Verhütung: 200.000 gefälschte Kondome im Umlauf – wie man sichere Gummis erkennt

Kondome schützen vor sexuell übertragbaren Krankheiten und Schwangerschaft. Sie wurden in den vergangenen Jahren wieder beliebter. Und lösten die Pille als Spitzenreiter der Verhütungsmethoden ab.
Ann-Marie Utz/dpa- OLAF deckt Schmuggel von über 200.000 gefälschten Kondomen nach Europa auf.
- Die Gummis sind ungeprüft und unsicher – Risiko für Infektionen, Schwangerschaften, Chemikalien.
- Quelle lag in China, Ware als Spielzeug deklariert; Einfuhrregeln für Medizinprodukte gelten.
- Sicher erkennen: CE-Kennzeichen mit vierstelliger Nummer, LOT, Haltbarkeit, Herstelleradresse, Größe.
- Kaufempfehlung: Apotheke oder Drogerie nutzen – Online-Marktplätze mit Drittanbietern sind riskant.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es klingt nach einem spannenden Kriminalfall, nur dass die Ware, um die es hier geht, ein bisschen irritiert. Denn auf der grenzüberschreitenden Schmuggelroute, die das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) jüngst aufgedeckt hat, wurden nicht etwa Gold, Elfenbein, Drogen, Alkohol oder Zigaretten verschoben, nein, mehr als 200.000 gefälschte Kondome gelangten so nach Europa. Der ursprüngliche Marktwert der Kondome wurde auf mehr als 200.000 Euro geschätzt, also gerade mal ein Euro pro Stück.
Die Gummis wurden dann verkauft – unter Verwendung des Namens und Logos einer bekannten Marke. Um welche es sich dabei handelt, verrät die Behörde nicht.
Das Problem an geschmuggelten Kondomen beschreibt OLAF-Generaldirektor Petr Klement mit deutlichen Worten: „Gefälschte Kondome sind gefährlich. Sie sind ungeprüft, unkontrolliert und unsicher.“ Wer glaubt, dass er sicher verhütet, dabei aber ein unsicheres Kondom benutzt, kann zur Ausbreitung sexuell übertragbarer Infektionen beitragen. OLAF warnt, dass die Verwendung dieser Kondome die Verbraucher Gesundheitsrisiken wie sexuell übertragbaren Infektionen, ungewollten Schwangerschaften sowie dem Kontakt mit unsicheren Chemikalien und Materialien aussetzen kann.
Tripper und Syphilis auf dem Vormarsch
Unsichere Kondome sind vor allem vor dem Hintergrund ein Problem, dass diese Verhütungsmethode seit ein paar Jahren wieder deutlich beliebter geworden ist. Mehr als 50 Prozent der Befragten einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gab an, Kondome zu nutzen – nur 38 Prozent nannten die Pille. Außerdem nehmen sexuell übertragbare Krankheiten in Europa zu: Laut dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) wurden im Jahr 2024 106.331 Fälle der auch als Tripper bekannten bakteriellen Infektionskrankheit Gonorrhö registriert. Das bedeute einen Zuwachs von 303 Prozent seit 2015. Die Zahl der Syphilis-Fälle habe sich demnach im selben Zeitraum auf 45.577 mehr als verdoppelt, zitiert die „Apotheken Umschau“. Chlamydien blieben mit 213.443 Fällen die am häufigsten gemeldete sexuell übertragbare Infektion.
Nach ersten Hinweisen von nationalen Behörden hatte OLAF Datenbanken durchsucht und war auf eine Quelle in China gestoßen. Dort fand das Amt in Zusammenarbeit mit chinesischen Behörden den für die Lieferungen verantwortlichen Exporteur. „Die Waren waren fälschlicherweise als Spielzeug deklariert worden – offenbar, um sich den Kontrollen der nationalen Behörden zu entziehen“, erklären die Betrugsbekämpfer. In Europa gelten Kondome als Medizinprodukte. Bei der Einfuhr müssen sie Gesundheits- und Sicherheitsnormen erfüllen.
„Kondome sind Medizinprodukte der Klasse IIb, für die strenge Anforderungen an Sicherheit und Leistungsfähigkeit sowie an das Qualitätsmanagement des Herstellers gelten“, erklärt Manfred Beeres, Pressesprecher des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed), auf Anfrage. Für Kondome gelten zudem strenge Vorgaben, die Anforderungen an Konstruktion, Qualität, Verpackung und Prüfverfahren festlegen, außerdem zu mikrobieller Verunreinigung, Biokompatibilität, Dichtigkeit, Abmessungen, Haltbarkeit und Stabilität.
Ob diese Vorgaben erfüllt und geprüft wurden, können auch Laien erkennen. So sind zertifizierte Medizinprodukte mit einer CE-Kennzeichnung mit vierstelliger Kennnummer versehen, die auf die Stelle verweist, die die Zertifizierung durchführt und überwacht. Pflichtangaben auf der Verpackung sind zudem Chargennummer (LOT), Haltbarkeitsdatum, Herstellerangabe mit europäischer Adresse beziehungsweise EU‑Bevollmächtigtem und eine Größenangabe, wie Beeres erklärt.
„Riskant sind Online-Marktplätze mit Drittanbietern“
Verdächtig seien Produkte, bei denen die vierstellige Kennnummer hinter der CE-Kennzeichnung oder andere Pflichtangaben fehlen. „Zudem sind Preis und Bezugswege Faktoren. Ein Markenkondom, das zu einem Bruchteil des üblichen Preises über einen obskuren Online-Händler angeboten wird, ist verdächtig – unabhängig davon, wie echt die Verpackung aussieht“, sagt der Pressesprecher.
Käufer sollten seiner Empfehlung nach grundsätzlich auf Bezugswege mit kontrollierter Lieferkette achten, also beispielsweise Apotheken oder Drogeriemärkte, die die Produkte direkt vom Hersteller oder über autorisierte Großhändler beziehen. „Riskant sind dagegen Online-Marktplätze mit Drittanbietern, bei denen unklar ist, wer tatsächlich verkauft und woher die Ware stammt.“ Bei einem gemeinsamen Test von Stiftung Warentest mit belgischen und dänischen Verbraucherorganisationen erfüllten mehr als zwei Drittel der auf Temu und Shein gekauften Produkte nicht die EU-Sicherheitsanforderungen, erklärt er. Das könnte auch auf Kondome zutreffen.
OLAF jedenfalls äußert sich etwas erleichtert: „Dank der Untersuchung konnte der Zustrom einer großen Menge an Kondomen unterbunden werden, die nicht den EU-Qualitätsanforderungen entsprachen.“ Die Behörde will weiterhin eng mit nationalen Behörden, Rechteinhabern und internationalen Partnern zusammenarbeiten, um neue Bedrohungen zu erkennen und illegale Lieferketten für gefälschte Waren zu unterbinden.
Ritex mit 14,8 Millionen Euro Umsatz
Ritex aus Bielefeld ist der einzige Hersteller, der ausschließlich in Deutschland produziert. Im Jahr 2024 erzielte er mit einem Jahresumsatz von 14,8 Millionen Euro einen Firmenrekord. Seine und viele weitere Produkte wurden im vergangenen Jahr auch der Prüfung durch Stiftung Warentest unterzogen, die meisten schnitten mit sehr gut oder gut ab. Der Großteil der Weltproduktion kommt aus Malaysia, Thailand, Indien oder China.
Die Konkurrenz durch nicht regulierte Billigware ist laut dem Bundesverbands Medizintechnologie insbesondere durch den Direktversand gestiegen. Der Marktanalyst Mordor Intelligence schätzt die Größe des weltweiten Kondommarkts aktuell auf 12,77 Milliarden US-Dollar, Tendenz steigend. Das Wachstum des Kondommarkts werde durch ein gesteigertes Bewusstsein für sexuell übertragbare Infektionen, erweiterte Budgets für die öffentliche Gesundheitsprävention und Fortschritte in der Materialtechnologie angetrieben.


