Wohnungsbetrug in BW: 95 m² für 750 € warm – leider zu schön, um wahr zu sein
- Wohnungsbetrüger nutzen günstige Anzeigen, um persönliche Daten oder Geld zu erschleichen.
- Die Masche: Keine Besichtigung möglich, internationale Makler und gefälschte Websites.
- Betrüger fordern oft Ausweiskopien – diese ermöglichen Identitätsdiebstahl.
- Wohnungsportale wie Immobilienscout24 setzen auf hohe Sicherheitsstandards.
- Betroffene sollten Anzeigen melden und bei der Polizei Strafanzeige erstatten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ping. Eine neue Mail zum grauen Novembermorgen. „Hallo, vielen Dank für Ihr Interesse und schön, Sie kennenzulernen“, schreibt Amalie Troelsen. Es gehe um die Wohnung in der Jahnallee 5 in Leipzig. Rund 95 Quadratmeter Altbau, schicker Dielenboden, neues Bad, sehr gute Lage. „Ich habe mit meinem Mann eine monatliche Miete von 750 Euro festgelegt“, inklusive Nebenkosten. Dazu nur zwei Monatsmieten Kaution, ein fast unschlagbares Angebot.
Endlich eine Wohnung! Oder? Trotz Euphorie bleibt das komische Bauchgefühl. Die Googlesuche zu Amalie Troelsen ist ergebnislos. Keine Bilder, keine Adresse, keine Publikationen. Stattdessen ist es ein Eintrag in einem Onlineforum, der stutzig macht. Die dort veröffentlichte Mail hat exakt denselben Wortlaut, nur die mutmaßliche Vermieterin trägt einen anderer Namen. Es ist nicht der einzige Eintrag.
„Ein paar Details über uns, wir sind Forschungsingenieure, die Immobilie wurde vor einigen Jahren während der Arbeit in Deutschland gekauft“, schreibt Amalie Troelsen weiter. Aufgrund ihrer Arbeit sei sie mit ihrem Mann nach Großbritannien umgezogen, die Wohnung stehe seitdem leer und werde nicht mehr gebraucht. „Wir dachten darüber nach, an verantwortungsbewusste Leute zu vermieten, die sich um die Immobilie kümmern würden, als wäre es ihr eigenes.“
Das 1 × 1 der Wohnungsbetrüger
Amalie Troelsen schreibt sehr persönlich. Einige Schreibfehler, aber der Nachname ist schließlich skandinavisch. Sie klingt sympathisch, fragt unter anderem nach der gewünschten Mietdauer, einigen Details zur Person, nach Haustieren und dem Arbeitsplatz. Und sie freue sich wahnsinnig über eine positive Rückmeldung.

Am 2. November nahmen die Betrüger via Mail Kontakt auf, am 3. November forderten sie eine Kopie des Personalausweises. Seitdem herrscht Funkstille.
Screenshot/Mailpostfach Valerie Zöllner„Ist das Betrug?“, fragen Nutzerinnen und Nutzer im Onlineforum. Ihre Posts sind Tage, Monate, manche sogar Jahre alt. Dabei scheint die Masche der Betrüger immer die gleiche zu sein. Die Eigentümer der Immobilien sind häufig Forschungsingenieure, wohnen immer außerhalb Deutschlands. Häufig in Spanien, Großbritannien oder in den USA. Deshalb könne leider niemand persönlich zur Besichtigung kommen. Stattdessen sei ein internationales Maklerbüro beauftragt, welches sich um alles Weitere kümmere. „Viele Grüße, Amalie Troelsen.“ Oder Maria de Angelis. Oder Adriana Morano.
Die Betrüger haben viele Namen. Manche geben nicht einmal vor, ein Maklerbüro zu sein und greifen stattdessen auf Portale wie Booking.com, Airbnb oder Tripadvisor zurück. Dabei erstellen Täter gefälschte Websites, die dem Original zum Verwechseln ähnlich sehen. Interessenten sollen dort Vorabzahlungen für die Wohnungsreservierung, die Kaution, als Pfand für den Wohnungsschlüssel und so weiter leisten.
Doch die Wohnung existiert gar nicht oder ist bereits bewohnt. Manche Betrüger führen sogar durch angemietete Airbnb-Wohnungen und vermieten direkt an mehrere Interessenten. Der klassische Wohnungsbetrug. Aber Amalie Troelsen fordert in ihrer Mail kein Geld. Jedenfalls noch nicht.
Ein Schlaraffenland für Betrüger
Auf Anfrage teilten die Wohnungsportale, Immobilienscout24 und Immowelt mit, dass der betrügerische Anteil auf ihren Plattformen unter einem Prozent betrage. Grund dafür seien mehrstufige Sicherheitssysteme, die die Inserate vor der Veröffentlichung scannen. Johanna Fitschen von Immobilienscout24 nennt dafür sogar konkrete Zahlen: „Wir investieren jährlich einen mittleren Millionenbetrag in die Betrugsprävention und beschäftigen ein 20-köpfiges Team.“
Ein Kampf gegen Windmühlen? Allein in Ulm schrieb eine Erstsemester-Studentin auf Wohnungssuche innerhalb eines Monats rund 30 Angebote an, vier oder fünf Anbieter versuchten sie zu betrügen. Der prekäre Wohnungsmarkt ist zu einem gefundenen Fressen für Betrüger geworden.
„Denn der Druck, schnell zu handeln und sich von anderen Bewerbern abzuheben, ist sehr hoch“, sagt Fitschen. Die Kehrseite davon: „Kriminelle nutzen diese Verzweiflung aus, um mit falschen Inseraten Geld zu ergaunern oder persönliche Daten abzugreifen“, sagt Pascal Kießling von der Plattform Immowelt.
Ping. Nicht einmal 24 Stunden später antwortet Amalie Troelsen, diesmal auf Englisch. Freundlich wiederholt sie einige Fakten und erzählt, dass ihre Kinder in London die Schule besuchen. Sie erwähnt auch den Auftrag an das internationale Maklerbüro, mit dem sie schon häufig zusammengearbeitet habe. Wodurch aber keine weiteren Kosten entstehen würden. Wenn weiterhin Interesse an der Wohnung bestehe, bräuchte sie nur eine Kopie des Personalausweises als PDF oder Foto.
Da ist es. Scheinbar ungefährlich, aber für die Betrüger pures Gold. Denn sobald die Täter diese Ausweiskopie erhalten, können sie online die Identität der betrogenen Person annehmen. Um dann weitere Personen zu betrügen – aber nun im Namen ihres ursprünglichen Opfers.
Wie kann ich mich vor Betrug schützen?
„Die Masche der Betrüger ist immer ähnlich“, sagt Kießling von Immowelt. „Die Wohnung inklusive Ausstattung in der Anzeige klingt verlockend, ist aber in der Realität nie für einen solch günstigen Preis zu haben.“ Dadurch steige das Interesse. Suchende sollten sich also fragen: „Ist der Preis realistisch für ein Objekt dieser Lage, Größe und Ausstattung? Passen die Fotos im Inserat zur Lage?“ Anbieter, die im Voraus Geld verlangen, sollten Suchende unter Betrug verorten. „Auch von Angeboten, bei denen eine Wohnungsbesichtigung angeblich nicht möglich ist, sollten Suchende Abstand halten“, sagt Kießling.
Schlechtes Deutsch oder Englisch kommen aufgrund von künstlicher Intelligenz nur noch selten vor. Stattdessen verwenden Betrüger gerne Namen realer Personen oder auch Firmen, die von dem Missbrauch nichts wissen. Möglicherweise sogar mit zuvor gestohlenen Identitäten. Da die Plattformbetreiber „meist nur indirekt geschädigt werden, müssen Betroffene selbst Anzeige bei der Polizei stellen“, erklärt Kießling. Das sei wichtig, auch wenn die Betrüger sich „oftmals in Ländern befinden, in denen europäische Ermittlungsbehörden keinen Zugriff haben.“
Seit der Betrugsmeldung ist die Anzeige auf der Plattform gelöscht. Auch gibt es keine weitere Mail von Amalie Troelsen. Doch das Problem ist damit lange nicht gelöst. Laut einer Prognose des Zentralen Immobilien Ausschusses, kurz ZIA, werden bis 2027 in Deutschland bis zu 830.000 Wohnungen fehlen. Und irgendwo wartet schon die nächste Amalie Troelsen auf ihre Opfer.
Was tun gegen Wohnungsbetrug?
Immobilienangebote können über einen Button im Inserat als Betrug gemeldet werden. Das Angebot wird gelöscht, das zugehörige Konto gesperrt und alle direkten Kontakte über den Betrugsfall informiert. Wenn bereits Daten oder Geld an die Betrüger übermittelt wurde, sollten Geschädigte unbedingt Anzeige bei der örtlichen Polizei erstatten. Das geht auch Online.
Allgemein gilt: Ausweiskopien, Gehaltsnachweise und allgemein sensible Daten sollten nur mit Wasserzeichen und geschwärzt herausgegeben werden. Sollten Dokumente dieser Art oder eine Vorauszahlung vor einer Wohnungsbesichtigung angefordert werden, kann das auf Betrug hindeuten.
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