Hochbegabung bei Kindern
: Mit „Ferrari im Kopf“ durchs Leben – Wie Jonathan als Hochbegabter seinen Weg fand

Hochbegabte Kinder denken viel schneller als der Rest der Welt. Sie sind jenseits der Norm und haben es nicht immer leicht. Eine Familie erzählt, welche Höhen und Tiefen sie erlebt hat.
Von
Susann Schönfelder
Stuttgart
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Vielen Hochbegabten sind die Aufgaben in der Schule zu einfach. Sie drohen im Bildungssystem unterzugehen, weil sie nicht ausreichend gefördert werden.

David Inderlied/dpa

Jonathans Eltern (Name geändert) haben recht schnell gemerkt, dass mit ihrem Sohn etwas anders ist. „Etwa eine Woche nach der Geburt“, sagt die Mutter. Das Kind schlief wenig, hat früh gelacht, auf Ansprache reagiert und war hellwach. Der Drang, die Welt zu erkunden, sei von Anfang an da gewesen. Eine Erfahrung, die viele Eltern hochbegabter Kinder machen, doch zu diesem frühen Zeitpunkt kaum benennen können, warum das so ist. Was die Eltern eint: das Gefühl, dass es anders ist. Und ein bisschen die Scheu auszusprechen, was eigentlich offensichtlich ist.

„In der Krabbelgruppe hat es gar nicht geklappt“, sagt Jonathans Mutter. Das Kind wollte stets andere Dinge tun, als in diesem Moment gefragt waren. „Bei der Vorsorgeuntersuchung mit einem Jahr war er wie ein Zweijähriger“, fasst die Mutter zusammen. Am Ende der Kindergartenzeit habe Jonathan alles hinterfragt und auch leichte Ängste entwickelt. Dies sei der Zeitpunkt gewesen, an dem die Eltern erstmals über Hochbegabung nachgedacht hätten. So richtig wahrhaben wollten sie es aber noch nicht.

Jonathan hat sich in der Schule oft gelangweilt

Jonathans Familie hat viele Höhen und Tiefen durchlebt. Der Junge sei ein sensibler Hochbegabter, sagt seine Mutter. Auch der Klassenlehrerin in der ersten Klasse sei aufgefallen, dass sein Transferdenken, die Vernetzungen im Gehirn, überdurchschnittlich sind. So überdurchschnittlich, dass sich Jonathan in der Schule stets gelangweilt hat, vorzugsweise am Sonntagabend krank wurde und die Schule verweigert hat. Die Rettung sei der Landesverband Hochbegabung (LVH) Baden-Württemberg gewesen, in den die Familie während der ersten Klasse eingetreten ist. Die Eltern haben sich erstmals verstanden – und Jonathan plötzlich normal gefühlt.

„Durch die Unternehmungen mit dem LVH und durch die Technikschule der VHS Esslingen hat Jonathan die Grundschulzeit einigermaßen überstanden“, erinnert sich seine Mutter: „In den Kursen der Technikschule durfte er sehr früh schon – mit sieben Jahren – löten und elektronische Schaltungen basteln.“ Im Alter von neun Jahren belegte der fitte Junge Arduinokurse und Raspberry-Pi-Kurse, die eigentlich erst ab Zwölf sind. „Da hat er seine Begeisterung für das Basteln, Entwickeln, Gestalten und Erfinden voll ausleben können und seine Programmier-Begabung entdeckt.“ Diese hat ihn nun zum Mathestudium in Richtung Data Science nach München gebracht.

Verband setzt sich für Hochbegabte ein

Der Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg kennt die Sorgen und Nöte dieser Eltern. Gegründet 1998, setzt er sich landesweit seit nunmehr 25 Jahren dafür ein, dass sich die Situation hochbegabter Kinder vom Kindergarten-Alter bis zum Studium verbessert. Und wie lautet das Fazit nach diesem Vierteljahrhundert? „Ich habe gemischte Gefühle. Auf der einen Seite haben wir seit Vereinsgründung viel erreicht, auf der anderen Seite haben sich die Gründungsmitglieder erhofft, dass man den Verband in 25 Jahren nicht mehr brauchen wird“, sagt Timea Ircsik, Vorsitzende des Landesverbands. „Leider sehen wir unsere Ziele – eine offene, tolerante Gesellschaft Hochbegabung gegenüber, individuelle Förderung, die Stärken berücksichtigt, eine schöne, positive Grundschulzeit – noch nicht erfüllt“, sieht sie noch viele Aufgaben für die Zukunft. Ein Ziel steht ganz oben auf der Liste: „Wir möchten, dass der Begriff ‚Hochbegabung‘ enttabuisiert wird.“

Von der dritten direkt in die fünfte Klasse

Jonathans Familie hat viel erlebt. Der Junge hat die vierte Klasse übersprungen, ging nach der dritten direkt in die fünfte Klasse eines Privatgymnasiums. Übrigens eine Errungenschaft, die auf den LVH zurückgeht. „Der LVH hat seit der Gründung in der Bildungspolitik ein Zeichen gesetzt. So geht die Gesetzesänderung, die ein Überspringen der vierten Klasse möglich macht, auf unseren Verein zurück“, sagt Timea Ircsik. Grundsätzlich habe sich die Gesetzeslage für hochbegabte Kinder gebessert, sagt die Vorsitzende und nennt beispielsweise die Hochbegabten-Züge an Gymnasien oder den Einschulungsstichtag bis 30. Juni. Heute würden viel mehr Familien über alternative Lösungen wie vorzeitiges Einschulen, den Besuch eines HB-Zugs, das Überspringen einer Klasse oder Abi mit 17 nachdenken, sagt sie. „Sie sind mutiger, weil sie durch den LVH mit anderen Eltern vernetzt sind, die schon diese Erfahrungen gemacht haben“, unterstreicht Ircsik. An vielen Schulen und in vielen Kindertagesstätten gebe es aufgeschlossene und informierte Pädagoginnen und Pädagoginnen – „aber leider noch nicht überall“.

Jonathan ist seinen Weg gegangen. „Die ersten Jahre sind nicht lustig. Da muss man durchhalten“, blickt seine Mutter zurück. „Es war damals allerhöchste Eisenbahn, dass er aus der Grundschule rauskam.“ Und wie sieht es mit dem Totschlag-Argument soziale Reife aus? „Da beißt sich die Katze in den Schwanz“, sagt Jonathans Mutter. „Entweder ist das Kind bei den Langsameren oder den Älteren. Das passt nicht mit allen. Zumal Kinder auch unterschiedlich reifen.“

Im Landesgymnasium für Hochbegabte dürfen die Schüler schlau sein

Richtig glücklich und zufrieden sei ihr Sohn dann am Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd geworden. „Hier passt das Umfeld, die Schüler sind gefordert. Und die Kinder merken: Hier darf ich schlau sein“, sagen die Eltern. Da der normale Stoff viel schneller durchgenommen werden kann, bleibe viel Zeit zur Vertiefung. Jonathan sei zu einem starken, selbstbewusstem jungen Mann geworden, die Persönlichkeit konnte sich entwickeln, weil die Eltern nach einem passenden Umfeld geschaut haben, nach einem Umfeld, in dem sich ihr Sohn nicht gelangweilt hat. „Jonathan braucht Leute mit Zielen und Tatendrang“, sagt seine Mutter. Ein Anker in all den Jahren sei der LVH gewesen, hier habe er Kinder und Jugendliche getroffen, die ticken wie er. „Das war unser Segen, er wäre sonst verkümmert“, meinen die Eltern. Mit 16 hatte Jonathan das Abi in der Tasche, kürzlich hat er sein Studium in München begonnen. Sein Ziel: den Dr. zu machen.

Jonathan ist ein Beispiel dafür, wie es gut werden kann, auch wenn Eltern und Kind phasenweise verzweifelt sind. Doch nicht immer läuft es so glatt, nicht immer haben Eltern hochbegabter Kinder das Glück, die richtige Schule zu finden und auf offene Lehrkräfte zu stoßen. Die Arbeit des LVH ist daher nach 25 Jahren längst nicht zu Ende. „Hochbegabung spielt in der Ausbildung der Lehrkräfte und Erzieherinnen sowie Erzieher immer noch eine untergeordnete Rolle, falls sie überhaupt eine Rolle spielt. Das ist leider Glückssache“, bemängelt Timea Ircsik.

„Brauchen eine Pädagogik, die begabungs- und stärkenorientiert ist“

„Darüber hinaus brauchen wir vor allem im Kindergartenalter und in der Grundschule eine Pädagogik, die begabungs- und stärkenorientiert ist“, fordert sie. Bisher werde der Blick viel zu sehr auf Defizite gerichtet, die Begabung werde oft nur dann wahrgenommen, wenn sie ohne Makel, sprich mit Leistung verbunden sei. Und: „Es gibt zu viele Fehldiagnosen und es müssen immer noch zu viele Familien für eine differenziertere Wahrnehmung ihres Kindes, für eine bessere Förderung oder für eine vorzeitige Einschulung kämpfen. In der Gesellschaft herrschen immer noch viel zu viele Vorurteile und eine ablehnende Haltung dem Thema Hochbegabung gegenüber.“

Diese Erfahrung machen viele Familien. Sie fühlen sich nicht nur unverstanden, sondern als Außenseiter. „Man will ja dazugehören“, sagt Jonathans Mutter und stellt die Frage in den Raum: „Wie sehr zwingt man sein Kind zu normalem Verhalten?“. Es sei „extrem beruhigend“ gewesen, gerade in der Anfangszeit im LVH die Geschichten der anderen Betroffenen zu hören. „Das war wie eine Oase.“ Heute braucht die Familie den Verein nicht mehr. Sie hat im Laufe der Jahre viel gelernt, viel über Hochbegabung gelesen, unzählige Vorträge gehört und ist zu der wichtigen Erkenntnis gekommen: „Unser Kind ist nicht falsch.“

Die Autorin Susann Schönfelder aus unserer Göppinger Redaktion ist selbst Mutter eines hochbegabten Kindes und Mitglied im Landesverband Hochbegabung.

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Der Verein Der Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg, gegründet 1998, setzt sich landesweit für die Verbesserung der Situation hochbegabter Kinder vom Kindergartenalter bis zum Studium ein. Er berät hochbegabte Kinder und ihre Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher oder in der pädagogischen Beratung tätige Personen und vertritt die Interessen seiner Mitglieder gegenüber Schulbehörden und den zuständigen Ministerien des Landes durch Öffentlichkeitsarbeit und Information zum Thema Hochbegabung.

Die Arbeit 340 Mitgliedsfamilien sind aktuell in 20 regionalen Elterngruppen des LVH aktiv. Etwa 30 Ehrenamtliche gestalten gemeinsam die Vereinsarbeit.

Das Angebot Seinen Mitgliedern bietet der LVH zahlreiche Veranstaltungen, Beratung und Förderung, bei denen die Familien nicht nur gemeinschaftliche Erlebnisse teilen, sondern sich austauschen und Probleme diskutieren, aber auch Experten konsultieren können, wie etwa Elterngruppen, Familienwochenenden mit thematischen Seminarangeboten, Mathe- und Politikcamps für 8- bis 16-Jährige, Referentenabende, Fachvorträge und Workshops, persönliche Beratung und Austausch sowie Kontakte zu Lehr- und Erziehungskräften.

Die Aufgabe Als eine weitere Aufgabe sieht der Verband die Anregung und Förderung wissenschaftlicher Arbeiten im Bereich der Begabtenförderung an Universitäten und Hochschulen des Landes. Bereits zehnmal hat der LVH den Preis „Begabtenförderer des Jahres“ vergeben und die Arbeit derer ausgezeichnet, die sich täglich für Hochbegabte einsetzen.

Der Kontakt Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V. (LVH) Wolfsgasse 7, 71711 Steinheim an der Murr, 1. Vorsitzende: Tímea Ircsik; Homepage: www.lvh-bw.de