es so zugerichtet ist, all das ist zunächst unklar. Die Ärzte und Krankenschwestern kämpfen um das Leben der schwer misshandelten Dreijährigen. Dennoch stirbt sie wenige Stunden später. Es ist der tragische Auftakt zur Geschichte eines Verbrechens, das Deutschland erschüttert. Als dann zwei Verdächtige, die Mutter und ihr Lebensgefährte, nach einer abenteuerlichen Flucht ins Ausland gefasst sind, steht über allem die Frage: Wie können Menschen so grausam sein?
In gleich zwei Prozessen versuchen Richter, zu ergründen, wie es zu dem Verbrechen kommen konnte. Dabei stießen sie auf die Dynamik einer Beziehung zwischen zwei Menschen, denen Mitgefühl fremd zu sein schien. „Um es klar zu sagen: In der Beziehung der beiden ging es vor allem um Sex“, berichtet Reporter Thomas Steibadler im Podcast Akte Südwest. „Und die kleine Karolina war dabei im Weg.“ Mehr an „Motiv“ brauchte es offenbar nicht für das grausame Martyrium, das zum Tode der Dreijährigen führte.
Hier gibt es Folge 49 von Akte Südwest
Der Fall spielte sich dabei nicht etwa in einer anonymen Großstadt ab, sondern auf dem Dorf: Im kleinen Weißenhorner Teilort Biberachzell, in einem Haus am Ortsrand, hatten sich Karolinas Mutter Zuzanna (24, Name geändert) und ihr Freund Ahmed (30) im Dezember 2003 eingemietet. Binnen kurzer Zeit eskaliert hier, abgeschnitten von der Außenwelt, die Gewalt gegen das Kind, das Verbrühungen mit heißem Wasser, Schläge, Verbrennungen und weitere Misshandlungen ertragen muss. Der Haupttäter ist zwar Ahmed, doch die Mutter unternimmt nichts, um ihr Kind zu schützen. Als beide erkennen, was sie angerichtet haben, legen sie Karolina unbemerkt im Krankenhaus ab und fliehen kurz danach ins Ausland. In Italien werden sie festgenommen. „Beide haben die Taten gestanden“, sagt Steibadler, der den Fall als Reporter von Anfang an verfolgt und beide Prozesse begleitet hat. Die Beweislage sei so erdrückend gewesen, dass leugnen zwecklos gewesen wäre. „Vor Gericht haben sie sich gegenseitig die Schuld zugeschoben.“
Zwei Prozesse, zwei völlig verschiedene Urteile
Zu den bemerkenswerten Aspekten des Falls gehört auch die unterschiedliche juristische Bewertung. Denn im ersten Prozess in Memmingen kommen die Angeklagten mit äußerst milden Strafen davon – doch der Bundesgerichtshof hebt das Urteil auf und verweist den Fall für ein neues Verfahren ans Landgericht München, wo ein gänzlich anderes Ergebnis herauskommt und beide lebenslange Freiheitsstrafen wegen Mordes erhalten.
Dass der Fall Karolina so großes Aufsehen erregte und bis heute im kollektiven Gedächtnis verankert ist, hat auch mit einem Foto zu tun, an das sich viele Menschen erinnern: Weil anfangs niemand wusste, wer das Mädchen war, veröffentlichten die Ermittler ein schockierendes Bild des schwer misshandelten Kindes. Wobei der Anblick des Kindes und der schweren Verletzungen niemandem zuzumuten sei, wie die Ermittler zuerst sagten. „Das bayerische Landeskriminalamt hat das Foto am Computer bearbeitet und zur Veröffentlichung freigegeben. Der Anblick war dann immer noch schlimm genug“, erzählt Steibadler im Podcast. Auch 20 Jahre danach berührt der Fall viele, die damit zu tun hatten, emotional. Der Stadtpfarrer, der damalige Staatsanwalt oder auch der Strafverteidiger der Mutter – niemand hat diesen Fall vergessen, wie sie der SÜDWEST PRESSE zum Jahrestag des Verbrechens im Januar 2024 erzählten.
Sabine Rückert bezeichnet es als ihren schlimmsten Fall
Auch die Journalistin Sabine Rückert vom Podcast „Zeit Verbrechen“ hat eine ganz besondere Erinnerung an den Fall, den sie beim Besuch in Ulm bei „Akte Südwest“ als ihren schlimmsten Fall bezeichnete. „Das war die einzige Hauptverhandlung, wo mir vorher nicht klar war, ob ich da wirklich reingehen würde, weil es so schrecklich war“, erzählte sie in der Podcast-Folge. „Karolina sah so schrecklich aus, dass die Krankenschwestern, die das Kind gefunden haben, hinterher psychologisch betreut werden mussten.“ Inzwischen hat Rückert den Fall auch in ihrem eigenen Podcast „Zeit Verbrechen“ aufgearbeitet.
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