Regionale Wirtschaft
: Vom Amboss zum Luftkissen

Interstuhl fertigt Sitz-gelegenheiten, die praktisch und zugleich stilvoll sind. Aus einer Schmiede wurde ein Unternehmen, das die Weltkugel nicht nur im Logo hat. Die Firma von der Alb beliefert namhafte Kunden.
Von
TEXT: Johannes Schweikle, FOTOS: Horst Haas, Unternehmen
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Nicht gesetzt

Stolz zeigt Helmut Link auf ein Exponat, das so gar nicht in diesen modernen Ausstellungsraum passt. Ein schwerer Amboss steht im Blickpunkt. Ordentlich poliert, aber mit groben Gebrauchsspuren. Da hat ein Schmied oft und kräftig zugeschlagen.

Dann führt der Mann im anthrazitfarbenen Anzug ein paar Schritte weiter und sagt: „Das ist der Airpad.“ Vor ihm steht ein schwarzer Bürostuhl. Klares Design, mit einem Hauch von Nichts als Rückenlehne. Eine transparente Membran ist über filigrane Stege gespannt. Im ersten Moment traut man sich nicht richtig anzulehnen, aber dann sitzt man bequem gepolstert. „Das Material kommt aus der Filterindustrie“, sagt Link und strahlt, „keine Sorge, es ist stabil.“

Mit diesen beiden Exponaten ist die Firmengeschichte von „Interstuhl“ im Wesentlichen erzählt. Sie handelt davon, wie ein Familienbetrieb auf der Schwäbischen Alb den Strukturwandel gemeistert hat. Der Großvater war der Dorfschmied von Tieringen. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg immer weniger Pferden die Hufe beschlagen musste, überlegte er, was ein Schmied sonst noch kann, und fertigte Untergestellte für Nähmaschinentische. Weil die Näherinnen bei der Arbeit ja auch sitzen müssen, baute er ihnen Stühle. Sie hatten einfache Formen, waren drehbar und hießen „Bi-Regulette“. Als der Sohn des Schmieds in den Sechzigerjahren eine stilisierte Weltkugel als Markenzeichen der jungen Firma „Interstuhl“ wählte, war auf der Alb von Größenwahn die Rede.

Heute führt die dritte Generation, die Brüder Joachim und Helmut Link, eine Fabrik, die weltweit zu den größten Herstellern von Arbeits- und Bürostühlen gehört. Tieringen hat 1030 Einwohner, „Interstuhl“ beschäftigt 650 Mitarbeiter. Sie fertigen jeden Tag 4000 Stühle. Der billigste kostet rund 150 Euro, der teuerste war ein Einzelstück: Ein Chef wollte das Topmodell „Silver“, aber mit vergoldeter Rückenlehne, dieser Sessel war ihm 70 000 Euro wert.

Ein Rundgang durch die Fabrik beginnt in der Entwicklungsabteilung. Sie beschäftigt 30 Mitarbeiter, vergangenes Jahr hatten sie ein Budget von 12 Millionen Euro. „Wir streben Produktüberlegenheit an“, sagt Helmut Link. Er ist 46 Jahre alt, hat Betriebswirtschaft studiert, einen Teil seiner Ausbildung absolvierte er in Spanien. In Mexiko hat „Interstuhl“ ein kleines Zweigwerk eröffnet. „In Südamerika fühle ich mich wohler als in Asien“, sagt Link offen und lacht. Der große Mann wirkt entspannt, aber er hat noch was vor: Bis 2015 wollte „Insterstuhl“ Marktführer in Europa sein. Das hat nicht geklappt, deshalb hat er ein neues Ziel ausgegeben: die Weltmarktführerschaft, 2020 soll’s so weit sein.

Ein Bürostuhl besteht im Schnitt aus 400 Einzelteilen. Zu 85 Prozent werden sie in Tieringen hergestellt oder veredelt. In einer eigens entwickelten Anlage werden Polster aus zwei Komponenten geschäumt. In der nächsten Halle knallen Druckluftpistolen, sie tackern Bezüge auf Sitzflächen. Eine Frau in der Näherei ist gerade mit dem Topmodell „Silver“ beschäftigt, für die Nähte einer Armlehne braucht sie 15 Minuten.

Weil „Interstuhl“ so viel selbst macht, kann die Firma flexibel auf Kundenwünsche reagieren. Der Formel-I-Rennstall McLaren bekam Sessel mit orangefarbenen Nähten, und das Logo für die Rückenlehne war auch kein Problem. Als Porsche neue Bürostühle brauchte, kam ein Angebot von der Alb: Die Rollen werden wie Porschefelgen gestaltet. Hat aber nichts genützt, der Auftrag ging an die Konkurrenz.

„Ein Stuhl ist keine Weltanschauung“, lautet ein in Tieringen viel zitierter Satz des Firmengründers. Soll heißen: Dieses Möbelstück muss praktisch, solide und funktional sein. Wer mehr als das Normgewicht von 120 Kilo auf die Waage bringt, braucht erst reicht einen guten Schreibtischstuhl. Als Helmut Kohl noch Kanzler war, bekam er eine Sonderanfertigung. „Da war mein Vater noch in der Firma“, sagt Holger Merz aus dem Verkauf. Stolz verweist er noch auf einen anderen Referenzkunden: „Wie Sie wissen, verkauft Ikea auch Bürostühle. Aber die Frauen an der Ikea-Kasse sitzen auf Stühlen von uns.“

Erkenntnisse von Orthopäden und Arbeitsmedizinern fließen in die Konstruktion neuer Modelle ein. Aber das Ergebnis soll nicht nach dem Sanitätshaus aussehen, sondern gestalterische Ansprüche befriedigen. „Design hat für uns nichts mit Verhübschung zu tun“, sagt Helmut Link, „Designstrategien sind eine integrale Aufgabe im Unternehmen.“ Das klingt nach Marketing, ist aber ernst gemeint. Die Firma von der Alb beauftragt namhafte Gestalter. Hadi Teherani und Phoenix Design haben Stühle entworfen, der Avantgarde-Architekt Werner Sobek durfte in Tieringen bauen: den neuesten Teil des Werks, und das Wohnhaus von Helmut Link, er lebt mit seiner Familie in einem gläsernen Kubus am Waldrand.

Die Förderbänder im Werk sind mit Leitplanken gesichert, damit die ständig fuhrwerkenden Gabelstapler nicht dagegen stoßen. Fertig verpackte Stühle rollen mit leicht schwankender Rückenlehne ins Lager. Sie werden an Audi geliefert, auf roten Aufklebern steht die Serviceanweisung: Jeder Bürostuhl wird bis an den jeweiligen Schreibtisch getragen, die Schutzfolie entfernt und alles Verpackungsmaterial wieder mitgenommen.

„Interstuhl“ bietet 13 000 Modellvarianten an. Es gibt Laborstühle mit desinfizierbaren Bezügen, es gibt erhöhte Arbeitsstühle mit Aufstiegshilfen. Das Angebot berücksichtigt auch die hierarchischen Bedürfnisse von Unternehmen. Der Bürostuhl „MOVYis3“ ist mit niedriger und hoher Rückenlehne lieferbar. Der Ranghöchste kann seine Position noch mit einer Nackenstütze dokumentieren.

Wie sitzen die Chefs der Stuhlfabrik? In den Büros der Brüder Link steht das Topmodell „Silver“. Hoher Rücken, rehbraunes Leder. „Ergonomisch wäre ein hochwertiger Wollstoff besser“, sagt Helmut Link. „Er ist besser durchlüftet, man rutscht nicht so und hat besseren Kontakt zur Sitzfläche.“

Aber? Link lacht und sagt: „Mein Büro dient halt auch als Showroom.“ Da will er Kunden nicht unnötig vor den Kopf stoßen, sondern die gängige Erwartung bestärken: Wer das Sagen hat, hat auch einen Ledersessel.

Wie sitzt James bond

„Überall braucht man unser Produkt“, sagt Helmut Link, „aber wir haben nicht genug Geld für Werbung im großen Stil.“ Deshalb pflegt er lieber den Kontakt zur Filmindustrie. Ein Agent für Product Placement wurde aktiv,

die Setdesigner schauten sich im Showroom in London um. Weil ihnen gefiel, was sie sahen, stellte „Interstuhl“ für den Dreh des jüngsten James Bond 70 Barhocker zur Verfügung, Modell Kinetic. In Tieringen wartete

man bang, ob sie auch im Film auftauchen würden. Die Firma hatte Glück:

Sie stehen gut sichtbar im Labor der Bösen. Der Chef strahlt und sagt: „Wenn man etwas Schönes macht, kommt man zu James Bond.“