Hochbegabung in BW
: „Hier wird keine Elite gezüchtet“: So lernt es sich am einzigen Hochbegabten-Gymnasium

ReportageWie können hochbegabte Kinder und Jugendliche am besten gefördert werden? Am Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd folgt man verschiedenen Prinzipien – mit Erfolg?
Von
Janina Hirsch
Schwäbisch Gmünd
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  • Musikunterricht am Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd. Keine Frage des Lehrers bleibt ohne Wortmeldung.

    Musikunterricht am Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd. Keine Frage des Lehrers bleibt ohne Wortmeldung.

    Janina Hirsch
  • Lehrer Thomas Schäfer am Klavier. Ein Thema des Unterrichts: Modern Jazz.

    Lehrer Thomas Schäfer am Klavier. Ein Thema des Unterrichts: Modern Jazz.

    Janina Hirsch
  • Ada Volkmann (17), Jan-Lukas Lindner (17) und Erik Newquist (18): Sie schätzen das breite Angebot an zusätzlichen Fächern und Projekten am LGH.

    Ada Volkmann (17), Jan-Lukas Lindner (17) und Erik Newquist (18): Sie schätzen das breite Angebot an zusätzlichen Fächern und Projekten am LGH.

    Janina Hirsch
  • Schulleiter Christoph Sauer: „Nach der Aufnahmeprüfung spielt der IQ keine Rolle mehr“.

    Schulleiter Christoph Sauer: „Nach der Aufnahmeprüfung spielt der IQ keine Rolle mehr“.

    Janina Hirsch
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Als Lehrer Thomas Schäfer eine Frage stellt, melden sich sieben von elf Schülerinnen und Schüler. „Gedankenexperiment“, sagt Schäfer. „Ihr seid ein Jazzmusiker, schon seit den 1920er Jahren aktiv und habt euch in der aktuellen Swing-Maschinerie eingefunden: Was stört euch?“ „Ich habe keine Improvisationsfreiheit“, sagt ein Schüler. „Doof, oder?“, fragt Schäfer. „Ihr dürft nicht spielen, wie ihr möchtet, seid frustriert von der Monetarisierung des Jazz. Was könnte eine Konsequenz in den 1940er Jahren sein?“ „Dass die Stile wieder in eine andere Richtung umschwenken und mehr Improvisation möglich ist“, sagt eine Schülerin. Mit dieser richtigen Antwort ist Schäfer beim ersten Thema seines Musikunterrichts angekommen: beim Bebop, dem Ursprung des modernen Jazz.

Schäfer unterrichtet am Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd (LGH), der größten staatlichen Internatsschule Süddeutschlands. Es ist sein zehntes Jahr an jenem Ort in Baden-Württemberg, an dem ab der 7. Klasse ausschließlich Kinder und Jugendliche mit Hochbegabung unterrichtet werden. Wer sich bewirbt, muss während eines dreistufigen Auswahlverfahrens in einem Intelligenztest ein Ergebnis zwischen 125 und 130 erreichen. Zum Vergleich: die durchschnittliche Intelligenz liegt bei 100. „Nach der Aufnahme sollte die Höhe des IQs aber keine Rolle mehr spielen“, sagt Schulleiter Christoph Sauer. Für Ada Volkmann (17), Erik Newquist (18) und Jan-Lukas Lindner (17) ist das so. „Es ist eine Grundvoraussetzung für die Aufnahme, aber kein verbindender Aspekt unter uns Schülern“, sagt Lindner. Was sie stattdessen verbindet: ihre Motivation und gemeinsame Interessensgebiete.

Förderprinzipien für Hochbegabte

Achtzig Prozent der rund 270 Schülerinnen und Schüler kommt aus Baden-Württemberg, die restlichen 20 Prozent aus anderen Teilen Deutschlands. Sie alle werden nach verschiedenen Förderprinzipien für Hochbegabte unterrichtet und betreut. Zunächst nach dem Prinzip der Potentialgruppierung, was bedeutet, dass nur Schüler mit Hochbegabung gemeinsam unterrichtet werden. „Man ist mit Gleichgesinnten zusammen, die ähnlich schnell, ähnlich vertieft denken können“, erklärt Sauer. Was es möglich macht, Unterrichtsstoff schneller durchzunehmen als an einer Regelschule. Die eingesparte Zeit und freie Energie könne dann in andere zusätzliche Fächer oder Projekte gesteckt werden. In die Arbeit in einem Forschungslabor oder im Campusmuseum, in Wettbewerbe wie Mathematik-Olympiaden oder in das Lernen von Fremdsprachen.

Wer will, kann auch einen Lernvertrag abschließen und wird vom Unterricht befreit. Den Stoff für die Klausur muss sich derjenige dann selbst aneignen. „Wir haben ungefähr 20 bis 30 Lernverträge pro Schuljahr in der Oberstufe“, sagt Sauer. Ada Hofmann hatte einen Lernvertrag in Französisch, Erik Newquist einen in Mathe.

Internatsleben am Landesgymnasium für Hochbegabte

Alle Schüler des LGHs bekommen einen Mentor an die Seite, der ihre Entwicklung begleitet. Dadurch, und durch das Leben im Internat, sei das Verhältnis zu den Lehrkräften sehr viel enger, sehr viel persönlicher, sagt Lindner. Und: „Die Klassengemeinschaft ist unglaublich stark“, sagt Newquist. Trotzdem gibt es auch Herausforderungen: „Die Internatsbelastung ist nicht zu unterschätzen“, sagt Schulleiter Sauer. Abends können die Kinder nicht von ihren Familien aufgefangen werden, müssen schneller selbstständiger werden. Nachhause geht es jedes zweite Wochenende.

Vergangenes Jahr lag der Abiturschnitt bei 1,4. In dem Jahrgang mit 65 Schülern hatten 22 einen 1,0 Schnitt. „Das Förderkonzept ist letztendlich der Versuch, differenziert mit dem besonders starken kognitiven Potenzial von jungen Menschen umzugehen“, sagt Sauer. Immer mit dem Ziel, dass sich die Schüler an der Schule wohlfühlen – denn es ist nicht unüblich, dass Schüler mit negativen Erfahrungen von anderen Schulen ans LGH kommen.

Ob Schüler oder Lehrer am LGH – Klischees zum Thema Hochbegabung begegnen allen. „Wer gefragt wird, auf welche Schule er geht, sagt LGH, nicht Landesgymnasium für Hochbegabte“, sagt Lindner. „Weil er vermeiden will, dass irgendwelche Vorurteile auftauchen, sowohl positive als auch negative.“ Zum Beispiel, dass Hochbegabten das Wissen im Schlaf zufliege, sagt Volkmann. „Wir setzen uns schon hin und lernen“, sagt die 17-Jährige. Wiederum heiße es dann oft, Hochbegabte leben nur für die Schule, hätten kein Sozialleben. „Das stimmt nicht“, sagt Volkmann. „Es ist wichtig zu sagen, dass wir ganz normale Menschen sind“, sagt Newquist.

„Man glaubt es nicht, aber auch das Landesgymnasium für Hochbegabte spricht mal eine Versetzungsgefährdung aus“, sagt Lehrer Schäfer. Nach der Musikstunde hat er Aufsicht in der Mensa. Aufgeregte Stimmen hallen durcheinander, Stühle werden gerückt. „Hier wird keine Elite herangezüchtet“, sagt Schäfer. „Hier wird Kindern, die etwas Besonderes mitbringen, ermöglicht, ganz normal erwachsen zu werden.“

Lehrermangel auch am LGH ein Problem

„In den Mangelfächern haben wir es häufig mit Ausschreibungen zu tun, die ohne jegliche Bewerbung abgeschlossen werden“, sagt Schulleiter Sauer. Mangelfächer seien Naturwissenschaften, Bildende Kunst und Sport für Schülerinnen. Wer am Landesgymnasium für Hochbegabte unterrichten wolle, müsse „Freude an den eigenen Fächern, eine überdurchschnittliche Fachkompetenz und eine Offenheit, natürlich für unser Förderkonzept“, sagt Sauer. „Wir haben es mit einer sehr denkfreudigen Klientel zu tun. Man muss als Kollege oder als Kollegin bereit sein, die Freude am Denken mitzugehen.“

Modellschule

Das LGH ist eine Modellschule. Das heißt, was dort Positives über das Lehren und Lernen herausgefunden wird, soll auf andere Schulen ausstrahlen. „Ich habe das Gefühl, das passiert zu wenig“, sagt Lehrer Thomas Schäfer. Stärker in den Niveaus zu unterscheiden oder ein Schüler-Lehrer-Mentoring seien unter anderem personalintensiv. „Letztlich ist man immer beim Geld.“

Neben dem Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd gibt es verschiedene Hochbegabtenklassen an Gymnasien in Baden-Württemberg: unter anderen in Pforzheim (Reuchlin-Gymnasium), Heidelberg (Kurfürst-Friedrich-Gymnasium) und Konstanz (Heinrich-Suso-Gymnasium).

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Dieser Artikel ist Teil unserer „Best of 2023“-Reihe. Weitere spannende Geschichten, die im vergangenen Jahr besonders begeistert, berührt oder für Aufregung gesorgt haben, lesen Sie hier:

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