Anschlag auf Shisha-Bar: Schüsse als Selbstzweck? Lange Haft für Plochinger Schützen

Nach Schüssen auf eine Plochinger Shisha-Bar vor rund einem Jahr fiel vor dem Landgericht Stuttgart nun das Urteil gegen die Schützen.
Kohls/SDMG/dpaSeit vielen Monaten herrscht ein brutaler Bandenkrieg im Stuttgarter Raum. Zwei verfeindete Gruppen schießen aufeinander, sie werfen eine Granate auf eine Trauergemeinde, nehmen lange Gefängnisstrafen in Kauf - und ihre Anhänger schweigen vor Gericht. Auch im Prozess um die Schüsse aus einem fahrenden Auto heraus auf eine Shisha-Bar im Februar 2023 in Plochingen sind Justiz und Ermittler den wahren Gründen für diese blutige Fehde nicht näher gekommen. „Ich weiß nicht, ob die These zu kühn ist, aber vielleicht wissen die beiden Gruppen selbst nicht mehr so genau, warum sie sich eigentlich über den Haufen schießen“, sagte die Richterin im jüngsten Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht. „Für viele mag das eine Art Selbstzweck geworden sein.“
Schüsse auf Plochinger Shisha-Bar: So lang sind die Haftstrafen
Unter anderem wegen versuchten Mordes verurteilte ihre Kammer den Plochinger Schützen und seinen Fahrer am Donnerstag (7.3.24) zu Haftstrafen von acht und fünfeinhalb Jahren. Die Tat soll eine Art Racheakt gewesen sein nach Schüssen auf ein ranghohes Mitglied der Gruppe, die auf der Achse Stuttgart/Göppingen aktiv ist und zu der die Täter gehören sollen. Am Tatort, einer neuen Shisha-Bar, hielten sich in der Nacht der Schüsse Anhänger der verfeindeten Esslinger Gruppe auf. „Wenn ein Schlag folgt, erfolgt in kurzer Zeit der Gegenschlag“, erklärte die Richterin die Motivation der Männer auf der Anklagebank. Die beiden 23-Jährigen nahmen die Urteile regungslos auf. Sie sind noch nicht rechtskräftig.
Tat war lange geplant
Die Tat sei „gezielt und von langer Hand geplant innerhalb der Bandenstruktur“, sagte die Juristin weiter. Die Beweise seien auch ohne die späten Geständnisse erdrückend gewesen. Es gibt GPS-Daten, Auswertungen von Handy-Nachrichten, es gibt etliche Zeugen und Aufnahmen einer Videokamera, Fingerabdrücke und Schmauchspuren.
Bei der Tat in den frühen Morgenstunden hatte der Wirt der Bar durch einen Streifschuss kurz vor Feierabend leichte Verletzungen erlitten, zwei weitere Gäste waren mit dem Schrecken davongekommen. „Wenn das Ergebnis ein anderes gewesen als ein Streifschuss, hätten wir hier im Prozess ein ganz anderes Ergebnis“, sagte die Richterin. Die angeklagten Männer - ein Grieche und ein Türke - waren wegen versuchten Mordes in drei Fällen und gefährlicher Körperverletzung angeklagt.
Der Hauptangeklagte hatte gestanden, Anfang April vergangenen Jahres aus einem Auto heraus ein halbes Dutzend Schüsse auf das Lokal abgegeben zu haben. „Das geht einfach gar nicht, im Vorbeifahren aus dem Hinterhalt auf ein Gebäude zu schießen, in dem sich Menschen befinden“, kritisierte die Richterin. Sein mutmaßlicher Komplize fuhr dabei nach eigenen Angaben das Auto.
Für ihn hatte die Anklagevertretung sieben Jahre und drei Monate Haft gefordert, seine Anwälte drei Jahre. Beim Schützen folgte die Kammer dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft, sein Anwalt hatte auf eine Freiheitsstrafe „um die fünf Jahre“ plädiert.
57 Verhaftungen in Verbindung mit Bandenkrieg
Die Tat soll Teil des seit Sommer 2022 tobenden Bandenkriegs im Raum Stuttgart sein. Bislang wurden nach Angaben des Landeskriminalamtes 57 Männer wegen Schüssen und Anschlägen im Rahmen der Bandenfehde verhaftet. Was sie alle antreibt, bleibt der Justiz ein Rätsel. „Wir gehen davon aus, dass die Gruppe Ihnen etwas verschafft hat, was Sie vorher nicht hatten“, sagte die Richterin am Donnerstag zu einem der Angeklagten. „Respekt und Anerkennung in einer Hierarchie.“


