Auswirkungen des Reaktorunfalls in Tschernobyl 1986: Eine Chronik der Ereignisse in Tübingen nach dem Super-GAU

Der Gemüsehändler Helmut Palmer will auf dem Tübinger Wochenmarkt beweisen, dass Freiland-Rhabarber ungefährlich ist und verspeist die strahlenverseuchten Stangen öffentlich.
Ulrich Metz/Archiv- Nach der Tschernobyl-Explosion 1986 erreichten Warnungen Tübingen erst nach drei Tagen.
- Ab Mai verbot das Land frisches Freilandgemüse, Jodtabletten waren schnell ausverkauft.
- Messungen ergaben erhöhte Werte in Boden, Gras und teils in Gemüse – Milch meist unbedenklich.
- Spielplätze waren belastet, Kinder sollten nicht draußen spielen, Wasserquellen wurden umgestellt.
- Werte sanken schrittweise: Verkauf von Gemüse und Spielen draußen wurden wieder erlaubt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Am 26. April 1986 explodierte um 23.23 Uhr der Kernreaktor des Atomkraftwerks Tschernobyl. Erst drei Tage später kam die Nachricht in Westdeutschland an. Und ließ zunächst niemanden befürchten, dass die riesige Menge an freigesetzter Radioaktivität auch hier Auswirkungen haben würde. Was den damaligen Chefredakteur des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs Christoph Müller bewegte, war die Frage, ob sich denn die Tübinger Atomkraftgegner nun bestätigt sehen. Der Arzt Horst Quenzer, den Müller befragte, sagte: „Ich glaube, dass wir selber mit diesem Unglück in der Sowjetunion gar nichts Besonderes anfangen können.“ Er täuschte sich.
1. Mai: Der Wind dreht sich und bläst die radioaktive Luft in den Westen. Beim Tübinger Gesundheitsamt erkundigen sich besorgte Eltern nach Sicherheitsvorkehrungen und nach Schutzräumen. Die Jodtabletten in den Tübinger Apotheken sind ausverkauft. Das Landratsamt sieht nach wie vor keine Gefahr für die Bevölkerung im Südwesten.
5. Mai: Die Landesregierung verbietet den Verkauf von frischem Gemüse, und die Polizei überprüft alle Wochenmärkte, auch den in Tübingen. Der Gemüsehändler Helmut Palmer (der Vater des jetzigen Oberbürgermeisters Boris Palmer) demonstriert auf dem Tübinger Wochenmarkt durch das öffentliche Verspeisen von Freiland-Rhabarber, dass dieser ungefährlich sei. In den Mensen gibt es Dosengemüse. Viele Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr im Sand spielen.

Im Strahlenlabor der Universität Tübingen wurden Tag und Nacht Lebensmittel, Gras und Sand auf ihre Strahlenwerte untersucht.
Ulrich Metz/Archiv6. Mai: Die Tübinger Landtagsabgeordneten Gerd Weimer (SPD), Hinrich Enderlein (FDP) und Fritz Kuhn (Grüne) kritisieren die „völlig chaotische, kopflose Informationspolitik“ der CDU-Landesregierung. Die Wasserversorgung in Rottenburg und Tübingen wird umgestellt auf die Entnahme aus Tiefenbrunnen. Das Wasser wird mit Aktivkohle versetzt, um die Bequerel-Werte zu reduzieren.
7. Mai: Das SCHWÄBISCHE TAGBLATT bietet eine Telefonaktion an: Den ganzen Tag über rufen Leser einen der acht Experten zu verschiedenen Aspekten an – zur Strahlendosis und ihren Auswirkungen, zur Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke, darüber, ob man noch frische Milch trinken und frisches Gemüse essen darf, wie Jodtabletten wirken, zum Verhalten bei Reaktorunfällen, zu Schutzmaßnahmen in der Republik und in Tübingen und zum Aufenthalt im Freien. Einer der Experten, ein Arzt, kommt nicht. Er hat einen Maulkorb bekommen. Mehr als 1000 Menschen rufen an, nur 250 kommen durch.
8. Mai: Eine Medizinergruppe der Uni Tübingen misst „rund um die Uhr“, wie das TAGBLATT schreibt, Strahlenwerte eingelieferter Proben. Sie stellen fest: Gemüse, der Boden und das Gras haben zu hohe Werte. Milch aus dem Tübinger Milchwerk und Muttermilch sind unbelastet.
Bebenhausen wird von der Wasserversorgung abgeschnitten, weil sich die Werte der Schönbuchquellen über Nacht extrem erhöht hatten. Das Dorf bekommt Bodenseewasser aus einer 1100 Meter langen Notleitung von Waldhäuser Ost. In den Supermärkten decken sich die Menschen mit Mineralwasser und Säften ein.
9. Mai: Die Tübinger Genetik-Professorin Vera Hemleben rät davon ab, draußen Fußball zu spielen. Sie hat bei Fußballschuhen und einem Ball eine erhöhte Strahlung festgestellt. Beide waren im Reutlinger Kreuzeichestadion im Einsatz.
12. Mai: Der Tübinger Oberbürgermeister Eugen Schmid gibt die Strahlenbelastung von Sand und Gras auf Kinderspielplätzen und in Sandkästen von Kindergärten bekannt. Sie liegen alle über dem zulässigen Richtwert von 0,37 Becquerel pro Quadratzentimeter. Gras ist stärker belastet als Sand. Am stärksten belastet ist das Gras auf dem Spielplatz in der Dorfackerstraße.
13. Mai: Den Bauern, denen empfohlen wird, ihre Kühe nicht mit Grünfutter, sondern mit Heu zu füttern, geht langsam das Heu aus.

Auf dem Marktplatz demonstrieren am 17. Mai 1986 rund 5000 Menschen gegen Atomkraft.
Manfred Grohe16. Mai: Rund 5000 Menschen demonstrieren auf dem Tübinger Marktplatz gegen Atomkraft. Die meisten haben Regenschirme aufgespannt.
17. Mai: „Strahlenwerte sinken weiter“, verkündet das TAGBLATT. Dennoch sollen Salat und Spinat vom Freiland nicht gegessen werden. Wegen dieser guten Nachricht bekommen Kühe wieder Grünfutter und auch Gemüse darf wieder verkauft werden.
23. Mai: Kinder dürfen in den Kindergärten wieder draußen spielen, denn die Strahlenbelastung ist weiter gesunken. Auch Wasser, Milch und Gemüse sind wenig belastet. Nur im Klärschlamm wurden erhöhte Werte gemessen. Die Menschen kaufen trotzdem keinen Salat.
Tschernobyl war überall – auch in Tübingen
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bewegte im Frühjahr 1986 mit etwas Verspätung auch die Menschen in der Region. Wir erinnern daran in den folgenden Artikeln:
- Eine Chronik der Ereignisse in Tübingen nach dem GAU
- Chaos auf den Wochenmärkten – und „ratlose Hausfrauen vor Salat und Spinat“
- Ukrainische Mutter erinnert sich an GAU: „Ich wollte meine Kinder schützen“
- Entwarnung für Pilze und Wild aus dem Rammert
- Ein strahlender Frühling mit Milchpulver und Sandkastenverbot
10. Juni: Das TAGBLATT meldet, dass Tübinger Trockenmagermilch bestellen können. Das nahmen die Tübinger gerne an: Einen Tag später wurden fünf Tonnen des Pulvers bestellt. Es handelt sich um eine private Aktion.
11. Juni: Das Tübinger Landratsamt gibt den Jägern grünes Licht. Nach Messungen des Strahleninstituts der Uni Tübingen ist Wildfleisch wenig belastet.
19. Juni: Über die Hälfte der an der Uni Tübingen lehrenden Naturwissenschaftler plädieren in einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl für eine andere Energiepolitik.

Rund 100 Menschen holen auf dem Kelternplatz Trockenmilchpulver ab.
Manfred Grohe29. Juni: Die Trockenmilch ist da. Gut hundert Menschen, die einen Sack bestellt haben, holen das Pulver auf dem Kelternplatz ab.
4. Juli: „Die Träuble sammeln Caesium an“, schreibt das TAGBLATT. Viele Kleingärtner würden sich beim Tübinger Umweltamt melden. Doch Proben kann man nur in einem Reutlinger Privatlabor abgeben und messen lassen. Das Tübinger Amt für öffentliche Ordnung ließ im Medizinischen Strahleninstitut messen. Das Ergebnis: Erdbeeren sind kaum belastet, und wenn, reicht es aus, sie zu waschen. Kirschen sind ebenfalls unbedenklich. Johannisbeeren dagegen – diese misst der Reutlinger Laborarzt Rudolf Seuffer – sind stark belastet. Das TAGBLATT veröffentlicht fortan täglich die aktuellen Strahlenwerte von Lebensmitteln. Sie gehen beständig zurück, außer bei Waldpilzen und Rehfleisch.

Schokohasen der Firma Klett warten auf die Strahlenuntersuchung.
Ulrich Metz17. April 1987: Das TAGBLATT lässt Schokoladenosterhasen der Nehrener Firma Klett auf Strahlenbelastung untersuchen. Das Ergebnis: „Mit sechzehn Becquerel strahlt das in einem Kilogramm Hasen-Bröseln enthaltene Caesium – das österliche Osterhasen-Schlachten gehört also zu den vergleichsweise harmlosen Feiertagsaktivitäten.“
Caesium und Becquerel
Caesium 137 ist ein radioaktives Isotop. Es hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren, das heißt, nach 30 Jahren hat es sich auf die Hälfte reduziert. Gemessen wird der radioaktive Zerfall in Becquerel. Dabei entspricht ein Becquerel dem Zerfall in einer Sekunde. Nach dem GAU (größter anzunehmender Unfall) in Tschernobyl haben auch heute noch Wildfleisch und wild wachsende Waldpilzen erhöht.