Tiny-Haus-Quartier in Burgrieden
: Nicht nur was für junge Leute: Diese Rentnerin zieht ins Minihaus

Tiny-Häuser sind nicht nur was für junge Menschen. Barbara Sissoko ist Rentnerin. Sie wird eine der ersten Bewohnerinnen im ersten Minihaus-Quartier in Burgrieden-Rot (Oberschwaben) sein. Wir werden sie in einer losen Reihe immer wieder journalistisch begleiten.
Von
Alfred Wiedemann
Burgrieden-Rot
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  • Barbara Sissoko, Jahrgang 57, Rentnerin aus Unterschleißheim bei München, zieht in das erste Tiny-Haus-Quartier im Südwesten. An ihrem „Bauplatz“ in Burgrieden-Rot (Kreis Biberach).

    Barbara Sissoko, Jahrgang 57, Rentnerin aus Unterschleißheim bei München, zieht in das erste Tiny-Haus-Quartier im Südwesten. An ihrem „Bauplatz“ in Burgrieden-Rot (Kreis Biberach).

    Alfred Wiedemann
  • Die Rentnerin Barbara Sissoko zieht nach Burgrieden-Rot. Die Planung ihres Tiny Houses ist in vollem Gange.

    Die Rentnerin Barbara Sissoko zieht nach Burgrieden-Rot. Die Planung ihres Tiny Houses ist in vollem Gange.

    Alfred Wiedemann
  • Leben und arbeiten in einem Mini-Häuschen - das ist in Burgrieden bald möglich. Der Bau der Siedlung hat begonnen.

    Leben und arbeiten in einem Mini-Häuschen - das ist in Burgrieden bald möglich. Der Bau der Siedlung hat begonnen.

    Alexander Heinl
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Mehr als drei Jahre hat es gedauert, bis das erste große Quartier für kleines Wohnen in Baden-Württemberg starten konnte: Alle Vorschriften und Auflagen in Sachen Bauen, Umwelt und Infrastruktur mussten beachtet und erfüllt sein, Kommunalpolitik und Behörden ihren Segen geben. Im Dezember 2022 sagte der Gemeinderat von Burgrieden-Rot endgültig „Ja“. Inzwischen laufen die Erschließungsarbeiten auf dem 2,6 Hektar großen Gelände am Rand des Teilorts Rot zwischen Ulm und Biberach. 26 Plätze für kleine Modulhäuser aus Holz entstehen dort, keines bietet mehr als knapp 50 Quadratmeter Wohnraum.

Barbara Sissoko wird eine der ersten sein, die dort dieses Jahr noch ihr Minihaus beziehen wird. Mehr als drei Jahre hat sie gebangt und gehofft, dass das Vorhaben nicht scheitert. „Als ich von den Plänen für das Quartier gelesen und mich genauer damit befasst habe, war mir ziemlich schnell klar: So will ich leben, genau so!“

Barbara Sissoko, Jahrgang 1957, hat als Fremdsprachenkorrespondentin für Spanisch und Englisch gearbeitet, zuvor hatte sie eine Ausbildung zur Floristin gemacht. Die Idee, ein Tiny House zu beziehen, beschäftigt sie schon lange, „da reichen zehn Jahre nicht“. Mal mehr, mal weniger habe sie daran gedacht. „Nötig war, dass ich in Rente bin. Ich wollte dann frei sein, naturnah aufs Land, möglichst zurück in die Heimat, nach Baden-Württemberg.“ Das blieb stets im Hinterkopf. „Wenn es so sein soll, wird schon eines Tages ein Wink kommen.“

Tiny Häuser in Burgrieden – mit Nutzungsgebühr statt Grundstückskauf

„Kleiner Wohnen“ mit einer Pachtlösung, das suchte Sissoko. „Grundstückkauf und Hauskauf, das wäre zu teuer geworden.“ 2018 schaute sie intensiver im Internet. „Ich habe nach einem Tiny-Haus-Park gesucht, nach einer Community mit Gleichgesinnten, auch in meinem Alter, damit man Ansprache hat und sich gegenseitig austauschen kann“, sagt die Rentnerin. „Allein irgendwo in die Pampa wollte ich nie.“

Sie fand bei der Manufaktur Huchler die Pläne für Burgrieden-Rot. Zwei Dinge hätten sofort gestimmt: dass das Projekt in Baden-Württemberg ist, „zwar nicht im Remstal, wo ich aufgewachsen bin und meine Eltern begraben sind“, aber nicht allzu weit entfernt. Und auch, dass man sein Stück Land im Quartier nicht kaufen muss.

„Ich habe sofort Feuer gefangen, die Initiatoren angemailt und schnell eine freundliche Antwort bekommen.“ Sie ließ sich in den Verteiler für den Newsletter aufnehmen. Wo ist das Gelände, wie ist die Umgebung? Um das zu erkunden, ging es bald nach Oberschwaben. Auch ein schon fertiges, anderes Modulhaus der Manufaktur hat sie später besichtigt. „Mir hat alles sofort gefallen, es hat einfach alles gepasst.“

„Neue Wege gehen, das war mir immer wichtig“

Warum das Verkleinern, der Verzicht auf Wohnraum? „Ich war noch nie ein Herdentier“, sagt Barbara Sissoko, „der Aspekt des Umdenkens, das Gehen neuer Wege, das war mir immer wichtig, ein nachhaltiger Umgang mit der Welt, dafür habe ich immer gekämpft.“ Wer im Tiny Haus wohne, „der will was für die Umwelt tun, der ist innovativ, hat wahrscheinlich auch einen grünen Daumen und will Ressourcen schonen“. Da rechne sie im neuen Quartier mit vielen Gleichgesinnten. „Ich hoffe und wünsche mir, dass dann auch viel Gemeinsames möglich ist, dass man sich gegenseitig austauschen kann, dass man bei Problemen gerade als Ältere auch nicht allein sein wird.“

Auch der Verzicht auf Ballast sei ihr wichtig. „Ich lebe bewusst bescheiden.“ Das künftige Haus habe zwar nur knapp 50 Quadratmeter, „aber es hat genau die Größe, die ich brauche“. Auf den Krempel, der sich in größeren Wohnungen und im Keller ansammle, könne sie gut verzichten. „Ich will lieber mehr Wand sehen.“ Erst recht, wenn die aus Holz ist. Wie beim Tiny House eben: „Ich bin ein Holz-Fan, ich rieche gerne den Duft, gehe gern in den Wald.“

Langes Warten auf den Baustart

Das große Problem war zuletzt das lange Warten und die Unsicherheit, was aus dem Projekt in Burgrieden-Rot wird. „Ich bin sehr sensibel und geräuschempfindlich und wollte unbedingt weg aus Unterschleißheim“, das immer enger, hektischer und lauter geworden sei. Das Warten zog sich und zog sich. „Wir Interessenten sind ja immer informiert worden, aber es ging immer nur etappenweise voran.“ Mal Fortschritt, mal Funkstille. „Die Warterei war echt die Hölle!“

Barbara Sissoko hat durchgehalten, andere Interessenten sind abgesprungen. Sie suchten andere Plätze und Projekte für ihr Modulhaus. Als Ende März endlich offiziell der Baustart im kleinen Rot gefeiert wurde, war die künftige Bewohnerin dabei. „Die Vorfreude ist riesengroß.“

  • Demnächst geht es weiter: Welches Mini-Haus ist das richtige, welche Ausstattung braucht es?

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Vereine und Hersteller

Kleines Wohnen soll Ende Juni in der Karlsruher Messe groß herauskommen bei „New Housing 2023“. Laut Veranstalter ist das „Community-Treffen zu Kleinwohnformen jeglicher Art“ Europas größtes Tiny-House-Festival. Rund 50 Aussteller aus Deutschland und anderen Ländern präsentieren von 30. Juni bis 2. Juli Produkte und Dienstleistungen zum Thema Wohnen im Minihaus. Darunter sind bekannte Hersteller wie AL-KO und Schwörer-Haus oder auch Siemens. Mehr als 30 Tiny Houses können besichtigt werden. Auch der 2019 gegründete Tiny-House-Verband informiert an einem Stand und wird mit Vertretern von elf Vereinen vor Ort sein.

26 Plätze für naturnahes und minimalistisches Wohnen

Im Quartier in Burgrieden können mobile Tiny- oder Modulhäuser aufgestellt werden. Bis zu 35 sind auf den 26 Plätzen möglich – für „naturnahes, nachhaltiges und minimalistisches Wohnen auf kleinem Raum“, so die Initiatoren von der Tiny Manufaktur. Für die Häuser gelten Kriterien wie recycelbare und nachwachsende Rohstoffe, ausreichende energetische Dämmung, keine Heizung mit fossilen Brennstoffen und nur Punkt- oder Schraubfundamente.

Die Modulhäuser der Manufaktur beginnen mit einer Netto-Wohnfläche von 23 Quadratmeter bei 85 000 Euro (ohne Küche und Innenausstattung).

Die Plätze im Quartier können nicht gekauft werden, eine Betreibergesellschaft ist für das Quartier zuständig. Es fallen Nutzungsgebühren, Nebenkosten und anteilige Erschließungskosten an.