Gesundheitskolumne: Herz & Hirn: Unser Körper lügt nicht

Unser Körper sendet uns Signale, die mit unserer Gefühlswelt zu tun haben.
stock.adobe.comIch erinnere mich sehr gerne an das Sofa im Wohnzimmer meiner Großeltern, auf dem ich als Jugendlicher gelegen und in liebevoller Umgebung Bücher aus deren kleiner Bibliothek gelesen habe – wenn ich daran denke, spüre ich ein warmes, gutes Gefühl in der Magengegend. Einige Jahre später ... ein junger Mann fühlt sich zu einer jungen Frau hingezogen, die er ganz neu kennengelernt hat, und spürt sofort das berühmte „Kribbeln im Bauch“. Ähnlich geschieht es auch bei negativen Themen: Ein 57-jähriger tüchtiger Handwerker erfährt, dass sein Arbeitsplatz in Gefahr ist, und klagt in den folgenden Wochen über Rückenschmerzen und Durchschlafstörung, die trotz Behandlung nicht verschwinden wollen. Eine 50-jährige Frau trauert um ihren verstorbenen Ehemann, und wenn sie Jahre später sein Bild nur kurz anschaut, ist da sofort wieder ein Druck- und Schweregefühl auf der Brust. Und noch etwas aus dem Alltag: wir gehen immer wieder in Räume, in denen schon mehrere andere Menschen versammelt sind, und fühlen uns dabei manchmal – wenn wir darauf achten – körperlich sofort gelöst und entspannt, manchmal aber auch sofort innerlich angespannt und „auf der Hut“.
Was ist diesen Situationen gemeinsam? Unser Körper reagiert manchmal, bevor oder ohne dass wir selbst ein bewusstes Gefühl wahrnehmen. Oft „spricht“ nur unser Körper zu uns – und es tut scheinbar „einfach so“ etwas weh. Häufig bringen wir das dann aber nicht mit einer auslösenden Situation in Verbindung.
Wie kommt das?
Die moderne neurobiologische Forschung erklärt, was schon viele weise Großmütter wussten:
1. Gefühle machen den Kern unseres Erlebens und unseres Bewusstseins aus. Gefühle haben die Funktion, uns zu helfen, eine Reihe von grundlegenden persönlichen Bedürfnissen zu erfüllen. Hierzu gehören nach Lichtenberg das Bedürfnis nach Erfüllung physiologischer Erfordernisse (Hunger, Durst, Schlaf…), nach Zugehörigkeit und Verbindung zu anderen Menschen, nach Erkundung und Selbstbehauptung bzw. Selbstwert, nach Abwehr unangenehmer Reize, und das Bedürfnis nach körperlichem Wohlbefinden und sinnlicher Freude. Um als Mensch gesund zu bleiben, sollten unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sein bzw. im Gleichgewicht miteinander stehen. Negative Gefühle signalisieren oft, dass wir wesentliche Bedürfnisse vernachlässigt haben und wieder aktiv werden müssen, um unser persönliches Gleichgewicht zu finden. In diesem Sinne zählt z.B. auch Hunger neurobiologisch zu einem sehr körpernahen „Gefühl“: Hunger zeigt einen Mangel an und ein Bedürfnis nach Nahrung. Wir müssen dann etwas tun, nämlich essen, um dieses grundlegende Bedürfnis zu befriedigen. Eine ähnliche Signalfunktion gilt z.B. auch bei negativen Gefühlen wie Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit („mir fehlt etwas“). Ärger signalisiert oft, dass ein Mensch seine persönlichen Grenzen als verletzt bzw. nicht respektiert empfindet. Weitere Beispiele könnten hier noch aufgezählt werden. Aber es gibt auch eine Schwierigkeit:
2. Gefühle (gerade auch Ärger) äußern sich oft nicht direkt als bewusstes emotionales Befinden, sondern drücken sich häufig nur körperlich aus. Dies geschieht z.B. in Form von Rückenschmerzen, Magen-/Darmbeschwerden oder Erschöpfung, oder sie verstärken vorbestehende körperliche Erkrankungen (etwa bei Migräne, Bandscheibenvorfall). Über 90 Prozent aller aktuell empfundenen Gefühle bleiben so „unbewusst“, das heißt wir erkennen sie nicht. Dies können wir aber ändern, wenn wir auf unseren Körper achten und uns dafür interessieren, wieso sich plötzlich bestimmte Körperempfindungen melden. Wenn Menschen in einer solchen Situation nicht versuchen, die emotionale Ursache für die körperlichen Beschwerden zu suchen und bezogen darauf etwas im Leben konkret zu ändern, können körperliche Missempfindungen, wie zum Beispiel Schmerzen, chronisch werden. Ca. 50 Prozent aller Patienten beim Hausarzt sind von diesen Zusammenhängen betroffen. (Und klar: gerade, wenn so etwas länger anhält, sollte auch ein Arzt konsultiert werden.)
Unser Körper lügt nicht, sagte sinngemäß der Heidelberger Internist und Psychosomatiker Viktor von Weizäcker schon in den 1950er Jahren. Die ganz aktuelle Forschung kann dies heute belegen. Wir sollten uns fragen: könnte es einen tieferen Sinn haben, dass ein Körpersymptom gerade jetzt auftritt? Wenn wir uns hier ein bisschen sensibilisieren, kann dies in verschiedensten Lebensfragen sehr hilfreich für persönliche Entscheidungen sein.
