Spielsucht im Alb-Donau-Kreis
: Alles verzockt – Familienvater kämpfte gegen die Hölle

Ein Mann aus dem Alb-Donau-Kreis rutschte in die Glücksspielsucht. Vor dem Automaten war er glücklich, abseits dominierte die Verzweiflung. Wie die Sucht sein Leben bestimmte.
Von
Nadja Ruranski
Alb-Donau-Kreis
Jetzt in der App anhören
Ein ehemaliger Spielsüchtiger aus dem Alb-Donau-Kreis und Suchtberater für Glücksspielsüchtige, Christian Merbach im Gespräch.

Ein ehemaliger Spielsüchtiger aus dem Alb-Donau-Kreis und Suchtberater Bernd Tiltscher (blaues T-Shirt) im Gespräch.

Matthias Kessler

Tobias Schmid (Name geändert) ist ein großer breitschultriger Mann um die 50, mit Bürstenhaarschnitt und breitem Nacken. Er kommt aus dem Alb-Donau-Kreis, ist gelernter Zerspanungsmechaniker und hört gern Heavy-Metal. Der dreifache Familienvater arbeitet in einem großen Unternehmen in der Region in der Vormontage, verdient gut. Trotzdem hat Schmid eine Biografie, aus welcher er gern ein paar Jahre streichen würde. Es sind die Jahre seiner Spielsucht.

Mit 16 Jahren begann Schmid in einem Bauwagen Karten zu spielen: „Ich spielte um kleine Beträge.“ Das Kartenspielen machte ihm erst Spaß, als es um Geld ging. Das brachte ihm den ultimativen Kick. Bei einer Kartenrunde sei es um etwa 120 Euro gegangen. Irgendwann reichte das nicht mehr. Stattdessen spielte er in Kneipen an Spielautomaten. Sein erster Einsatz: ein Gewinn. „Von den Automaten kam ich nicht mehr weg“, erinnert er sich.

So wie Schmid geht es vielen. Laut dem von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) herausgegebenen Glücksspielatlas Deutschland 2023 leiden hierzulande 1,3 Millionen Menschen an Spielsucht. In den vergangenen Jahren erfüllten rund 12 Prozent der Klientinnen und Klienten, die aus Ulm und dem Alb-Donau-Kreis in die psychosoziale Beratungsstelle der Caritas kommen, die Kriterien der pathologischen Glücksspielsucht. Dies sind laut der Caritas Ulm-Alb-Donau rund 90 Betroffene pro Jahr.

Beim Spielen wuchsen Risikobereitschaft und Aggressivität

Schmid war nahezu täglich in der Spielhalle, manchmal neun, zehn Stunden lang. Wenn er am Gewinnen war, bat er in der Spielhalle darum, dass man den Stecker an seinem Automaten zog, bis er nach seiner Arbeitsschicht wiederkommen konnte. Seine Einsätze stiegen, und war er mal ein paar Hundert Euro im Plus, dauerte es nicht lange und das Geld war wieder weg. Nach solchen Verlusten dachte er: „Das hole ich mir wieder.“

Schmid war hoch verschuldet: „50.000 Minimum.“ Er nahm einen Kredit auf, machte die Münzsammlung seiner Mutter zu Geld, pumpte Freunde an, fing an zu stehlen. Nur vor dem Automaten war er noch glücklich, abseits dominierten Scham, Lügen und Verzweiflung sein Leben: „Ich war in der Hölle.“ Beim Spielen wuchsen Risikobereitschaft und Aggressivität. Am Automaten war er hochgradig konzentriert. Den Vorsatz, nur einen bestimmten Betrag zu verspielen, brach er immer.

„Sobald ich den letzten Euro verspielt hatte, holte mich die Realität ein“

„Sobald ich den letzten Euro verspielt hatte, holte mich die Realität ein.“ Neben der Glücksspielsucht hatte Schmid auch eine Alkohol- und Nikotinsucht. Zwischen zwei und vier Päckchen Zigaretten rauchte er am Tag und einen Kasten Bier trank er am Wochenende. Besonders wenn er Stress hatte, stieg der innere Druck: „Dann ging ich saufen, zockte und geriet in Schlägereien.“

Obwohl er im Dreischicht-System arbeitete, war er chronisch pleite. Das Haus alt, die Fenster nicht isoliert. „Wir haben gefroren.“ Irgendwann musste er den Euro dreimal herumdrehen, nur um ein Brot zu kaufen. „Das Spielen hat mein Leben dominiert“, sagt er, „wenn ich so weitergemacht hätte, wäre meine Frau gegangen.“ Das wollte er nicht.

In der Selbsthilfegruppe erfährt er Wertschätzung

2006 hörte er mit dem Rauchen und Trinken auf, 2007 machte er wegen der Spielsucht eine Langzeittherapie in Münzesheim im Landkreis Karlsruhe. Denn für Betroffene und ihr Umfeld hat die Spielsuchterkrankung dramatische Folgen: „Von Verschuldung über Probleme, den Lebensunterhalt bestreiten zu können bis zum Verlust sozialer Beziehungen und psychosozialen Folgeerkrankungen, ist alles dabei“, sagt Bernd Tiltscher, Suchtberater von der Caritas Ulm-Alb-Donau.

Wegen seiner Depressionen war er 2019 vier Monate lang in Zwiefalten in psychologischer Behandlung. Heute gehe es ihm gut, er achte auf sich. Seit 18 Jahren sei er trocken. Er meide aber Situationen, die ihn triggern, spiele nicht mal Monopoly. Er sagt: „Ich bin meiner Frau so dankbar, dass sie mich nicht verlassen hat.“ Seit 2007 besucht er eine Selbsthilfegruppe. Dort erfährt er Wertschätzung und Zugehörigkeit: „Das ist meine Lebensversicherung.“

Beratung und Selbsthilfe

Die „Spielerselbsthilfegruppe und deren Angehörige Ulm“ sind eine Gruppe von abstinenten Spielsüchtigen und deren Familien. Die Gruppe trifft sich jeden Montag um 20 Uhr im Fort Unterer Kuhberg 16 in den Räumen des Jugendarbeitersamariterbunds. Ansprechpartner ist Richard Hild, Telefon: 07394/933973. Die Informations- und Motivationsgruppe zum Thema Glücksspiel der Caritas Ulm-Alb-Donau in Kooperation mit der Diakonie trifft sich mittwochs von 17 bis 18 Uhr in der Caritas Suchtberatung Ulm in der Olgastraße 152 im 5. Obergeschoss. Die Teilnahme ist kostenfrei und ein Einstieg jederzeit möglich. Um Anmeldung wird gebeten: 0731/298792-0 oder psb@caritas-ulm-alb-donau.de