Landtagswahl in BW
: Offiziell! Özdemir will Ministerpräsident im Südwesten werden

Lange wurde spekuliert, nun ist die Entscheidung gefallen: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir will die Nachfolge von Winfried Kretschmann antreten. Das schreibt er in einem emotionalen Brief an die Bürger.
Von
SWP, dpa
Stuttgart
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Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir

Will offenbar Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne).

Kay Nietfeld/dpa
  • Cem Özdemir will Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg werden.
  • Er möchte Ministerpräsident Winfried Kretschmann nachfolgen.
  • Heute will er sich offiziell dazu äußern.
  • Diese Pläne berichten übereinstimmend SWR, Bild und Redaktionsnetzwerk Deutschland.
  • Weitere Informationen werden bald erwartet.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (58) will Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg werden. „Ich möchte Ihnen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, als Ministerpräsident von Baden-Württemberg dienen und alles für dieses Land geben“, schreibt Özdemir in einem Brief an die Bürgerinnen und Bürger. Amtsinhaber Winfried Kretschmann (Grüne) tritt bei der Wahl 2026 nicht mehr an.

In dem sozialen Netzwerk X lud Özdemir zudem ein kurzes Video hoch, in dem er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Cem 2Ö26“ auspackt mit den Worten: „Jetzt kann's losgehen“.

Auf Instagram postete Özdemir: „Ich mach’s. #2Ö26 will ich Ministerpräsident meiner wunderbaren Heimat werden. Wenn wir uns treu bleiben und zugleich nach neuen Wegen suchen, wenn wir auf unsere Schaffigkeit vertrauen und mutig vorangehen, dann liegt das Beste noch vor uns. Dazu will ich meinen Beitrag leisten: #EntschiedenfürBadenWürttemberg. Entschieden mit aller Kraft.“

In einem offenen Brief an die Bürger des Landes erläutert Özdemir ausführlich seine Beweggründe – und gibt eine Art Liebeserklärung an Baden-Württemberg ab. Er berichtet über seine Wurzeln in Bad Urach, wo seine Eltern sich als Gastarbeiter kennengelernt hätten, über seine Kindheit auf der Alb und die vielen Menschen, die ihn auf seinem Weg begleitet und ihm geholfen haben. „Ich habe erlebt, welche Kräfte es in einem weckt, wenn andere an dich glauben. Ich habe erfahren, dass Anstrengungen sich lohnen, wenn man nicht allein gelassen wird. Ich habe gelernt, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen – und was wir gemeinsam bewegen können, wenn wir uns engagieren und zusammenhalten“, schreibt Özdemir. Diesen Spirit wolle er im Südwesten weiter tragen.

„Özdemir bringt alles mit“, sagt Winfried Kretschmann

Den Segen des amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) habe er dabei. „Mir ist sehr bewusst, welch große Verantwortung es bedeutet, dieses wunderbare Land als Ministerpräsident zu führen. Ich habe mich deshalb gründlich geprüft. Dabei habe ich viel an meine Eltern gedacht, besonders an eine Mahnung meiner Mutter: „Cem, dieses Land hat dir ermöglicht, Abgeordneter zu werden. Das ist eine große Ehre. Vor allem aber ist es die Verpflichtung, immer alles für dieses Land zu geben.“ Daher stehe seine Entscheidung, Ministerpräsident werden zu wollen.

Kretschmann (Grüne) äußerte kurz nach der offiziellen Bestätigung seine Unterstützung: „Cem Özdemir bringt alles mit, was Baden-Württemberg braucht“, teilte er mit. Özdemir habe Regierungserfahrung und sei eine über Parteigrenzen hinweg geschätzte Persönlichkeit. Er habe bewiesen, dass er Rückgrat hat und auch vor schwierigen Herausforderungen nicht zurückschreckt. „Als gebürtiger Schwabe ist er tief mit unserem Land verwurzelt und kennt die Anliegen und Bedürfnisse der Menschen – sowohl auf dem Land als auch in den Städten.“ Kretschmann betonte, er sei überzeugt, dass Özdemir „mit seinem Weitblick und seiner Tatkraft ein sehr guter Ministerpräsident für unser Land sein kann“.

Auch Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) unterstützte die Entscheidung für Özdemir als Spitzenkandidat. „Cem ist der Beste aus dem Ländle fürs Ländle“, sagte Baerbock der „Bild“-Zeitung. Ebenso lobte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die Entscheidung seines Ministerkollegen. „Ich schätze Cem Özdemir persönlich und politisch. Ein bodenständiger Pragmatiker, der die Gesellschaft in ihrer Breite sieht“, erklärte Habeck am Rande einer Reise in Indien.

Zurückhaltung bei der Grünen Jugend

Die Grüne Jugend in Baden-Württemberg hingegen hat zurückhaltend auf die Ankündigung reagiert. „Politik ist mehr als nur einzelne Personalentscheidungen. Cem Özdemir muss beweisen, dass er auch bei Gegenwind für die Werte und Beschlüsse der Partei eintritt“, sagte der Landeschef der Grünen Jugend Baden-Württemberg, Tim Bühler, einer Mitteilung zufolge. Man werde keinen Alleingang und kein Abdriften nach rechts akzeptieren, so Bühler.

Die Co-Landesvorsitzende Tamara Stoll forderte nach 15 Jahren mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann „neue Ideen für die Menschen im Land“. Insbesondere jungen Menschen müsse vermittelt werden, dass sie politisch wahr- und ernstgenommen werden.

Kritik aus den Reihen der CDU

CDU-Generalsekretärin Nina Warken hat bereits mit der Entscheidung Özdemirs gerechnet. Nach langem Hin und Her habe er nun „das Offensichtliche ausgesprochen“. Sie rechnet dem Grünen allerdings keine großen Chancen aus. Özdemir greife aus der Angst um sich, „dass aus seinen Traumvorstellungen, Bundesminister zu bleiben, wohl doch nichts mehr wird.“ Die Christdemokraten hätten weiterhin fest vor, „verlässlich und stabil mit Winfried Kretschmann bis zum Ende der Legislatur zu regieren“ – daran werde Özdemir nichts ändern. Sie stellt außerdem infrage, ob eine Doppelbelastung von Wahlkampf in Stuttgart und Arbeit in der Berliner Ampelkoalition eine gute Idee ist und mahnt: „Von Anfang an begleiten negative Schlagzeilen Herrn Özdemir.“ Als Beispiel nennt Warken die Cannabislegalisierung und wirft Özdemir „Dauer-Moralisiererei und Verbotspolitik“ vor. Vorwürfe richtet sie auch gegen die Berliner Ampelkoalition. Diese versuche, „ihre zweite Fachkraft in die Landespolitik weg zu versorgen.“ Dabei stehe „das B in Baden-Württemberg aber definitiv nicht für Plan B.“ Das Land sei zu schade als „Alternative für die gescheiterten Außenminister-Karrieresehnsüchte des Herrn Özdemir“.

In Umfragen auf historischen Tiefstwert abgerutscht

Özdemir wird seit Monaten als aussichtsreichster Kandidat für die Spitzenkandidatur der Grünen bei der nächsten Landtagswahl im Frühjahr 2026 gehandelt. Nur Özdemir sei ähnlich bekannt wie Kretschmann, war aus der Partei in den vergangenen Monaten übereinstimmend zu hören gewesen. Zudem könne der Bundeslandwirtschaftsminister auf eine lange politische Erfahrung zurückgreifen und wird wie Kretschmann zum pragmatischen „Realo“-Flügel seiner Partei gezählt.

Die Umfragen der vergangenen Monate sehen für die Grünen in Baden-Württemberg allerdings schlecht aus: Vor zwei Wochen ergab eine Befragung des Instituts Infratest dimap einen historischen Tiefstwert für die im Südwesten erfolgsverwöhnte Partei Kretschmanns, die bei der „Sonntagsfrage“ nur noch auf 18 Prozent kam. Bei der Landtagwahl 2021 waren die Grünen noch mit 32,6 Prozent souverän auf Platz eins gelandet. Inzwischen hat die CDU, aktuell Juniorpartner in der Landesregierung, den Koalitionspartner überholt und baut ihren Vorsprung immer weiter aus: Auf 34 Prozent kämen die Christdemokraten laut der Umfrage von Anfang Oktober – fast 10 Prozentpunkte mehr als bei der Wahl 2021.

Hagel wird als Favorit gesehen

Deutlich bessere Chancen auf den Wahlsieg als Özdemir räumen die Baden-Württemberger laut einer Umfrage derzeit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden und Landes-Parteichef Manuel Hagel aus Ehingen (Alb-Donau-Kreis) ein. Von denen, die ihn kennen, glaubt fast jeder Zweite (46 Prozent) an eine Wahl Hagels zum Ministerpräsidenten. Özdemir hat allerdings noch einen enormen Vorsprung bei der Bekanntheit: 89 Prozent der Baden-Württemberger kennen Özdemir. Hagel (36) ist hingegen für zwei Drittel der Menschen kein Begriff, oder sie können ihn nicht beurteilen, wie die Infratest-Umfrage ergab.

Mit einem Gastbeitrag in der „FAZ“ zum Thema Migration hatte sich Özdemir zuletzt für einen tiefgreifenden Kurswechsel in der Migrationspolitik ausgesprochen und forderte seine Partei auf, sich einer ehrlichen Debatte zu stellen. Der Beitrag wurde vom linken politischen Spektrum hart kritisiert, wurde aber auch als Signal für einen ausgeprägten Realo-Kurs angesehen, den auch der designierte Grünen-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Robert Habeck, vertritt.