Berufe am Ulmer Gericht: Was macht eigentlich eine Staatsanwältin?

Jessica Granat im Gebäude der Staatsanwaltschaft Ulm, wenige Gehminuten vom Landgericht Ulm entfernt. Dort ist sie im Durchschnitt einmal die Woche bei Verhandlungen dabei.
Matthias Kessler- Erste Staatsanwältin Jessica Granat arbeitet seit neun Jahren in Ulm.
- Studierte in Augsburg, Entschluss zur Volljuristin fiel in Mailand.
- War Strafrichterin, wechselte nach Elternzeit zur Staatsanwaltschaft Ulm.
- Zuständig u. a. für Tier- und Umweltschutz; 60-Prozent-Stelle.
- Bearbeitet keine kinderpornografischen Verfahren; „Wahrheitsforschung“ und Neutralität.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Entscheidung fiel in Mailand. Jessica Granat traf dort den Entschluss, nicht nur Diplom-Wirtschaftsjuristin, sondern Volljuristin zu werden: Also auch das zweite Staatsexamen zu machen, ein Referendariat zu absolvieren und damit Berufe wie Rechtsanwältin, Richterin oder Staatsanwältin ausüben zu können. Sie studierte damals Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Uni Augsburg und machte in Mailand ein Praktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei. „Ich habe dort gemerkt, dass mein Herz mehr für das Recht als für die Wirtschaft schlägt“, erinnert sie sich. Das Gericht faszinierte sie – die altehrwürdigen Bauten, der Dünkel, der teils noch herrschte. „Ich fand das spannend.“ Auch sie selbst wollte dort irgendwann arbeiten.
Heute, 18 Jahre später, ist Granat tatsächlich regelmäßig am Gericht anzutreffen. Einmal die Woche ist sie als Staatsanwältin der Staatsanwaltschaft Ulm durchschnittlich bei Verhandlungen am hiesigen Amts- und Landgericht dabei. Ihr Ziel, Volljuristin zu werden, hat sie erreicht – einfach war es nicht immer. Nachdem die Entscheidung in Mailand gefallen war, holte sie Scheine nach und stieg voll ins Jurastudium ein. Vor dem ersten Staatsexamen bekam Granat ihr erstes Kind, vor dem zweiten Staatsexamen das zweite Kind. „Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass ich es schaffe“, sagt sie im Rückblick. Doch sie schloss mit einer überdurchschnittlichen Staatsnote ab.
Zur Person
Jessica Granat ist Erste Staatsanwältin und stellvertretende Abteilungsleiterin einer der Ermittlungsabteilungen bei der Staatsanwaltschaft Ulm. Dort hat sie eine 60-Prozent-Stelle. Sie hat 2011 ihr Diplom in Wirtschaftsjura erlangt, 2013 ihr erstes und 2015 ihr zweites Staatsexamen abgeschlossen. In ihrer Abteilung ist sie unter anderem für die Themen Tierschutz und Umweltschutz zuständig. Die Tage am Gericht sind für sie das „Salz in der Suppe“ – sie ermöglichen ihr unter anderem, sich zusätzlich zur Aktenlage selbst eine Meinung zu bilden.
Vom Gericht zur Staatsanwaltschaft
Eine Karriere als Anwältin kam für sie nicht infrage – 60-Stunden-Wochen und Auslandsreisen waren mit zwei Kindern nicht vereinbar. Die Justiz zeigte sich wesentlich familienfreundlicher. Granat bewarb sich in Ulm und bekam innerhalb einer Woche eine Zusage: Sie startete als Strafrichterin am Amtsgericht Ulm. Ein guter Einstieg, „denn das Strafrecht ist eine zugängliche Rechtsmaterie mit griffigen Sachverhalten“. Aber auch eine Herausforderung: Durch die richterliche Unabhängigkeit konnte sich Granat ihre Arbeitszeit zwar flexibel einteilen. „Aber man ist auch komplett auf sich alleine gestellt“, sagt die 40-Jährige aus dem Landkreis Neu-Ulm. Entsprechend ungewohnt war für sie die Arbeitsweise bei der Staatsanwaltschaft Ulm, wohin sie nach der Elternzeit für ihr drittes Kind wechselte. Dort müssen Anfänger von ihren Vorgesetzten anfangs alles abzeichnen lassen, berichtet sie. „Ein strafferes Korsett.“
Aber ihr gefiel die Arbeit bei der Staatsanwaltschaft, die vielfältiger sei als am Gericht. „Man ist näher an den Verfahren dran“, sagt die Juristin. Täglich landen zig Anzeigen von Privatpersonen, der Polizei oder Anwälten bei der Behörde. Granat und ihre Kollegen entscheiden, ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird – und schlussendlich auch, ob Anklage erhoben wird oder nicht. „Wir sind dabei zur Neutralität verpflichtet“, erklärt die 40-Jährige. Heißt: Nicht nur belastende, sondern auch entlastende Umstände werden ermittelt. „Wahrheitsforschung“ nennt Granat das. Als Staatsanwältin gehört es auch zu ihren Aufgaben, der Polizei Anweisungen zu geben, Eilanträge für Durchsuchungen oder Observationen zu stellen, und Tatorte und Obduktionen zu besuchen. Beim Großteil der Fälle handelt es sich aber nicht um Kapitalverbrechen, sondern um Delikte wie Körperverletzungen, Geldwäsche oder Betrug.

Jessica Granat ist stellvertretende Abteilungsleiterin einer der Ermittlungsabteilungen bei der Staatsanwaltschaft Ulm.
Matthias KesslerViel menschliche Tragik
Sieben Verfahren muss eine Vollzeitkraft bei der Staatsanwaltschaft Ulm pro Tag durchschnittlich erledigen – die Zahl ist deutlich gestiegen. Entwicklungen wie KI oder Kryptowährung machen die Verfahren außerdem aufwendiger als früher. „In wenig Zeit muss man viel Masse bewältigen“, sagt die Staatsanwältin. Eine persönliche Grenze zieht die dreifache Mutter bei sogenannten kinderpornografischen Verfahren, die sie nicht bearbeiten möchte. „Die Bilder machen etwas mit der Seele.“
Vor Gericht bekommt Granat viel menschliche Tragik mit. Auch Mordanklagen gehören dazu, etwa gegen einen Mann aus Munderkingen, der seine 91-jährige Mutter fast mit einem absichtlich gelegten Brand tötete. Granat möchte den Glauben an die Menschheit dennoch nicht verlieren. In jedem Täter sieht sie auch den Menschen. „Es geht auch darum, was die Person braucht, um nicht mehr straffällig zu werden. Muss eine zweimonatige Haftstrafe wirklich sein, wenn sie dafür ihren Job verliert?“ Ihr christlicher Glauben hilft der Staatsanwältin, mit der Verantwortung umzugehen, die ihr Beruf mit sich bringt. „Ich versuche hier mein Bestes, aber ich weiß, dass ich nicht die letzte Instanz bin.“
„Am Gericht“
In der SWP-Artikel-Serie „Am Gericht“ stellen wir in loser Reihenfolge Menschen vor, die aufgrund ihres Berufs am Gericht anzutreffen sind: vom Rechtsanwalt bis zur Gutachterin. Sie stellen ihre Tätigkeit vor und erklären, was sie im Berufsalltag machen – auch, wenn sie gerade nicht in Prozessen anwesend sind.
- Jessica Granat: Was macht eigentlich eine Staatsanwältin?
- Andreas Küthmann: Als psychiatrischer Gutachter untersucht er Täter
- Julia Kühn: Die Strafrichterin möchte die Wahrheit herausfinden
- Carolin Baur: Als Justizfachangestellte ist sie die rechte Hand der Richter
- Malte Bamberg: Er analysiert DNA-Spuren von Tatorten
- Jonathan Keup: Was unterscheidet einen Zivil- vom Strafrichter?
- Simon Wahl: Als Rechtspfleger vollstreckt er die Urteile der Richter
- Wie eine junge Gerichtsvollzieherin am Amtsgericht Ulm arbeitet
- Daniela Eickelpasch: Sie macht ihr Rechtsreferendariat am Landgericht Ulm
- Corinna Nagel: Die Anwältin hat Eces Mörder und andere Angeklagte verteidigt
Empfehlungen aus der Redaktion
Besuchen Sie unsere Themenseite und finden Sie dort weitere spannende Hintergrundgeschichten und Empfehlungen aus der Redaktion.
