Probleme der deutschen Wirtschaft
: Wieso ein junger Unternehmer überlegt, das Land zu verlassen

Vor fünf Jahren hat Nico Russ mit der Schuhentwicklung angefangen. Produzieren wollte er in Deutschland. Mittlerweile zweifelt er an seiner Standort-Entscheidung.
Von
Amina Gall
Ulm
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Jungunternehmer Nico Russ hatte große Hoffnung in Deutschland als Standort für sein Laufschuh-Startup. Mittlerweile sei er pessimistischer – und blickt nach Asien.

Matthias Kessler

Nico Russ ist ein leidenschaftlicher Läufer. Als Athlet beim SSV Ulm war er bis zu diesem Sommer aktiv. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass man auch als Gründer Ausdauer benötigt – und der Weg steinig sein kann. Vor fünf Jahren ist der gelernte Konstruktionsmechaniker mit seinem Start-up Infinite Running an den Start gegangen – und mit einem neuartigen Konzept: einem modular aufgebauten Laufschuh, der in Sachen Konstruktion und Nachhaltigkeit der Konkurrenz um Längen voraus ist.

Für ihn ist damals klar: Deutschland ist der richtige Standort, um seine nachhaltigen Laufschuhe zu produzieren. Für einen Produktionsstandard, der auch ethisch vertretbar ist, gebe es fast keine Alternativen.

Seit der Gründung hat sich für Russ aber einiges verändert, was ihn am Standort Deutschland zweifeln lässt. „Ich seh’s deutlich pessimistischer“, sagt er. „Über die drei Jahre haben sich viele Faktoren drastisch verschlechtert. Die unternehmerische Freiheit ist so eingeschränkt, dass man sich fragen muss, wie das zukünftig funktionieren soll.“

Bürokratie kostet viel Arbeitszeit

Ein Hauptfaktor, der ihn belastet, ist Bürokratie. „Der Großteil meiner Arbeit ist Anträge stellen, Papiere bearbeiten und lauter solche Sachen, wodurch vieles liegen bleibt, was eigentlich wichtiger wäre.“ Mit dieser Klage ist Russ nicht allein. Auch Christian Rammer vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sieht in der staatlichen Regelungswut ein Hemmnis für Firmen, Ideen umzusetzen. „Für mittelständische und kleine Unternehmen umso stärker, denn Bürokratiekosten sind oft Fixkosten.“ Soll heißen: Alle Unternehmen müssen die gleichen Formulare ausfüllen – große Konzerne haben die Möglichkeit, dafür extra Personal anzustellen. Bei kleinen Unternehmen bleiben diese Aufgaben oftmals am Chef hängen.

So muss sich Russ beispielsweise mit dem Verpackungsregister beschäftigen. Dafür muss er zu Beginn des Jahres eine Schätzung abgeben, wie viele Verpackungen sein Unternehmen im Geschäftsjahr versenden wird. Am Jahresende gibt er die tatsächlich versendete Zahl an. Warum es nicht reicht, nur die Zahl am Jahresende anzugeben, erschließt sich Russ nicht. Für den Vorgang muss er neue Anträge stellen, mit neuen Plattformen arbeiten, Datensätze überarbeiten – „was wieder unglaublich viel Arbeitskraft für nichts bindet“.

Energiepreise: Konstanz wichtiger als Höhe

Russ blickt deshalb nach China. Dort, so sagt er, gebe es weniger bürokratische Hürden. Außerdem seien die Energiepreise nicht nur niedriger, sondern auch konstanter. „Ich glaube, konstante Energiepreise sind noch wichtiger als die Höhe“, sagt Russ. Wichtig sei vor allem Handlungssicherheit. Ein gedeckelter Strompreis von einem Jahr könne da nicht viel helfen, meint Russ. Manche Firmen würden deshalb einen Energiepreispuffer einkalkulieren. Der schlage sich natürlich auch im endgültigen Produktpreis nieder.

Lohnstückkosten: Deutschland steht im europäischen Vergleich gut da

Der Preis von Produkten wird auch von den Personalkosten beeinflusst. Zwar stehe Deutschland im europäischen Vergleich gut da, was die Lohnstückkosten betrifft. „Anders“, so Rammer, „sieht es natürlich aus, wenn der Konkurrent aus Vietnam oder Bangladesch kommt“ – oder dort fertigen lasse.

Konkret bedeutet das: Inklusive Lieferung könne er sich fünf Produkte aus China kommen lassen – für den deutschen Produktionspreis von einem, sagt Russ. Die für ihn wichtigen ethischen Rahmenbedingungen seien dort zwar nicht gegeben. Das würde aber die Kaufentscheidung der Kunden kaum beeinflussen. „Moral bringt einem nicht die Butter aufs Brot“, sagt er resigniert.

Kaufentscheidung hängt nicht nur vom Preis ab

ZEW-Experte Rammer sieht das differenzierter. Es lasse sich schwer verallgemeinern, inwieweit Nachhaltigkeit und gute Arbeitsbedingungen Kaufentscheidungen beeinflussen. Das hänge stark von den jeweiligen Produkten und der Käuferschicht ab. Im unteren Einkommensbereich müssten Menschen vermehrt auf ihr eigenes Budget achten, sagt Rammer. „Ethisch-moralische Aspekte des Kaufs treten dann zurück.“

In höherpreisigen Segmenten sei Deutschland aber ein guter Markt für fair gehandelte und nachhaltige Produkte. Hier gebe es bereits eine Käuferschicht, die auf diese Schlagworte stark reagiert, „stärker noch als in anderen Ländern“. Russ hat allerdings das Gefühl, dass Markennamen mehr zur Kaufentscheidung beitragen, als das Thema Nachhaltigkeit. „Man will bei sowas wie Prestige nicht zurückstecken“, sagt er.

Marktführer sollten mehr auf Nachhaltigkeit setzen

Russ wünscht sich deshalb, dass die Big Player der Branche mehr Verantwortung übernehmen. „Sie hätten die Marktmacht, um etwas schnell zu verändern.“ Die Politik solle dafür auch mehr auf diese Unternehmen schauen und Fehlverhalten härter sanktionieren.

Ganz abgeschlossen hat Russ mit Deutschland nicht. Noch hofft er darauf, dass sich die Umstände verbessern. Wenn das nicht geschieht, muss er sich entscheiden, was ihm wichtiger ist: Moral oder Wirtschaftlichkeit.

Wechselbare Sohlen für mehr Nachhaltigkeit

Abgelaufene Sohlen machen die Sportschuhe unbenutzbar – auch wenn der Schuh an sich noch völlig intakt ist. Die Lösung: auswechselbare Sohlen. Laut Infinite Running Website könne dann ein Paar Laufschuhe so lange halten wie sechs Paar anderer Anbieter. Die Module lassen sich außerdem an den Laufuntergrund anpassen. Mittlerweile vertreibt Infinite Running auch Alltags- und Wanderschuhe. Hergestellt werden die Schuhe von Hill Sohlenfabrikation in Pirmasens. Dort arbeiten 20 Mitarbeiter. Infinite Running beschäftigt aktuell 3 Angestellte.