Bildung in Baden-Württemberg: Arbeitsgruppe schlägt neues Schulsystem vor

Gibt es künftig statt Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen nur noch eine einzige? Das zumindest schlug jüngst eine Expertengruppe vor.
Marcus Brandt/dpa (Symbolfoto)Jochen Wandel wirkt betrübt. Er ist eigentlich jemand, der in allem das Gute sieht und sich für alles begeistern kann, was seine Schülerinnen und Schüler an der Wilhelm-Hauff-Realschule so auf die Beine stellen. Aber erst neulich war einer der Tage, an dem die Dinge nicht so rosig waren wie sonst. Zu viele Schülerinnen und Schüler wollen nämlich zu seiner Einrichtung wechseln. Sie kommen von Gymnasien und haben gemerkt, dass ihr Weg dort nicht weitergeht. Jetzt stehen diese jungen Menschen vor Wandels Schule, und der weiß selbst nicht mehr weiter. „Uns fehlen Lehrer ohne Ende.“
Dahinter steckt ein strukturelles Problem, tief verankert im baden-württembergischen Schulsystem und jüngst befeuert durch die G9-Reform: die Attraktivität des Gymnasiums. Diese wird, da jetzt das Abitur nach neun Jahren wieder zurückkehrt, wohl noch weiter steigen. „Die Schüler kriegen dadurch mehr Zeit, mehr Unterstützung, können entspannter lernen. Das dürfte noch mehr Kinder und deren Eltern ansprechen“, sagt Norbert Pellens.
14 Expertinnen und Experten bilden einen Gegenpool
Pellens ist Schulleiter der Laura-Schradin-Schule in Reutlingen, einer Berufsschule. Er gehört, wie auch Jochen Wandel, zu einer unabhängigen Arbeitsgruppe der Robert-Bosch-Stiftung, die sich Anfang des Jahres 2024 zusammenfand. Zu dieser Zeit traf sich das baden-württembergische Kabinett für Koalitionsverhandlungen. Im Zentrum dieser war, unter anderem, die Bildungspolitik. Doch statt der angekündigten „Bildungsgerechtigkeit“ ging aus den Verhandlungen insbesondere eines hervor: die weitere Stärkung der Gymnasien, die lediglich „in Teilen“ auch an Haupt- und Werkrealschulen, an Realschulen und Gemeinschaftsschulen umgesetzt werden solle.
„Das kann nicht sein“, sagt Thorsten Bohl, Professor für Erziehungswissenschaft in Tübingen mit Schwerpunkt Schulpädagogik. Er und 13 weitere Expertinnen und Experten wollten deswegen bewusst einen Gegenpol bilden. Nicht aber, um das Gymnasium als solches anzugreifen. Vielmehr geht es ihnen darum, alles andere, was bislang im Schatten des Gymnasiums stand, auf dieselbe Ebene zu rücken – politisch wie gesellschaftlich.
Sekundarschulen sollen vereint werden
Um das zu erreichen, schlägt das Expertengremium etwas für Baden-Württemberg völlig Neues vor: eine geeinte Sekundarschule. Bedeutet konkret: Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschule werden zu einer einzigen Sekundarschule zusammengefasst und bilden neben dem Gymnasium eine von dann nur noch zwei Schuloptionen. Sie bietet alle Abschlüsse an: den ersten Abschluss zum Ende der 9. und 10. Klassenstufe, den mittleren Abschluss nach der 10. Klassenstufe und die Allgemeine oder Fachgebundene Hochschulreife zum Ende der 13. Klassenstufe.
Umstrukturierung in den unteren Klassen
Die „Neue Sekundarschule“ will bereits ab der 5. Klasse besondere Angebote fördern, konkret für die Berufs- und Arbeitswelt. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei lernen, was eine duale Ausbildung ist, wie man sich betrieblich weiterbilden kann, und so weiter.
Erst ab der 7. Klasse soll dann erörtert werden, welchen Bildungsweg die Heranwachsenden einschlagen wollen: zum Beispiel einen mittleren Abschluss mit anschließender Ausbildung oder eine fachgebundene Hochschulreife. Organisiert werden soll die „Neue Sekundarschule“ als Ganztagesschule.
„Wir wollen das Konzept der Heterogenität leben“, sagt Angela Keppel-Allgaier, Leiterin der Hans-Küng-Gemeinschaftsschule in Tübingen. Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass die sozialen und pädagogischen Herausforderungen, die durch Flucht und Migration, durch Lehrkräftemangel und Inklusion von jungen Menschen mit Behinderung auf das Schulsystem einwirken, überproportional an den Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen hängenbleiben. Die Gymnasien wiederum sind hiervon zwar nicht ausgenommen, aber weitaus weniger betroffen.
Es bringt die baden-württembergische Schulstruktur in eine Schieflage. Das elitäre System der Gymnasien lässt die anderen Sekundarschulen wie ein „Plan B“ wirken; das vermeintliche „Auffangbecken“ derer, die es am Gymnasium nicht geschafft haben. „Die Mittel- und Oberschicht will am Gymnasium natürlich unter sich bleiben“, sagt Professor Thorsten Bohl, „und potenzielle Realschüler werden wegen G9 gucken, ob es nicht doch fürs Gymnasium reicht. Das hängt die Unterschicht noch weiter von der Gesellschaft ab.“
Integration, Inklusion und individuelle Förderung auslagern
Deswegen rückt diese neue Sekundarschule die Heterogenität ihrer Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt; ihre Vielfalt soll der Kern des Schaffens sein. Dafür schlägt die Arbeitsgruppe „multiprofessionelle Teams“ vor. Das sind Gruppen, die sich um die verschiedenen Aufgaben der Schule kümmern: Integration, Inklusion, individuelle Förderung und so weiter. Es wird also das ausgelagert, was Lehrerinnen und Lehrer schon jetzt obendrauf leisten müssen. „Wir brauchen für diese Dinge externe Ressourcen“, betont Angela Keppel-Allgaier.
Gänzlich neu sind diese Ideen im Kern nicht. In Hamburg zum Beispiel, betont die Arbeitsgruppe, habe man schon gute Erfahrungen mit der Umstellung des Schulsystems gemacht, etwa durch multiprofessionelle Teams in Hamburger Stadtteilschulen. Und im internationalen Vergleich überzeugten jene Länder, die den vorgeschlagenen Weg bereits gegangen sind und ähnliche Sekundarschulen im Bildungsrepertoire haben.
„Es steht aktuell nicht das Kind im Mittelpunkt“
Die Einführung einer solchen Sekundarschule in Baden-Württemberg würde natürlich noch einige Jahre dauern. Die Expertinnen und Experten rechnen mit einer vierjährigen Vorbereitungszeit, bestenfalls mit Pilotschulen. Danach könne das System selbst hochwachsen – die neuen Stufen würden also mit den älteren Schülerinnen und Schülern bis zum Abiturjahrgang neu aufgestellt, die jüngeren könnten in diese hineinwachsen.
Doch im Moment geht es der Arbeitsgruppe erst einmal darum, ihr Konzept bekannt zu machen. „Wir haben bislang sehr, sehr große Zustimmung von allerlei Verbänden bekommen“, sagt Professor Bohl. Im Herbst wolle man sich dann sortieren und die nächsten Schritte ausarbeiten. Natürlich habe es auch etwas Gegenwind gegeben. Aber am Ende des Tages ginge es darum, die Sekundarschulen zu stärken – nicht sie gegeneinander auszuspielen. „Die Schule ist insbesondere von der Politik geleitet“, sagt Jochen Wandel, „und es steht aktuell nicht das Kind im Mittelpunkt.“

