Der „Geist, der stets verneint“ – diese Rolle möchte Winfried Kretschmann (Grüne) sicherlich nicht annehmen. In einem Interview mit dem „Heute-Journal“ des ZDF am Montagabend ließ der baden-württembergische Ministerpräsident aber gleich eine ganze „Nein“-Kaskade vom Stapel. Und zwar derart entschlossen, dass ZDF-Moderator Christian Sievers erst irritiert, dann immer stärker amüsiert dreinblickt beim Versuch, den 74-Jährigen wieder einzufangen. Es ging (natürlich) um die Energiekrise und das Thema Atomkraft in Deutschland. Auf Twitter sorgt der Clip nun für Lacher und wird fleißig geteilt und kommentiert.
Doch worum ging es eigentlich genau – und ist das „Nein“ Kretschmanns etwa ein derart entschiedenes, weil er als Grünen-Politiker der ersten Stunde auf keinen Fall Atomkraftwerke länger laufen lassen möchte, wie es derzeit vielfach gefordert wird? Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein.

15 Mal „Nein“ zum Atomkraft-Nein ergibt noch kein „Ja“

Denn tatsächlich will auch Kretschmann – wie derzeit viele Grünen-Politiker eben nicht ausschließen, die verbliebenen drei Atomkraftwerke in Deutschland zur Sicherstellung der Energieversorgung einige Monate länger und über den 31. Dezember 2022 hinaus am Netz zu lassen. Die Kaskade von 15 Mal „Nein“ bezieht sich lediglich auf eine Fragestellung Sievers, der ihm (fälschlicherweise) unterstellt, es gebe bei den Grünen eine „klare Ablehnung von verlängerten Atomkraftlaufzeiten“. Dazu sagt Kretschmann klar Nein – also gewissermaßen ein Nein zum Nein zur Atomkraft-Verlängerung.
Wobei 15 Mal „Nein“ auch in Kretschmanns Logik noch kein „Ja“ ergibt. Man müsse eben den Stresstest der Energieversorgung abwarten – und dann nach „sehr sorgfältiger Prüfung“ entscheiden, ob längere Laufzeiten „notwendig“ seien. „Das werden wir sehr nüchtern auswerten und entscheiden“, sagt Kretschmann, der am Montag gemeinsam mit Wirtschaft, Versorgern und Opposition einen „Gasgipfel“ zur Versorgungslage in Baden-Württemberg abgehalten hatte.

Das gesamte Interview finden Sie hier:

Lediglich der grundsätzliche, langfristige Wiedereinstieg in die Atomkraft in Deutschland bleibt für Kretschmann ein No-Go, hier bleibt also auch Kretschmann beim klaren „Nein“. Die Rückkehr zu der umstrittenen Technik wollten aber die anderen Parteien in Deutschland (bis auf die AfD) ebenso wenig.
Dass er da mit dem „Nein“-Interview, das am Rande des Sommerfests des Stuttgarter Büros von SÜDWEST PRESSE, Badischer Zeitung und Badischen Neuesten Nachrichten aufgezeichnet wurde, etwas losgetreten haben könnte, ist Kretschmann im weiteren Verlaufe des Interviews deutlich anzumerken: Ein Grinsen ob seines eigenen Ausrasters kann er sich bis zur Verabschiedung kaum verkneifen.