B10-Erneuerung Ulm: Führung beim Mega-Kran: „So eine Maschine musch Du mit em Hintern fahra“

Kranführer Peter Stricker behält auch dann den Überblick, wenn tonnenschwere Kräfte am gigantisch großen Liebherr LR 11.000 ziehen.
Matthias Kessler- Fünf Besucher ersteigern Baustellentour zum XXL-Kran zugunsten Aktion 100 000
- Besuch beim Liebherr LR 11.000 („Großer Emil“) und Führung durchs Werk Ehingen
- 2514,83 Euro Erlös; Höchstgebot 525 Euro von Walter Mödinger
- Kranführer Peter Stricker (62) arbeitet in 12-Stunden-Schichten; Wind ist größte Gefahr
- 52 Brückenteile gehoben; „Kleiner Emil“ hilft beim Auf‑/Abbau; Rückkehr in 1–2 Jahren geplant
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es ist laut, es staubt und die Erde vibriert. Fünf Männer in Warnwesten und mit Bauhelmen folgen Gerhard Fraidel, Projektleiter der B10-Erneuerung, unbeirrt über die Großbaustelle bei Ikea. Da steht er! Raupengittermastkran LR 11.000, das Liebherr-Mega-Gerät mit 1000 Tonnen Traglast, zwei Auslegern und einem Derrick-Mast in der Mitte. Ausgefahren ist der feuerwehrrote Gigant 130 Meter hoch. Kran-Enthusiasten nennen ihn kumpelhaft den Großen Emil, frei nach seinem Betreiber, der St. Gallener Baufirma Emil Egger.
Die fünf Männer sind für den guten Zweck unterwegs. Sie haben bei der von Fraidel initiierten Ticket-Versteigerung zugunsten der Aktion 100 000 und Ulmer helft insgesamt 2.514,83 Euro bezahlt, um dem Großen Emil ganz nahe zu sein. Mit 525 Euro Meistbietender war Walter Mödinger. Er ist schon vor der Tour über die Baustelle hin und weg. „Allein die wunderbare Führung bei Liebherr war das Geld wert. Ich habe das Nützliche mit dem Sinnvollen verbunden“, sagt er begeistert. Die Liebherr-Geschäftsführung hatte zusätzlich eine Führung durchs Ehinger Werk mit dem früheren Konstruktionsleiter Hans-Dieter Willim, spendiert – Mittagessen inklusive.
Fraidel und sein Gefolge sind direkt am Kran angekommen. Gleich können die ersten Besucher über die 16 Metallstufen zur Kabine hinauf, etwa sechs Meter über dem Boden. Dort sitzt – diverse Bildschirme vor sich, drei Joysticks neben sich und vier Fußpedale unter sich – Kranführer Peter Stricker. Er arbeitet von morgens 8 Uhr an in einer Zwölf-Stunden-Schicht, um 20 Uhr löst ihn ein Kollege ab. Dem 62-jährigen St. Gallener mit dem knitzen Blick wird höchste Konzentration abverlangt, geht es bei seinen Entscheidungen um tonnenweise Abbruchmaterial und die Sicherheit der Menschen auf der Baustelle. „Das Wetter ist der größte Feind für mich“, sagt er und meint damit vor allem den Wind. Den Ulmer Nebel nimmt er dagegen mit Schmunzeln. „Ich habe von der Kabine aus einmal nicht mehr den ganzen Ausleger gesehen. Da kommt die Flasche dann aus dem Nebel raus“, sagt er. Ein Bildschirm zeigt an, dass die Distanz zur Last am Haken 107,9 Meter beträgt, ein anderer offenbart das Gewicht der Last. Es sind 77 Tonnen. Da geht jedoch weit mehr: Bis zu 480 Tonnen haben die 52 Einzelteile der alten Wallstraßenbrücke gewogen.

Spendeten und genossen eine Spezialführung (v.l.): Rainer Müller, Ulrich Eberle, Walter Mödinger, Mathias Vormelcher und Richard Huber.
Matthias KesslerSteckbrief Peter Stricker
Kranfahrer Stricker (62) lebt in St. Gallen. Bereits als Kind hatte er eine Begeisterung für Maschinen verschiedenster Art. Er ist gelernter Schlosser, verheiratet, hat zwei Kinder (30 und 33) und zwei Enkel (3 und 6). In seiner Freizeit setzt er sich gerne aufs E-Mountainbike und erobert damit die Berge. In zwei Jahren will er in Rente gehen.
Jetzt kann der nächste Besucher in die Kabine. Rainer Müller quetscht sich neben Stricker. Sogar in Remshalden ist die Möglichkeit der Sonderführung angekommen! Müller führt dort eine Firma für Forstwirtschaft und Baumfällarbeiten. Er sitzt selbst in Kränen und zeigt Stricker auf dem Handy Fotos seiner Aufträge. Stricker und Müller sind sich einig, dass zum Kranfahren Gefühl gehört. „Alle Sinne sind wichtig. Ich höre sofort, wenn eine Winde weniger schnell läuft“, sagt der Schweizer. Der Remstäler meint: „So eine Maschine musch Du mit em Hintern fahra.“ Es kommt die Sprache aufs Gehalt. „Manche Kranfahrer bekommen so viel wie ein Lastwagenfahrer. Des kann doch ned sein“, schimpft Müller.
52 Brückenteile gehievt
Auch bei Gerhard Fraidel geht es um Zahlen. Er berichtet, dass die Wallstraßenbrücke in 52 Einzelteile zerlegt worden sei, wovon 32 dicke Brocken der Große Emil abgetragen habe und 20 weitere Teile der Kleine Emil. Mit letzterem meint Fraidel den Liebherr-Teleskop-Mobilkran LTM 1650- 8.1. Und er hat eine Überraschung parat. „Den schauen wir uns jetzt auch noch an.“
Unter den Augen des Sicherheitspersonals geht es über die stillgelegten Bahngleise rüber Richtung Kienlesberg, wo Jonas Bösch, der Kranführer des Kleinen Emils, für die Besucher eine Seilsäge an den Haken nimmt. „Der Kleine Emil ist sehr wichtig beim Auf- und Abbau des Großen Emils“, betont Fraidel auf dem Rückweg zum großen Emil. Es fängt zu dämmern an. Die Fachgespräche wollen nicht abreißen. „Mit vorgeneigtem Hauptmast und Wippe hätte er vielleicht ein bisschen mehr Zug“, kommentiert Hans-Dieter Willim eine Aktion von Peter Stricker. Willim kennt den großen Emil aus dem Effeff: „Der ist unter meiner Fuchtel konstruiert worden.“
„Idiot mit den krummen Zahlen“
Über Konstruktionen denkt auch Software-Ingenieur Mathias Vormelcher nach. Er vergleicht den Aufbau von Software mit dem von Bauwerken. Vormelcher ist von der Baustelle fasziniert, war mit seiner Familie erst kürzlich da. Sein Ticket für die Spezial-B10-Baustellenführung ist ein Geschenk seiner Frau. Er muss lachen. „Ich habe das Ergebnis der Auktion gesehen und dachte, welcher Idiot hat da so krumme Zahlen ausgesucht.“ Dabei hätte ihm auffallen können, dass sein Geburtsjahr 1983 zum Teil in den 483,83 Euro enthalten ist.

Die Kabine des Liebherr-LR 11.000 befindet sich nicht hoch oben im Mast, sondern wenige Meter über der Erde.
Matthias KesslerNach drei Stunden Exklusiv-Exkursion hat die Dunkelheit den Großen wie den Kleinen Emil umhüllt. Von den Abbruchbaggern mit den rhythmisch schlagenden Hydraulikhämmern ist nichts mehr zu hören. Auch der Muldenkipper, die Walze und der Teleskop-Stapler haben sich verzogen. Die Ikea-Leuchtreklame und die Reflektoren der Westen lassen einen Hauch Baustellenromantik aufkommen. Für die beiden Emils ist die Zeit in Ulm bald vorbei. Sie werden abgebaut. Doch sie kommen in ein oder zwei Jahren wieder. „Dann gibt’s hoffentlich wieder eine Führung“, sagt Müller.„Mei Jonger will die Krana unbedingt au mal seah.“
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