Gesundheitskolumne: Mit Herz und Hirn: So unterstützen Sie Frühlingsgefühle

Aktives Zuhören verstärkt positive Gefühle beim Gegenüber
Lustre Art Group - stock.adobe.comDer Hauptbahnhof Ulm an einem Frühlingsmorgen: Menschen eilen, Koffer rollen, Lautsprecherdurchsagen. Dann plötzlich – zwei Personen erkennen sich, bleiben stehen, lächeln, umarmen sich. Ein kurzer Augenblick, der alles innehalten lässt, als hätte die Welt verstanden, worum es geht: Begegnungen.
Wenn im April die Sonne scheint und alles heller klingt, kribbelt es nicht nur in der Luft, sondern auch in uns – wir erleben „Frühlingsgefühle“. Vielleicht ist das kein jahreszeitliches Phänomen, sondern die Erinnerung daran, wie sehr unser Leben davon lebt, geteilt zu werden.
Der Philosoph Michael Zichy macht es konkret mit seiner Teilhabetheorie: Sinn entsteht am intensivsten, wenn wir anderen wichtig sind – nicht aus Berechnung, sondern weil man füreinander gut ist, weil man einander die Mühe wert ist. Es geht dabei nicht um die Suche nach Anerkennung, sondern um ehrliches Interesse aneinander. Am deutlichsten spüren wir das im Verliebtsein: Wir fühlen uns gesehen, gebraucht, verbunden.
Sinn entsteht, wenn wir anderen wichtig sind
Sinn ist kein Privileg der Liebe, sondern eine Qualität jedes echten Miteinanders. Guter Rückhalt in der Familie, Hilfe von Freundinnen in einer Krise, Kolleginnen, die Rückhalt geben, Nachbarn, die sich unterstützen – all das sind Formen gelebter Teilhabe.
Die Psychologin Tatjana Schnell hat herausgefunden: Menschen, die Sinn in mehreren Lebensbereichen erfahren – Arbeit, Beziehung, Engagement – sind psychisch widerstandsfähiger. Sinn wirkt wie ein seelisches Immunsystem. Wer etwas beiträgt und gleichzeitig eingebunden ist, bleibt stabiler, zufriedener, gesünder. Als besonders sinnstiftend hat sich Generativität herausgestellt: das bedeutet, etwas für kommende Generationen zu tun: zum Beispiel für die Kinder, oder Enkel, oder für Schüler (zum Beispiel Vorlesen…). Bei solchen Aktivitäten blüht die Psyche auf. Vielfältige Sinnquellen wie Familie, Hobbys oder ehrenamtliches Engagement puffern Belastungen ab – das sind Fakten aus Schnells Studien.
Auch die Harvard Grant Study belegt: Tiefe Bindungen schützen besser als Geld vor Erkrankungen und frühem Tod. Dabei zählt Qualität: Drei echte Freunde lindern Stress wirksamer als 100 Likes.
In diesem Sinn kann man „Frühlingsgefühle“ als mehr als Verliebt-Sein einordnen. Sie erinnern uns daran, dass Leben dort aufblüht, wo wir einander wichtig werden. Lächeln Sie jemanden an, üben Sie Zuhören. Sinn durch Beziehungen macht gesund und lebendig.
So unterstützen Sie Frühlingsgefühle:
1. Aktives Zuhören: Legen Sie Ihr Handy weg, wenn jemand Ihnen etwas erzählt, und sehen Sie Ihr gegenüber an. Probieren Sie mal aus, dem anderen Gesprächsraum zu geben, indem Sie nicht sofort etwas sagen, nachdem Sie eine Frage gestellt haben. Versuchen Sie, drei Sekunden Gesprächspause auszuhalten und erkunden Sie, was vom Anderen kommt.
2. Neugierig für die Sicht des oder der Anderen, auch wenn´s schwer fällt: Versuchen Sie in Konfliktsituationen einen weiten Blick zu bekommen und neugierig zu werden auf die Sicht Ihres Gegenübers. Fragen wie: „Was war da mit Dir los?“, oder „Was hat Dich bewegt?“, oder „Was ging da in Dir vor?“, können helfen, diese Haltung einzunehmen.
3. Wertschätzung üben: Üben Sie positive Dinge an anderen wahrzunehmen. Indem Sie sich z.B. vornehmen 5 positive Dinge an Partner oder Partnerin, anderen Familienmitgliedern oder Arbeitskollegen wahrzunehmen. Allein das Nachdenken wird Sie bereits verändern. Wenn Sie so weit gehen, jemandem etwas Positives zu sagen, dann setzt das Oxytocin frei, was Bindung stärkt und besonders gut für Ihre Herzmuskeln ist – und für die Ihres Gegenübers.
Von Eva Rothermund-Nassir