Aus und vorbei: Diese neun Traditionsbetriebe im Raum Ulm haben 2024 geschlossen

Viele Einzelhandelsbetriebe in Ulm und der Region haben 2024 ihr Geschäft eingestellt. Die Gründe sind oft ähnlich: hohe Energiekosten, mangelnder Nachwuchs und altersbedingte Aufgabe.
Stefan Czernin, Stefanie Müller- Neun Traditionsbetriebe in Ulm und Umgebung schließen 2024, oft wegen hoher Energiekosten und Nachwuchsmangel.
- Optiker Michael Thalhofer aus Weißenhorn schließt nach 60 Jahren wegen fehlendem Nachwuchs.
- Schreibwarengeschäft "Mein Mix" in Illertissen und Schmuckmanufaktur Ehinger Schwarz am Münsterplatz machen dicht.
- Viele Läden leiden unter Online-Konkurrenz, steigenden Kosten und verändertem Kaufverhalten.
- Persönliche und gesundheitliche Gründe führen zu weiteren Schließungen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ein Familienbetrieb, der bereits in fünfter Generation besteht oder eine Einzelhändlerin, die fast 50 Jahre ihren eigenen Laden geführt hat – in diesem Jahr haben einige Einzelhändler ihre Ladentüren das letzte Mal hinter sich geschlossen, oft schweren Herzens. Andere haben den Schampus schon kalt gestellt.
Die Gründe für das Ende sind unterschiedlich. Manchen Branchen macht die Konkurrenz aus dem Internet zu schaffen, anderen mangelt es nicht an Kundschaft, sondern an Nachwuchs, wie Optiker Michael Thalhofer in Weissenhorn. Vielerorts wird wegen der Schließungen die Nahversorgung im ländlichen Raum eingeschränkt. Unter anderem in Langenau, Senden, Unterkirchberg und Dornstadt haben Metzgereien geschlossen. Zwei Bäckerfilialen in Senden und Neu-Ulm mussten schließen, in Folge der Insolvenz der Bäckerei Mäschle aus Laupheim. Auch der Laichinger Bäcker Kirsamer durchläuft ein Insolvenzverfahren. Doch nicht nur im Ulmer Umland machen gestiegene Energiekosten, fehlendes Personal und verändertes Kaufverhalten dem Einzelhandel zu schaffen, auch in der Stadt selbst gab es Schließungen.
April: Trübe Zeiten für Brillenträger in Weißenhorn
Für Michael Thalhofers Metier ist das Internet keine große Konkurrenz: „Sich dort eine Brille anpassen zu lassen, ist eine schwierige Sache.“ Er beendet sein Brillengeschäft in Weißenhorn, weil es für ihn genau der richtige Moment sei: „Ich werde 60 Jahre, ich hab lange genug im Laden gestanden, irgendwann ist die Luft eben raus.“ Auch wenn er seinen Beruf über die Jahre hinweg gerne ausgeübt habe und die „Brillenecke“ gut laufe. Nach Thalhofers Schließung ist von den vier langjährigen Optiker-Betrieben in der Stadt nur noch einer übrig.
Illertisser Fachhandel wandert ins Internet ab
Das Geschäft mit den Schreibwaren in Illertissen läuft nur noch sehr schleppend. Am 1. April schließt Geschäftsführerin Simone Hundegger das Schreibwarengeschäft „Mein Mix“. Für sie, ein emotionaler Schritt: „Ich bin Einzelhändlerin, seit ich denken kann.“ Vor vier Jahren übernahm sie den langjährigen Bürofachhandel Fleischmann als zweiten Standort der Mindelheimer Firma „Bürobedarf Hundegger“.
Doch die Krisenstimmung mit dem Krieg in der Ukraine und der folgenden Energiekrise hat sie schmerzlich zu spüren bekommen: Nicht mal mehr halb so viele Kunden seien in den Laden gekommen, sagt sie. Künftig wird die Firma nur noch als Online-Handel in Mindelheim weitergeführt. Auch „Herzallerliebst“ ein Bekleidungsladen für Kinder lässt den Standort in Illertissen hinter sich und bleibt aber im Netz bestehen.
Mai: Kein Schmuck mehr am Münsterplatz
Nach knapp 150 Jahren ist Schluss mit der Schmuckmanufaktur Ehinger Schwarz. Es gibt mehrere Gründe für das Ende: Inhaber Christoph Weiß ist inzwischen 68 Jahre alt und lebt in der Schweiz. Der Göppinger stieg 2013 nach dem Weggang von Schmuckgestalter Wolf-Peter Schwarz und seiner Frau Ann-Charlotte als Investor ein. Zwei Jahre später übernahm er das Unternehmen vollständig. Seine Kinder wollen das Unternehmen nicht weiterführen. Auch für die Geschäftsführerin Sina Geyer ist eine Übernahme des Unternehmens keine Option.
Juni: Erleichtert über das Ende der Selbstständigkeit
Als Umut Bakir eine Festanstellung im Handel bekommt, ist für ihn klar: Das Ende für „Nau-Kost“ ist dauerhaft. Seine Stammkunden sind enttäuscht, doch die Selbstständigkeit sei nichts für ihn. Er freut sich auf geregelte Arbeitszeiten und ein kontinuierliches Gehalt. Bevor er den Feinkostladen Nau-Kost ganz geschlossen hat, verkleinerte er seinen Laden im November 2023. Die Gründe: steigende Energiekosten infolge des Ukraine-Kriegs, mehr Miete, höhere Einkaufspreise und ein geändertes Kaufverhalten der Kundschaft. Der Betrieb lohne sich nicht mehr, sagt der Inhaber. Dazu kommt, dass er zu wenig Zeit für seine Frau Söngül und die drei Kinder bleibe, weil zum Betrieb unter der Woche noch ein Party-Service am Wochenende kommt.
Juli: Keine 2000 Magazine oder Zeitungen mehr in Pfuhl
16 Jahre lang führte Petra Trett das Schreibwarengeschäft in bester Lage am Dorfplatz in Pfuhl. Ihr Sortiment: 2000 Magazintiteln und Zeitungen, ein umfangreiches Schreibwarenangebot, Grußkarten, Spielsachen, Wolle, Dekoartikel und sogar Mehl. „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich nicht mehr Woche für Woche fünfeinhalb Tage hier drinstehen mag“, sagt die 59-Jährige. Nur drei Mal habe sie ihren Laden krankheitsbedingt nicht aufmachen können. Ansonsten war sie da, sommers wie winters, von Montag bis Samstag.
August: Eine Schöpfkelle zum Abschied
Eine versilberte Schöpfkelle als Andenken an das Traditionsgeschäft Pfetsch kauft eine Kundin bei Heidrun Rösch in Blaubeuren. Der Schlussverkauf fällt der 68-Jährigen nicht leicht: In den vergangenen Wochen seien ihr im Gespräch mit mancher Stammkundin schon die Tränen gekommen. Ihrem Geschäft in der Karlsstraße macht vor allem der Online-Handel zu schaffen. Trotz der guten Lage in der Altstadt hat sie zu wenig Kunden. Dafür sieht Rösch auch die Stadt in der Verantwortung. Denn der guten Lage zum Trotz fehlen die Parkplätze, eine Folge der Verkehrsberuhigung in der Karlsstraße sowie den neuen Parkgebühren in der Innenstadt.
Oktober: Wird Langenau zu einer Supermarkt-Stadt?
Aus persönlichen und gesundheitlichen Gründen beendet Franz Schwenck die 188-jährige Firmengeschichte des Eisenwarenhandels. In dem Geschäft konnte man zuletzt alles für den Haushalt kaufen: Kochtöpfe, Porzellan und Dekoartikel. Schwenck arbeitete lange Zeit als Vorsitzender des Gewerbe- und Handelsvereins (GHV). Dessen derzeitiger Vorsitzender Manuel Häge beklagt die Schließung dieser Langenauer Institution. Er ist unzufrieden mit der Entwicklung der letzten Jahre. Langenau sei zu einer „Supermarkt-Stadt“ geworden, in der die Bedürfnisse des Einzelhandels nicht mehr ausreichend wahrgenommen wurden.
Das Ende einer Deko-Ära
Beinah hätte Heidi Schöbel die 50 Jahre voll gemacht. Doch gesundheitliche Gründe hindern sie daran. „Mit 77 Jahren ist jetzt Schluss“, sagt sie. Über die Jahre hat sie einige Veränderungen durchlebt. „Ich bin mit der Zeit gegangen, war auf Messen, um die neuesten Trends zu sichten.“ Doch auch ihr setzte der Online-Handel zu: „Die jungen Leute heute kaufen alles im Internet. Früher war das anders – es war eine tolle Zeit in den 80er- und 90er-Jahren, aber dann wurde es immer schwieriger.“ Schöbel konnte den Laden nur alleine machen, für eine Aushilfskraft hat das Geld nicht gereicht, auch für Urlaub war kaum Zeit: „Ich war immer im Laden“, erinnert sie sich.
November: Nach fünf Generationen ist Schluss
„Wir sind die letzte Generation, die Welt verändert sich“, sagt Otto Fülle. Die letzte Generation von fünf. Für 118 Jahre war die Metzgerei in Senden im Besitz der Familie. Die letzten 34 Jahre führte Otto Fülle das Geschäft. Zuletzt zusammen mit seiner Ehefrau Luise, ohne weitere Mitarbeiter. Das bedeute „sechs Tage Arbeit und am siebten macht man dann die Verwaltung. Ich will noch was von meinem Leben haben, mit meiner Frau vereisen. Nach Köln, nach Berlin“, sagt der 61-Jährige. Auf die freie Zeit freuen sich die beiden: „Dann machen wir einen Schampus auf“, sagt Otto Füller.
Das Jahr 2024 im Rückblick
Unsere Autorinnen und Autoren blicken zurück: Das waren die großen Themen im Jahr 2024.
- Hochwasser: Wie die Wassermassen die Menschen im Land trafen
- Messerattacke: Die Tat von Mannheim schockt das ganze Land
- Industrie: Die Wirtschaft stottert wie ein alter Automotor
- Biberach: Am Aschermittwoch entgleist der Bauernprotest
- Einzelhandel: Das Jahr der Pleiten
- Fußball: Die Heim-EM und das Handspiel von Stuttgart
- Abschied: Diese bekannten Menschen aus Ulm sind 2024 gestorben
- Popjahr 2024: Taylor Swift, Adele und die Macht der Zahlen
- SSV Ulm: Ein Jahr für die Geschichtsbücher
- Kurios: Mit diesen seltsamen Einsätzen hatte die Polizei 2024 zu tun
- Aus und vorbei: Diese Traditionsbetriebe im Raum Ulm haben 2024 geschlossen
- 2024 als Quiz: Erinnern Sie sich an diese kuriosen Meldungen?
- Radsport: Florian Lipowitz fährt bei der Vuelta ins Rampenlicht
Empfehlung aus der Redaktion
Besuchen Sie unsere Themenseite und finden Sie dort weitere spannende Hintergrundgeschichten und Empfehlungen aus der Redaktion.








