Psychiatrie Spule gegen Depressionen

Prof. Christian Plewnia hält Thomas Möll eine Spule an den Kopf, die magnetische Impulse ans Gehirn schickt.
Prof. Christian Plewnia hält Thomas Möll eine Spule an den Kopf, die magnetische Impulse ans Gehirn schickt. © Foto: Petra Walheim
Tübingen / Petra Walheim 17.11.2018

Nach der zwölften Behandlung wurde der enorme Druck im Kopf leichter. Thomas Möll konnte für wenige Minuten seinen Körper wieder spüren. „Es war, als würde das Leben zu mir zurück kehren.“ Der 55-Jährige aus Sauldorf (Kreis Sigmaringen) litt eineinhalb Jahre lang an einer schweren Depression, galt als austherapiert. Er wollte fast schon aufgeben, da hat er im Universitätsklinikum Tübingen für Psychiatrie und Psychotherapie die Transkranielle Magnetstimulation (TMS) und Professor Christian Plewnia kennengelernt. Er, sein Team und seine Behandlungsmethode haben Thomas Möll geholfen. Heute steht er wieder mitten im Leben.

Wer Thomas Möll gegenüber sitzt, kann sich kaum vorstellen, dass es für ihn Zeiten gab, in denen er die Kraft nicht hatte, morgens aufzustehen, zu duschen, sich zu versorgen, zur Arbeit zu gehen. Im Gespräch ist seine Energie zu spüren, und dass er ein Schaffer und Macher ist, – nicht einmal ansatzweise der Typ, der schnell aufgibt. „Vor der Depression war ich in 32 Berufsjahren gerade mal fünf Tage krank“, sagt er. „Ich habe immer volle Pulle gearbeitet.“

„Ich war total antriebslos“

Bis zu dem Tag, an dem er seinen Arbeitsplatz verlor. Das war im Herbst 2015. Mit der Arbeit war auch die Energie weg. Thomas Möll erkrankte an einer schweren Depression, die ihn komplett lahm legte. „Ich konnte morgens nicht mehr aufstehen, war total antriebslos.“ Er konnte nicht mehr schlafen, nicht rausgehen, keine Leute treffen. Er konnte gar nichts mehr, hatte die Freude am Leben komplett verloren. Trotzdem versuchte er alles, um wieder auf die Beine zu kommen. Nahm Medikamente ein, ging zur Psychotherapie. Zuletzt war er vier Monate stationär  in einer psychiatrischen Einrichtung. „Das hat alles nichts gebracht. Null. Ich wollte nur noch heim, um zu sterben“, sagt er.

Über einige Umwege ist er ins Universitätsklinikum Tübingen gelangt und hat Christian Plewnia kennen gelernt. Der ist Ärztlicher Leiter des Zentrums für Hirnstimulation und suchte Probanden für eine Studie zu alternativen Behandlungsmethoden von Depressionen und Burnout. Möll entschied sich, an der Studie teilzunehmen. „Ich hatte ja nichts zu verlieren.“

Plewnia arbeitet seit 20 Jahren mit der Transkraniellen Magnetstimulation. Trotzdem ist sie kaum bekannt. Vielleicht auch deshalb, weil die Krankenkassen die Behandlung meist  nicht bezahlen. Dabei ist ihre Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen. „Es gibt Studien, die die Wirksamkeit belegen“, sagt Plewnia. Das reiche den Kassen aber derzeit noch nicht. In vielen Ländern außerhalb Europas gehöre die Transkranielle Magnetstimulation aber bereits zu den regulären Behandlungsmethoden der Depression, sagt der Prof.

Die TMS wirkt auf der Grundlage, dass Depressionen durch ein Ungleichgewicht in der Hirnaktivität ausgelöst werden. „Die Kontrolle für die Verarbeitung von negativen Gefühlen ist verloren gegangen“, sagt Plewnia. Deshalb übernehmen die negativen Emotionen die Macht und überschwemmen den Menschen. Die TMS bewirkt, dass das Hirnareal stimuliert wird, das für diese Kontrolle und die Balance zuständig ist. „Die Magnetstimulation aktiviert den inaktiven Bereich im Gehirn“, sagt der Professor. Das geschieht durch eine Spule, die dem Patienten bei jeder Behandlung etwa vier Minuten lang an den Kopf gehalten wird. Die Spule produziert magnetische Impulse und schickt sie ins Gehirn.  „Das tut nicht weh, manchmal britzelt es ein bisschen“, sagt Thomas Möll.

Weil die Behandlung täglich erfolgen muss, ist er zwölf Tage lang jeden Morgen von Sauldorf nach Tübingen gefahren, hat sich die Spule an den Kopf halten lassen und ist wieder heim gefahren. Es hat sich nichts getan. Bis zum Abend des zwölften Behandlungstages. Er lag im Bett und merkte auf einmal, wie es ihm leichter wurde, er seinen Kopf spüren konnte. Zuvor hatte er seinen Körper gar nicht mehr gespürt. Der Druck im Kopf ließ nach, die Hoffnungslosigkeit in ihm lockerte ihren Griff.

Plewnia hatte Thomas Möll angekündigt, wenn er wieder Angenehmes spüren könne, würde die Behandlung anschlagen. Bingo, dachte Thomas Möll. Die Behandlungsdauer wurde auf sechs Wochen ausgedehnt. „Danach ging es mir schon besser.“ Plewnia weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Behandlung nicht bei jedem anschlägt. „Etwas zwei Drittel der Patienten profitieren davon.“ Geholfen haben Thomas Möll auch die Gespräche nach der Behandlung. „TMS ohne psychotherapeutisches Gespräch gibt es bei uns nicht“, betont Plewnia. „Wir behandeln Menschen, nicht nur Gehirne.“ Deshalb sei es wichtig, die persönliche Situation und das Umfeld des Patienten in die Behandlung einzubeziehen. „Die Kombination von TMS und Psychotherapie ist wichtig, damit der Mensch den Weg zurück ins Leben findet“, sagt Plewnia.“

„Da war jemand, der sich Zeit für mich genommen und mich nicht unter Druck gesetzt hat“, sagt Möll.  Der Arzt habe ihm gesagt, er habe so viel Zeit für ihn wie er brauche, er höre einfach mal zu. „Auch das hat mir geholfen.“

Nach den sechs Behandlungswochen wurde eine Woche Pause eingelegt. Es folgte eine Woche mit der Spule, danach waren zwei Wochen Pause. So wurde die Behandlung langsam „ausgeschlichen“. Um einen Rückfall zu vermeiden, lässt sich Thomas Möll als Erhaltungstherapie in großen Abständen weiter behandeln.  Er ist noch nicht wieder so leistungsfähig wie vor seiner Erkrankung. „Aber das Gedächtnis kehrt zurück.“ Die Emotionen seien noch stark reduziert, aber auch da ist Thomas Möll zuversichtlich, dass sich das noch bessert. Seit Juni diesen Jahres arbeitet er wieder und ist dabei, sich mit einem Bekannten eine eigene Firma aufzubauen.

Hilfe am Zentrum für Hirnstimulation

TMS Menschen, die unter einer Depression leiden und Interesse an der Transkraniellen Magnetstimulation (TMS) haben, können sich an das Zentrum für Hirnstimulation im Universitätsklinikum Tübingen wenden. Dort wird die TMS angeboten. Der Ärztliche Leiter des Zentrums, Prof. Christian Plewnia, ermuntert Patienten, sie sollten sein Team einfach ansprechen. Mehr Info: www.stimulation-gegen-
depression.de wal

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