Polizeipferde in BW
: 500 Kilo Kampfgewicht und nervenstark – so agieren Polizeipferde im Einsatz

Bei Demos, Fußballspielen oder Fahndungen: Pferde sind für die Polizei trotz moderner Technik unersetzlich. Wie die Ausbildung läuft und welchen Wert sie bei Einsätzen haben.
Von
Larissa Renz
Ulm/Göppingen
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Ein Großaufgebot der Polizei bemühte sich zum Jahreswechsel um die Einhaltung der Corona-Verordnungen in Reutlingen. Zahlreiche Kritiker der Corona-Maßnahmen machten den Beamten, die auch Polizeipferde einsetzten, das Leben schwer. Die Fälle beschäftigen die Justiz noch heute – am Amtsgericht Reutlingen und am Oberlandesgericht Stuttgart.⇥

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Wie hier in Reutlingen vertraut die Polizei sowohl bei Großeinsätzen als auch im alltäglichen Streifendienst auf Beamtinnen und Beamten zu Pferd. Mit 20 Jahren werden die Tiere außer Dienst gestellt – und sind mit ihrer guten Ausbildung auch bei Freizeitreitern sehr gefragt.

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Die Jüngsten beginnen mit etwa vier Jahren ihre Karriere. Für ihren Einsatz bringen sie dann starke Nerven und 500 bis 600 Kilogramm „Kampfgewicht“ mit – die Pferde der berittenen Einheit der Polizei. In Baden-Württemberg, an den Standorten Mannheim und Stuttgart, besteht die Staffel aus etwa 30 Tieren. Welchen Stellenwert haben Pferde für die Arbeit der Polizei – und ist ihr Einsatz noch zeitgemäß?

Einsätze – gerade auch an vorderster Front

Die Anforderungen an Polizeipferde sind hoch. Körperliche Fitness müssen sie sowohl in der Dressur als auch im Springreiten zeigen, zudem werden Gelassenheit, Toleranz und Selbstbewusstsein trainiert, berichtet Katharina Topp vom Polizeipräsidium in Göppingen. Die Polizei wählt die infrage kommenden Pferde sorgsam aus. Ein Polizeipferd brauche einen gewissen Charakter, erklärt Topp: „Die Tiere müssen von Natur aus nervenstark und gelassen sein. Neugier ist ebenfalls eine wünschenswerte Eigenschaft.“ Reizen, die ein Pferd sonst scheuen lassen, müssen sie sich unbeeindruckt stellen.

In den Trainingseinheiten bauen Pferd und Mensch einen gemeinsamen Erfahrungsschatz auf, lernen einander kennen und vertrauen. Das ist wichtig, um auch im Einsatz als Team agieren zu können. „Die Pferde werden zielgerichtet, geduldig und mit viel Fingerspitzengefühl an ihren Arbeitsalltag im Einsatz gewöhnt“, beschreibt Topp die Ziele der Ausbildung. „Sie müssen beispielsweise an große Menschenmengen, laute und unbekannte Geräusche oder an den Trubel einer Großstadt gewöhnt werden.“ Zwei Jahre braucht es im Durchschnitt, bis ein Pferd bei einer Großveranstaltung erstmals den Arbeitsalltag schnuppern darf.

Die berittenen Beamten sind gefragt. Sie verrichten Streifendienste in Innenstädten, unterstützen bei Fahndungen und Personensuchen und sind an Umweltüberwachungen beteiligt. Da gilt es, im Gelände unter anderem nach wild entsorgtem Müll zu suchen. Dass die Beamten in abwegigem Gebiet im Einsatz sein können, mache das Pferd auch heutzutage wichtig. „Ein Pferd kann quer durch einen Wald laufen, wo ein Streifenwagen nicht mehr fahren kann“, heißt es dazu von der zuständigen Stelle. „Es legt auch mühelos weitere Strecken zurück als ein Mensch zu Fuß.“

EURO 2024 Europameisterschaft Viertelfinale Spanien ESP vs Deutschland: Fanmarsch vor dem Spiel, deutsche Fans, Flaggen, Fahnen, Stimmung, Fanfest 



EURO 2024 Europameisterschaft Viertelfinale Spanien ESP vs Deutschland

Rauch, Gesang, Klatschen, Fahnen, hüpfende Menschen: Bei Fanmärschen, hier vor dem Spiel Spanien gegen Deutschland während der Europameisterschaft, gibt es eine Vielzahl an Reizen, die Pferde ohne Gelassenheitstraining scheuen lassen.

Eibner/Weber

Dass der Mensch hoch zu Ross eine gute Übersicht hat, kommt der Einsatztaktik bei unübersichtlicheren Großveranstaltungen wie Fußballspielen oder Demonstrationen zugute – Gefahren lassen sich leichter ausmachen. Im Vergleich zu anderen Möglichkeiten, die der Polizei an Einsatzmitteln zur Verfügung stehen, zum Beispiel Wasserwerfer, sei ein Pferd ein milderes Mittel. „Die Menschen reagieren oft mit Respekt und Zurückhaltung auf ein so großes Tier. Das führt erfahrungsgemäß dazu, dass so manch einer dann gar nicht erst zur Gewalt neigt.“ Ihre Ausbildung erlaubt, dass mit Pferden Versammlungen auseinander- und zurückgedrängt werden. Und noch etwas kann ein Pferd so gut wie kein anderes polizeiliches Einsatzmittel: „Die Rolle als Sympathieträger ist schier unbezahlbar.“ Topp: „Bürger kommen über das Pferd erfahrungsgemäß viel leichter und häufiger in ein gutes Gespräch mit der Polizei.“

Das Pferd als Faktor in der Sicherheitsdebatte?

Doch reicht Sympathie für ein Gefühl von Sicherheit? Schon 2018 wollte Markus Söder, damals ganz neu im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten, die Zahl der Pferde im Dienste der bayerischen Polizei von 40 auf 200 erhöhen, inklusive neuer Standorte. Tödliche Messerangriffe wie in Mannheim im Juni dieses Jahres, bei dem ein Polizist starb, oder nun Solingen lassen in der Öffentlichkeit Stimmen laut werden, die rasche Maßnahmen fordern. Die Statistik ist eindeutig. Die Gewaltkriminalität im öffentlichen Raum steigt, in Baden-Württemberg 2023 um 12,3 Prozent. 10.101 Fälle von gefährlicher Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung, Totschlag oder Mord sind registriert. Spielt das Pferd in den Sicherheitsüberlegungen der Polizei im Südwesten eine Rolle?

Seit mehr als 100 Jahren verlässt sich die Polizei in Baden-Württemberg auch auf Pferde.  Dass sich daran etwas ändern soll, ist dem Präsidium in Göppingen nicht bekannt – sie „tragen einen wesentlichen Teil zur Verbesserung der objektiven und subjektiven Sicherheit im öffentlichen Raum bei“, heißt aus dem Innenministerium auf Anfrage dieser Zeitung. Zwischen 2020 und 2023 bestritten Pferde und Beamten rund 840 Einsätze im Jahr. Die Staffel ist auch eine Kostenfrage: Im Jahr 2022 fielen allein 350.000 Euro an Unterhalt- und Sachkosten an, sowie etwa 75.000 Euro für Ersatz und weitere Investitionen. Gänzlich erfasst sind damit längst nicht alle Ausgaben. Ein Vorstoß wie in Bayern ist nicht angedacht, berichtet Sprecher Patrick Knapp. Gegen den Vorschlag des Rechnungshofes aus dem Jahr 2019 bleibe die Polizeistaffel auf zwei Standorte aufgeteilt, aber „der Gesamtbestand von 30 Pferden soll beibehalten werden“.

In Bayern ist der vollmundigen Ankündigung nur wenig gefolgt. Im Juni 2024 wurden lediglich 63 Pferde gezählt und nur Nürnberg ist als neuer Standort hingekommen. Damit sind nicht einmal die 100 Tiere im Einsatz, die der Koalitionsvertrag zugestanden hat. Als rasche Lösung böte sich der Ausbau der Polizeipferdestaffel in Fragen der Sicherheit daher kaum an.

Grundsätze deutscher Reitlehre – eine Definition

In Ausbildung und Umgang mit dem Pferd hat der Dachverband, die Deutsche Reiterliche Vereinigung, eine Reihe an Grundsätzen formuliert. Das Ziel ist ein Pferd, das im Beritt lange gesund ist und durchlässig für die Hilfen des Reiters bleibt. In der Ausbildung werde die Natur jedes Pferdes berücksichtigt, jedes lerne in seinem Tempo und der Mensch begegne dem Tier mit Liebe, Demut und Bescheidenheit – so lauten einige der Grundsätze. Ausbildungspraktiken, die diesen Gedanken des harmonischen Miteinanders widersprechen, können explizit abgelehnt werden. Zum Beispiel die Rollkur, bei der das Pferd absichtlich hart am Zügel geritten wird.

2023 wurden diese Grundsätze in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

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