App „Yeswecan-cer“ Krebs: So besiegte ein junger Ulmer die Krankheit

Norman Roßberg (rechts) mit TV-Moderator Joko Winterscheidt beim Riem Arcaden Run in München – ein Lauf zugunsten der Bayerischen Krebsgesellschaft.
Norman Roßberg (rechts) mit TV-Moderator Joko Winterscheidt beim Riem Arcaden Run in München – ein Lauf zugunsten der Bayerischen Krebsgesellschaft. © Foto: Privat
Ulm / Iris Humpenöder 12.02.2019
Norman Roßberg hat sich nach der Diagnose „Blutkrebs“ in den Alltag zurückgekämpft. Und die App „Yeswecan-cer“ mitentwickelt.

Gerade kommt er aus Berlin zurück. Als „Mutmacher“ saß Norman Roßberg bei einer Buchvorstellung auf dem Podium. Es ging um „Rock den Himmel, mein Held“ (Eden Books, 14,95 Euro) von Ines Gillmeister. Sie war mit ihrem zweiten Kind schwanger, als ihr Mann Simon seine Diagnose bekam. Im Juli 2018 hat Ines ihren Mann an den Krebs verloren. Roßberg hat genau diese Erkrankung – das Multiple Myelom, ein aggressiver Blutkrebs. In 15 Monaten mit Chemotherapien, Bestrahlung und Stammzelltransplantationen hat sich der 35-Jährige in den Alltag und den Beruf als Portalmanager in einem Ulmer Medienunternehmen zurückgekämpft. Jetzt will er anderen klar machen: Krebs kann jeden treffen, aber Krebs darf kein Tabu sein und einem nicht den Lebensmut rauben.

Roßberg gehört der Patientengeneration 2.0 an. Sein iPhone ist ständig bei ihm, auch während seiner Wochen in der Klinik. Er chattet, fotografiert die Haare auf der weißen Bettdecke, die ihm zwei Wochen nach der ersten Chemo ausfallen. Unter ein Foto auf seinem Instagram-Account, das ihn mit Chemobeutel am Klinikfenster beim Sonnenuntergang zeigt, schreibt Roßberg: „Lecker Sundowner“. Er will es den anderen, den Gesunden, leicht machen, mit ihm in Kontakt zu bleiben. „Auf Instagram sieht ja jeder alles, was mit mir los ist und dass ich es mit viel Humor nehme.“

Seine Geschichte hat er auch in der Mitarbeiterzeitung und auf der Internetseite der DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) erzählt. Mit starken Rückenschmerzen im Mai 2016 war es losgegangen. Irgendwann kann Roßberg nicht mal mehr einen Mantel über dem Unterarm halten. Im September rät sein Physiotherapeut zum MRT. Das bringt schlagartig Klarheit. „In dem Moment, als ich erfuhr, dass ich Krebs habe, sind bei mir alle Lichter ausgegangen“, erinnert sich Roßberg.

Beinahe querschnittgelähmt

Er hat den Ärzten vertraut, seine Krankheit nicht gegoogelt, sondern sich der Behandlung gestellt. Sie beginnt noch im September. Eine falsche Bewegung, bekommt er zu hören, und er wäre querschnittgelähmt. Seine Knochen sind teilweise instabil, drücken auf den Spinalkanal. Was bedeutet: sechs Wochen Bettruhe, Korsett, intravenöse Chemo, Tabletten-Chemo, Spritzen, Bestrahlungen. Im Januar folgt eine Stammzellenentnahme und eine Hochdosis-Chemo, das Ganze wird im Frühjahr 2017 wiederholt.

Roßberg kann zwei Wochen lang nichts essen, selbst Wasser zu trinken ist fast nicht möglich, er verliert insgesamt 30 Kilo an Gewicht, handelt sich zwischendurch auch noch einen Keim ein, er übergibt sich und bekommt eine Schmerzpumpe. Fragt man ihn, was in dieser Zeit das Schlimmste war, kommt freilich die Antwort: der schmatzende Bettnachbar, und „dass ich immer der Jüngste war“. Denn „normalerweise“ trifft diese Krankheit vor allem ältere Menschen. Vielleicht hat diese Erfahrung in Roßberg die Motivation geschürt, jüngeren Krebspatienten ein Forum zu bieten. Nicht in Form einer örtlichen Selbsthilfegruppe, die es ja fast überall gibt, sondern ortsungebunden und, na klar, digital. Die von der Jörg-Hoppe-Stiftung initiierte und von ihm mitentwickelte App „Yeswecan-cer“ sei eine Art Tinder für Krebskranke, eine bundesweite Selbsthilfegruppe, erklärt er. Wer sich anmeldet, kann andere Betroffene oder Angehörige kennenlernen – mit Foto, persönlichen und medizinischen Angaben, etwa der Krebsart. Den digitalen Austausch findet Roßberg wichtig. Der kann überall stattfinden – im Wartezimmer, im Zug, im Bett.

Er sei nicht mehr der, der er vorher war, sagt Roßberg, wobei das eher eine falsche Fährte legt. Er sei immer schon ein positiv denkender, lebensfroher Mensch gewesen. Und ja, das ist er immer noch – sogar noch stärker. „Ich hätte ja auch im Rollstuhl landen können“, sagt er, „in der Klinik haben sie mir gesagt, ,das hätten Sie auch gewuppt und wären strahlend rausgerollt!’ Und das stimmt wahrscheinlich auch.“

Dennoch ist sich Roßberg im Klaren, dass seine Krankheit nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht heilbar ist. Er muss auch weiterhin starke Medikamente nehmen, ein Contergan-Nachfolgepräparat etwa, und ein Mittel zum Knochenaufbau. Er ist schneller müde, kann sich manchmal nicht optimal konzentrieren. Aber das zählt für Roßberg nicht. „Ich habe mir gesagt: Der Krebs zahlt keine Miete, der zieht wieder aus. Ich verdränge das Thema nicht, aber ich lasse es auch nicht mein Leben bestimmen.“

Unbedingt registrieren lassen

Roßberg weiß: Kommt der Krebs zurück, braucht er eine Fremdstammzellspende. Auch das ist ein Thema, für das er sich ins Zeug legt: „Ich habe ja selbst erlebt, dass so eine Knochenmarkspende nichts Schlimmes ist. Da sollte man sich unbedingt registrieren lassen.“ Auch Simon, der Mann der Buchautorin, die Roßberg vor einigen Wochen kennengelernt hat, suchte einen Spender – vergebens. Nicht immer zieht der Krebs aus. Simon konnte ihm nicht kündigen. Norman Roßberg aber kämpft. Er macht mit seinem Partner kleine Reisen und hat das Stand-up-Paddling für sich entdeckt. „Ich genieße jeden Tag.“

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Lebensrettende Blutstammzellen

Alle 35 Sekunden erhält ein Mensch auf der Welt die Diagnose Blutkrebs und ist dann möglicherweise auf eine lebensrettende Stammzelltransplantation angewiesen. Dabei werden Blutstammzellen von einem Spender auf einen Empfänger übertragen. Handelt es sich bei Spender und Empfänger um ein- und die selbe Person, nennt man das autologe Transplantation, bei einer Fremdspende allogene Transplantation.

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