SWP+SWP+Cold Case Renate Borst
: DNA vom Dachboden – so kamen die Ermittler auf die Spur des Angeklagten

41 Jahre nach dem Mord an Renate Borst in Deggingen steht ein 70-Jähriger in Ulm vor Gericht. Die Ermittler berichten von einer entscheidenden DNA-Spur, einer Razzia – und einer abgehörten Beichte.
Von
Verena Eisele
Ulm
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Mord in Deggingen vor 40 Jahren: Prozessauftakt am Landgericht Ulm (Cold Case)

Der Angeklagte wird von einem Justizmitarbeiter in den Verhandlungssaal gefahren, er sitzt im Rollstuhl.

Armin Buhl
  • In Ulm steht ein 70-Jähriger wegen Mordes an Renate Borst vor Gericht.
  • Alte DNA-Abstriche vom Dachboden ermöglichten 2021 ein neues Profil.
  • Ein Abgleich identifizierte Spermaspuren als DNA des Angeklagten.
  • Er räumte im Auto Sex ein, bestritt aber die Tötung – die Polizei überwachte.
  • Hausdurchsuchung blieb ohne Fund. Der Prozess wird am Dienstag, 27. Oktober, fortgesetzt.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Der heutige Hauptermittler war zur Tatzeit selbst erst vier Jahre alt, viele der damals beteiligten Beamten sind inzwischen verstorben, andere Prozessbeteiligte waren noch nicht geboren – es ist wohl auch für langjährige Justizbeamte ein ungewöhnlicher und herausfordernder Fall, der derzeit am Landgericht Ulm verhandelt wird. Es geht um den Mord an Renate Borst, die im Frühjahr 1985 in einem Waldstück bei Deggingen (Kreis Göppingen) tot aufgefunden wurde. Wie berichtet, wird einem Mann aus Schwendi vorgeworfen, die damals 31-Jährige vergewaltigt, schwer verletzt und getötet zu haben. Der 70-Jährige, der damals in zwei Landkreisen – Göppingen und Neu-Ulm – gewohnt haben soll, bestreitet die Vorwürfe.

Am zweiten Verhandlungstag steht vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Wie kamen die Ermittler nach mehr als vier Jahrzehnten überhaupt auf die Spur zum Angeklagten?

Nach Angaben des Hauptermittlers der Kriminalpolizei Göppingen wurde der Cold Case 2021 mit heutigen kriminaltechnischen Möglichkeiten neu überprüft. Entscheidend war dabei, dass aus dem Jahr 1985 noch DNA-Spuren vorhanden waren. Unter anderem waren damalige Abstriche von der Leiche über Jahrzehnte hinweg auf dem Dachboden der Kriminalpolizei in Göppingen aufbewahrt worden – und konnten nun mit moderner DNA-Analyse erneut untersucht werden.

DNA-Abstriche von drei Männern durchgeführt

Zunächst ließ sich aus den alten Spuren zwar ein DNA-Profil gewinnen, ein Treffer in der DNA-Datenbank ergab sich aber nicht. Deshalb gingen die Beamten die alten Akten noch einmal systematisch durch. Dabei stießen sie auf drei Männer aus dem Umfeld von Renate Borst, die in den damaligen Ermittlungen als Kontaktpersonen aufgetaucht waren, von denen aber bislang keine DNA-Proben vorlagen – darunter der heutige Angeklagte.

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„Diese wurden aufgesucht und belehrt“, sagte der Beamte vor Gericht. Alle drei gaben Speichelproben ab. Beim anschließenden Abgleich kam es dann zu einem Treffer: Damals gesicherte Spermaspuren an der Leiche konnten der DNA des Angeklagten zugeordnet werden. Der DNA-Treffer gewann aus Sicht der Ermittler zusätzlich an Gewicht, weil die Gesamtumstände des Falls – ein nacktes, schwer misshandeltes Opfer im Wald – aus ihrer Sicht auf ein Sexualdelikt hindeuteten. Die Ermittler gehen von keiner geplanten Tat aus, sondern von einer Eskalation nach einer Vergewaltigung.

So geriet der Angeklagte in den Fokus der Ermittlungen. Die Kriminalpolizei bereitete die rund 7000 Seiten umfassende Akte neu auf und prüfte, welche weiteren Spuren mit heutigen Methoden noch einmal untersucht werden konnten. So wurde auch der BH des Opfers erneut kriminaltechnisch untersucht. Mit diesem war die nackte Leiche an den Beinen gefesselt gewesen. Hier fanden sich verschiedene DNA-Spuren, auch von unbekannten weiblichen Personen.

Angeklagter gesteht seiner Frau Seitensprung

In den folgenden Monaten und Jahren versuchten die Ermittler, den Tatverdacht weiter zu verdichten. So kam es im November 2025 zu einer Hausdurchsuchung des Angeklagten in Schwendi. Dabei sollten vor allem elektronische Geräte sichergestellt werden, um mögliche Suchanfragen oder Notizen auszuwerten. Außerdem wollten die Ermittler klären, ob sich dort noch Schmuckstücke von Renate Borst finden lassen. „Die haben damals gefehlt“, sagte der Hauptermittler vor Gericht – darunter demnach eine Kreuzkette mit Gravur und ein Ring. Relevante Erkenntnisse ergaben sich allerdings nicht.

Daraufhin richteten die Beamten eine Innenraumüberwachung im Pkw des Angeklagten sowie eine Telekommunikationsüberwachung ein. Dadurch hörten die Ermittler ein Gespräch im Auto des Angeklagten nach einer Vernehmung in Göppingen mit. Dabei soll der Mann gegenüber seiner Ehefrau eingeräumt haben, mit Renate Borst Sex gehabt zu haben. Zugleich habe er bestritten, sie getötet zu haben.

Gericht hangelt sich durch alte Akten, Spuren und Indizien

Aus Sicht der Ermittler spricht die Spurenlage zudem dafür, dass der Leichenfundort nicht mit dem Tatort identisch ist. Die Polizei geht davon aus, dass Borst mit einem Fahrzeug dorthin gebracht wurde. Nach Einschätzung des Hauptermittlers hätte ein solcher Transport einer schwer verletzten Frau Spuren im Auto hinterlassen müssen.

Von der zugezogenen Sachverständigen und Biologin für DNA-Analyse wollte Richter Wolfgang Tresenreiter wissen, ob das Mordopfer auch mit anderen Männern noch Geschlechtsverkehr gehabt haben könnte. Das verneinte diese, es gebe aus ihrer Sicht keine Anhaltspunkte für die Beteiligung einer dritten Person.

Der Prozess zeigt damit auch am zweiten Verhandlungstag, wie schwierig die Aufarbeitung eines mehr als 40 Jahre alten Falls ist: Vieles lässt sich nur noch über alte Akten, Spuren und Indizien rekonstruieren. Zum Abschluss stellte die Verteidigung einen weiteren Ermittlungsantrag. Ob das Gericht diesem folgt, dürfte sich in der Fortsetzung des Verfahrens zeigen. Weiter verhandelt wird am Dienstag, 27. Oktober.