Suizid-Prävention
: „Man darf Jugendliche bei einem Verdacht direkt ansprechen“

InterviewDie Nachricht bestürzte: Vor wenigen Tagen haben sich drei junge Menschen bei Pforzheim suizidiert. Warum gerade dieses Alter besondere Risiken birgt und was Eltern und Freunde bei entsprechenden Anzeichen tun können, erklärt die Leiterin der Ulmer Telefonseelsorge Claudia Köpf.
Von
Elisabeth Zoll
Ulm
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Auch schwierige Situationen lassen sich bewältigen. Diese Erfahrung erlernt man erst im Laufe des Lebens. Jungen Menschen steht dieses Wissen in Krisen oft noch nicht zur Verfügung.

Chinnapong/adobe.stock.com

Frau Köpf, vor wenigen Tagen haben drei Jugendliche im Raum Pforzheim gemeinsam Suizid verübt. Wie deuten Sie diese Tat?

Claudia Köpf: Ich vermute, dass diese junge Menschen aus einer ausweglos erscheinenden Lage heraus irgendwann die Idee eines Suizids gehabt haben – und dass sich dann eine furchtbare Dynamik entwickelt hat. Sieht man von einem Suizid in einer akuten Notsituation ab, so geht diesem Schritt oftmals ein Prozess voran, in dessen Verlauf es Anzeichen gibt, die man aufgreifen kann.

In der Altersgruppe der 10- bis unter 25-Jährigen sind Suizide inzwischen die häufigste Todesursache. Warum ist dieses Alter so gefährlich?

Junge Menschen stecken da in der Pubertät. Da kommen viele schwierige Situationen zum ersten Mal auf, ohne dass junge Menschen schon die Instrumente haben, diese zu bewältigen. Solche Instrumente müssen erlernt werden. Gleichzeitig ist in einer schwierigen Situation zwar die Begleitung der Eltern noch da, aber oftmals nicht mehr so eng wie in Kindertagen. Das führt dazu, dass sich Jugendliche alleine mit einem Problem wähnen. Krisen erscheinen in der frühen Lebensphase oft als absolut. Da gibt es nur Schwarz und Weiß. Die Erfahrung von Zwischentönen und das Wissen, dass sich auch in einer sehr schwierigen Situation eine Tür öffnen kann, die fehlen. Das macht die Lebensphase so schwierig.

Hilfe bei negativen Gedanken und Depression

Wenn Sie sich in einer persönlichen Krise befinden und Hilfe brauchen, reden Sie darüber. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, die es Ihnen ermöglichen, anonym mit Menschen über Ihre Situation zu sprechen.

Und welche Rolle spielen Social Media für Krisensituationen von Jugendlichen?

Die neuen Medien fördern das Vergleichen und Messen, das in dieser Lebensphase sowieso schon ausgeprägt ist, denn die jungen Menschen suchen nach Identität. Und sie sehen dann andere junge Menschen, die sich als perfekt präsentieren. Dabei ist kein Mensch perfekt. Der trügerische Schein erzeugt das Gefühl: „Ich genüge nicht“, „Ich kann den Erwartungen nicht gerecht werden“. Darüber hinaus bieten Online-Plattformen auch viele Informationen, die einen latenten Suizid-Gedanken noch bestärken. Wenn sich junge Menschen dann nicht trauen, über ihre dunklen Gedanken zu sprechen, weil sie die Eltern oder andere vertraute Personen nicht belasten wollen, kann es kritisch werden.

Das heißt, darüber sprechen ist nicht schädlich. Es triggert nicht, sondern löst?

Sprechen ist hilfreich, weil das Gegenüber dann nachfragen kann und es kann in einer Krise den oftmals extrem engen Fokus weiten. Ein Mensch mit suizidalen Gedanken bewegt sich in einer Art Raum, in dem es immer beengender wird. Ein Gespräch kann da Luft verschaffen, Gedankenspiralen stoppen und Auswege andeuten. Auf jeden Fall kann ein Gespräch aus einer inneren Isolation herausführen. Und es kann helfen zu lernen, wie mit Schmerz, Trauer, Verlust umgegangen werden kann.

Deutet sich ein Suizid normalerweise an?

Nach unseren Erfahrungen ja. Das können Worte sein wie: „Ich will so nicht mehr leben“ oder „Ich kann nicht mehr weiter“. Manchmal sind es aber auch Verhaltensveränderungen, wenn sich ein Mensch spürbar zurückzieht. Natürlich sind diese Zeichen gerade in der Pubertät schwer zu deuten, weil sich das Kind für die Eltern sowieso stark verändert. Umso wichtiger ist, dass Eltern immer wieder das Gespräch anbieten – und dass sie ihren Wahrnehmungen trauen. Man darf Jugendliche auf einen Verdacht direkt ansprechen, gerade weil die Person einem so wichtig ist, weil man sie unterstützen will. Unterstützung anzunehmen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Stärke.

Muss jemand, der Suizid-Gedanken äußert, nicht Angst haben, in eine Klinik eingewiesen zu werden – und dadurch noch mehr an Selbstwirksamkeit zu verlieren?

Es gibt diese Angst vor noch mehr Ausgeliefertsein in einer Situation, in der man sich sowieso schon schwach fühlt. Doch wenn das Leben massiv bedroht ist, macht eine kurze Klinikeinweisung Sinn. Damit kann man den Höhepunkt einer Krise professionell umschiffen. Das ist aber die letzte Option. Davor gibt es viele andere Hilfsangebote: Beratungsstellen, Hausarzt oder auch die Telefonseelsorge. Dass Menschen bei der Telefonseelsorge in völliger Anonymität frei sprechen können, ist ein ganz wichtiges Angebot.

Claudia Köpf, Leiterin der Telefonseelsorge Ulm

Claudia Köpf, Leiterin der Telefonseelsorge Ulm

Elisabeth Zoll

Was raten Sie Angehörigen oder Lehrern, wenn diese das Gefühl haben, dass ein Jugendlicher gefährdet ist?

Wichtig ist immer das Signal: Ich bin für Dich da, ich nehme Dich und Deinen Hilferuf wahr. Und ich nehme mir Zeit. Diese Krise stehen wir durch.

Lassen sich Dynamiken vor einem Suizid noch durchbrechen?

Ja. Und auch die drei Jugendlichen hatten vermutlich Zweifel, ob Suizid der richtige Schritt ist. Doch damit Jugendliche eine Dynamik, die in die Katastrophe führt, durchbrechen können, brauchen sie Stärke. Denn eine solche Dynamik zu durchbrechen, ist schwer. Die Betroffenen müssen zu ihren Zweifeln stehen und den Mut aufbringen, nicht loyal zur eigenen Peergruppe zu sein.

Erfahrene Familientherapeutin

Claudia Köpf leitet seit dreieinhalb Jahren die Telefonseelsorge in Ulm, die Ansprechpartner für weite Teile Baden-Württembergs und Bayerns ist. Die Sozialpädagogin hat daneben Erfahrungen als Familientherapeutin und Supervisorin. Für den von beiden großen Kirchen angebotenen Dienst arbeiten rund 80 geschulte Laien.

Normalerweise berichten Medien nicht über Suizide, um keine Nachahmung auszulösen. Warum kann es trotzdem wichtig sein, das Gespräch anzustoßen?

Damit kann man klarmachen, dass selbst Situationen, die nicht aushaltbar erscheinen, sich aufbrechen lassen. Krisen sind normal. Manchmal muss man einfach auch die Zeit aushalten, in der es noch keine Lösung gibt. Trotzdem geht es weiter, auch gut weiter. Auch darüber muss man reden.

Für Angehörige und Freunde ist der Suizid eines lieben Menschen eine Katastrophe. Was brauchen Angehörige in so einer Situation?

Jemanden, der da ist. Ein Suizid löst viele Gefühle aus: Wut, Schuld, Fragen, die ohne Antwort bleiben. Lebenskonzepte werden auf den Kopf gestellt. Auch da hilft sprechen – oder gemeinsames Schweigen. Menschen trauern unterschiedlich. Da darf jede Reaktion sein.

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