Bildungsumfrage 2024
: Mehrheit ist gegen G8 – Sie haben abgestimmt, das sind die Ergebnisse

Tausende Menschen haben an der Umfrage der SÜDWEST PRESSE teilgenommen. Die ersten Ergebnisse zeigen: Es gibt viele Gründe für Frust – aber nicht alles läuft schlecht.
Von
Moritz Clauß
Ulm/Stuttgart
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Ein Lehrer schreibt an der Tafel. Vor ihm sitzen Schüler.

Eltern und Schüler bewerten die Arbeit der Lehrkräfte in der Bildungsumfrage im Schnitt positiv.

Marijan Murat/dpa
  • Mehrheit gegen G8: 77% der Umfrageteilnehmer favorisieren G9.
  • 6211 Menschen nahmen an der Bildungsumfrage teil, darunter viele Eltern und Lehrkräfte.
  • Durchschnittsnote für Bildungspolitik: 3,64; besonders schlecht in Esslingen und Stuttgart.
  • 63% der Kita-Eltern kritisieren kurze Öffnungszeiten; 54% loben Lehrkräfte für Ansprechbarkeit.
  • Schopper betont die Komplexität der Bildungspolitik und die Notwendigkeit von Reformen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Verkürzte Öffnungszeiten, Personalmangel, gestiegene Gebühren: Die Lage an vielen Kitas in Baden-Württemberg ist für Eltern frustrierend. Das zeigt sich auch in der diesjährigen Bildungsumfrage der SÜDWEST PRESSE. 63 Prozent der befragten Eltern von Kita-Kindern finden demnach, dass die Öffnungszeiten der Einrichtungen nicht so lang sind, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten können. Fast genauso viele betrachten die Elternbeiträge oder Gebühren als sehr hoch. Doch es gibt auch positive Befunde: Mehr als die Hälfte findet zum Beispiel, dass Kita-Mitarbeitende oder Tagespersonen die Eltern über Entwicklungsfortschritte der Kinder auf dem Laufenden halten. 48 Prozent sind der Ansicht, dass die Mitarbeitenden auf individuelle Bedürfnisse der Kinder eingehen – 10 Prozent stimmen dem eher oder gar nicht zu.

Insgesamt haben diesen Sommer 6211 Menschen aus dem Verbreitungsgebiet der SÜDWEST PRESSE und ihrer Partnerzeitungen am Bildungskompass, der großen Bildungsumfrage, teilgenommen – darunter viele Eltern und Lehrkräfte, aber auch einige Schülerinnen und Schüler. Die regionalen Ergebnisse sind inzwischen ausgewertet worden, in den kommenden Wochen werden sie nach und nach veröffentlicht. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, sie zeigt aber, welche Bildungsthemen viele Menschen im Südwesten besonders umtreiben – und welche Lösungen sich die Befragten von Entscheiderinnen und Entscheidern wünschen.

Schulnote 3,6: Umfrage-Teilnehmer bewerten die Bildungspolitik

Im Bildungskompass wurden auch Schulnoten für die Bildungspolitik des eigenen Bundeslands (Baden-Württemberg oder Bayern) erhoben. Im Durchschnitt gaben die Befragten der Politik die Note 3,64. Die beste Wertung erhielt die Bildungspolitik des Bundeslands Baden-Württemberg in Ulm, dem Landkreis Schwäbisch Hall, dem Alb-Donau-Kreis und dem Kreis Biberach (jeweils rund 3,6). Besser schnitt die bayerische Bildungspolitik im Landkreis Neu-Ulm ab (3,3). Besonders negativ fiel die Bewertung der Befragten im Landkreis Esslingen und in Stuttgart aus (jeweils 3,9).

Bildungspolitik sei ein „komplexes Wechselspiel vieler Akteure“, sagt die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) zu diesen Umfrage-Ergebnissen. „Die Auswirkungen von Entscheidungen ziehen sich über lange Zeiträume.“ Schopper erklärt, sie verstehe, wenn die Bürgerinnen und Bürger „mehr verlangen“. Sie erlebe aber auch, „dass die Menschen, mit denen man konkret diskutiert, sehr wohl verstehen, dass es keine einfachen Lösungen für die komplexen Herausforderungen gibt, vor denen wir stehen“. Für sich selbst könne sie sagen: „Ich gebe jeden Tag mein Bestes.“

G8 oder G9? Große Mehrheit ist für neunjähriges Gymnasium

Besonders viel Zuspruch gibt es unter den Befragten der Bildungsumfrage für das neunjährige Gymnasium. 77 Prozent aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprechen sich dafür aus, dass die Zeit bis zum Abitur 13 Jahre dauern sollte – nur rund 13 Prozent plädieren für ein Jahr weniger. Die Grünen-Politikerin Schopper sagt, Corona und die Folgen hätten in der Diskussion um G9 „sicherlich nochmal als Katalysator gewirkt“. Sie könne sich vorstellen, dass sich der hohe Zuspruch zumindest teilweise durch die Erfahrungen der Eltern erklären lasse, von denen viele selbst 13 Jahre zur Schule gegangen sind. Schopper: „Sie transportieren das, unabhängig von angepassten Lehrplänen und Unterrichtsinhalten, auf ihre Kinder und konstatieren eine Verdichtung des Stoffs und lange Schultage.“

Tatsächlich ist die Ablehnung von G8 nicht überall so groß wie in Süddeutschland. Partnerzeitungen der SÜDWEST PRESSE in Brandenburg haben in diesem Jahr ebenfalls eine Bildungsumfrage durchgeführt. Dort sprechen sich sogar etwas mehr Teilnehmer für G8 aus als für G9. Schopper sagt, die Unterschiede zwischen Abgängern beider Systeme seien quantitativ „praktisch nie messbar“ gewesen. Dennoch gilt: Baden-Württemberg wird bald zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren. Und viele Menschen im Ländle sind offenbar sehr froh darüber.

Mit Blick auf den Schulalltag liefert die Umfrage der Tageszeitungen sowohl positive als auch negative Ergebnisse. So stimmen 44 Prozent der befragten Eltern und Schüler der Aussage zu, dass der Unterricht häufig ausfällt. 36 Prozent finden das Nachmittagsangebot nicht vielfältig, das Schulessen stößt bei 28 Prozent auf Ablehnung – betrachtet man nur die Antworten der Schüler, liegt der Anteil sogar bei 45 Prozent. Allerdings ist diese Gruppe in der Umfrage auch die mit Abstand kleinste – insgesamt haben 85 Schülerinnen und Schüler an der Befragung teilgenommen. Hätten mehr Schüler abgestimmt, wären die Unterschiede zum Gesamtschnitt womöglich kleiner.

Positiv bewerten Eltern und Schüler die Arbeit der Lehrkräfte in den Schulen. So finden 54 Prozent, dass die Lehrerinnen und Lehrer für Schüler immer ansprechbar und geduldig sind. Fast genauso viele finden, dass die Lehrkräfte fair beurteilen – nur 8 Prozent sehen das eher oder gar nicht so. Auffällig ist, dass nur 27 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Umfrage die Frage, ob sie sich in der Schule wohlfühlen, mit „trifft voll zu“ beantworten. 49 Prozent fühlen sich zumindest teilweise wohl. Der Anteil der befragten Schüler, die der Aussage „Die Schule hat ein Problem mit Mobbing und Gewalt“ voll zustimmen, liegt bei 18 Prozent – und damit etwas höher als bei den Eltern.

„Die Voraussetzungen, um sich wohlzufühlen, sind vielschichtig“, sagt Ministerin Schopper. „Klar ist: Schule muss für alle Schülerinnen und Schüler ein sicherer Lern- und Lebensort sein. Außerdem ist es von großer Bedeutung, dass Kinder und Jugendliche das Gefühl haben, mit ihren Sorgen und Problemen ernst genommen zu werden.“ Dafür seien unter anderem geeignete Vertrauenspersonen und Ansprechpartner sehr wichtig. Schopper weist jedoch auch darauf hin, dass man bei solchen Befragungen den Kontext beachten müsse: „Fühlen sich die Befragten, die die obigen Aussagen getätigt haben, außerhalb der Schule genauso oder ganz anders? Das zu wissen, wäre die Voraussetzung für eine klare Analyse.“

Ganz oben auf dem Wunschzettel der Umfrageteilnehmer steht eine Modernisierung von Lehrplänen und Unterrichtsinhalten. Knapp 55 Prozent finden, dass ihr Bundesland unbedingt mehr darin investieren sollte. Fast 43 Prozent sprechen sich für mehr Investitionen zur Sanierung von Kita- und Schulgebäuden aus, etwas weniger wollen auf jeden Fall höhere Ausgaben für eine bessere digitale Ausstattung von Schulen und Kitas. Auffällig: Nur rund zwei Prozent geben an, dass aus ihrer Sicht bereits genug in Bildung investiert wird.

Bildungsreform in Baden-Württemberg:
Schopper will frühkindliche Bildung besser fördern

Für die Modernisierung des Schulunterrichts spricht sich auch der Landesschülerbeirat aus. Theresa Schopper sagt: „Die Modernisierung von Lehrplänen und Unterrichtsinhalten allein kostet noch kein Geld.“ Das Land setze gerade „die größte Bildungsreform seit Jahrzehnten um“, die Reform sei extrem anspruchsvoll. „Dabei investieren wir enorme Summen in die Bildung, ganz besonders am Anfang der schulischen Laufbahn und auch davor, in der frühkindlichen Bildung.“ Die Landesregierung wolle sicherstellen, „dass jedes Kind mit dem nötigen Rüstzeug in die Schule kommt und die Herausforderungen der ersten Klassen meistern kann“.

Der Schlüssel dafür ist laut Schopper die Sprachförderung, die Landesregierung hat dafür vor einigen Monaten ein neues Förderkonzept vorgestellt. Die Rückkehr zu G9 ist also längst nicht die einzige große Baustelle im baden-württembergischen Bildungssystem. Kitas und Schulen werden sich in den nächsten Jahren weiter verändern – und vielleicht steigt damit ja auch die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Bildungspolitik.

Übrigens: Alle Themen zum Bildungskompass finden Sie auf unserer Bildungsseite.

Das ist der Bildungskompass 2024

An der nicht repräsentativen Umfrage zum Thema Bildung haben im Verbreitungsgebiet der SÜDWEST PRESSE im Juni und Juli dieses Jahres insgesamt 6211 Menschen teilgenommen. Der Großteil der Antworten (5788) kam von Erwerbstätigen und Rentnern im Alter von 30 bis 79 Jahren, rund zwei Drittel der Befragten waren weiblich. Aus den Rückmeldungen ergeben sich auch Hinweise auf die Einschätzungen zum Bildungsangebot in Ihrer Region. Einigen davon gehen wir in unserer Serie nach.

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